Hannover - Als der Fußballbundesligist Hannover 96 vor ein paar Wochen in die neue Saison startete, blieben während der ersten Heimpartien im Stadion einige der bequem gepolsterten mattroten VIP-Sitze auf der Osttribüne frei. Hier hatten eigentlich die Vorsitzenden der Ratsfraktionen Platz nehmen sollen, kostenlos auf Einladung des Klubs, wie es seit 30 Jahren üblich ist. In sportlicher Hinsicht verpassten die Kommunalpolitiker in den durchwachsenen ersten Begegnungen (0:1, 3:2, 0:3) nicht viel, aber darauf wäre es aus Sicht der Stadt auch nicht angekommen. Die Volksvertreter, sagt Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD), sollten während der Spiele vor allem Kontakte pflegen, zum Beispiel mit führenden Köpfen der Wirtschaft. »Das nützt der Stadt und ist in jeder anderen Bundesligastadt so.«

Anlass für den erzwungenen Verzicht auf Brot und Spiele in Hannover war ein unangemeldeter Besuch von Staatsanwälten im 60 Kilometer entfernten Wolfsburger Rathaus. Noch vor Saisonbeginn hatten dort Ermittler Unterlagen sichergestellt, weil Politiker ohne dafür zu bezahlen Zugang zum VIP-Bereich des Wolfsburger Stadions hatten. Wolfsburgs Verwaltungschef Rolf Schnellecke (CDU) war empört; in der Landeshauptstadt Hannover aber sah Oberbürgermeister Weil nun Handlungs- und Klärungsbedarf. Vorsichtshalber gab er die vom Verein überlassenen Tickets nicht an die Fraktionen weiter. Immerhin hätte Hannover 96 für die zur Verfügung gestellten VIP-Karten im freien Verkauf bis zu 4200 Euro pro Saison und Stück verlangt. Und wie in Wolfsburg haben sich Ermittler inzwischen auch im Rathaus der Landeshauptstadt Akten gesichert.

Was darf der Ratsherr annehmen, was muss er ablehnen? OB Weil, selbst Jurist, wollte Rechtssicherheit. »Wir müssen jeden Anschein vermeiden, Ratsmitglieder seien käuflich«, sagt er. So kam es, dass Hannover eine Art Ehrenkodex für Kommunalpolitiker beschloss. Die Formulierungen wurden gemeinsam mit dem niedersächsischen Innenministerium erstellt, Vorbild war das Beamtengesetz. Bargeld, Gutscheine, Geschenke, Preisnachlässe bei Einkäufen müssen abgelehnt werden, ebenso unangemessen hohe Honorare etwa für Vorträge. Auch sexuelle Offerten dürfen Ratspolitiker nicht ohne sorgfältige Prüfung möglicher Hintergedanken annehmen. Und Eintrittskarten dürfen sie nur akzeptieren, wenn diese in Zusammenhang mit dem Mandat stehen. Kulturpolitiker etwa können Einladungen ins Theater annehmen, »geringwertige Aufmerksamkeiten« im Wert von bis zu zehn Euro anzunehmen bleibt ebenfalls gestattet, Kugelschreiber wie Kalender.

Und auch die wichtigste Grundsatzfrage wurde entschieden, in diesem Fall ganz im Sinne der Politiker. Da Fußball als gesellschaftliches Ereignis in jeder Hinsicht von Bedeutung ist, dürfen die Fraktionschefs weiterhin die kostenlose Einladung in den VIP-Bereicht des Hannoverschen Stadions akzeptieren.