Die Unberührte – Seite 1

Der Tag beginnt rustikal. Frühstück in Hadibu. Im Schatten des Taj Socotra Hotels sitzen wir an wackligen Holztischen. Irgendwo hinter dem grob gemauerten Steinbau brummt ein Generator. Der eilfertige Kellner, ein 15-jähriger Junge, spannt eine grün-weiß-gestreifte Plastikplane über den Tisch und bringt den jemenitischen Frühstücksklassiker Foul, das ist Bohnenmus, und Tee sowie für uns Touristen als Dreingabe Honig und Erdbeermarmelade. Dann sprintet er in die glutheiße Backstube und kommt mit knusprigem Fladenbrot zurück. Vorwitzige Ziegen streichen um die Tische, eine schnappt erfolgreich nach einer Rolle Klopapier. Auch ein paar Schmutzgeier lauern in geringer Fluchtdistanz. "Keine Feier ohne Geier", ulkt am Nachbartisch der Kölner Lockenkopf, der die Sitten auf Sokotra schon kennt. Dazu strahlt die Sonne und taucht die schneeweiße Moschee und die schroffen Zinnen des Haghir-Massivs in warmes Morgenlicht.

Mit Yemenia sind wir durch die Nacht geflogen, von der jemenitischen Hauptstadt Sanaa mit Zwischenstopp in der Hafenstadt Mukalla im Südjemen, dann noch einmal 350 Kilometer über den Golf von Aden zur Insel Sokotra im Indischen Ozean. Jetzt wollen wir das Naturparadies erkunden, dem der Ruf vorauseilt, das "arabische Galapagos" zu sein, ein einzigartiges Refugium für Flora und Fauna. Vor Abermillionen Jahren brach die felsige Insel, die etwa viermal so groß ist wie Rügen, vom afrikanischen Kontinent ab. Und blieb seitdem abgeschottet und unberührt von den Weltläuften – trotz der frühen Erwähnung durch einen griechischen Kapitän in der Antike, einer Stippvisite von Marco Polo und forschenden Geologen, Botanikern und Zoologen in der Neuzeit. Von 1967 bis zur jemenitischen Vereinigung im Jahr 1990 gehörte Sokotra zur Volksrepublik Südjemen. Einige schrottreife sowjetische Panzer stehen noch an der Nordküste und zielen auf den Golf von Aden.

Doch seit ein paar Jahren hat auch in Sokotra eine neue Zeitrechnung begonnen: die touristische Ära. Jetzt ist Sokotra buchbar. Der Bau des Flughafens in Hadibu war der Türöffner. Jede Woche landen zwei Boeing-737-Maschinen voller Entdecker mit Rucksäcken. Sie werden von jungen einheimischen Führern und Fahrern in Land Cruisern abgeholt. Unser Fahrer heißt Farid und spricht nur Sokotri, während Adham, unser Guide in blau geblümtem Wickelrock und gelben Badelatschen, seit vier Jahren abends auf der Language School Englisch paukt: "English ist very important for the future of Sokotra." Die Zukunft ist touristisch, ökotouristisch, und bietet Arbeit, daran glaubt nicht nur Adham, sondern jeder, mit dem wir in den folgenden Tagen sprechen werden.

Über eine steinige Piste ruckelt unser Geländewagen von der Küste zum Diksam-Hochplateau. Jahrhundertealte Drachenblutbäume beschirmen die kahle Landschaft aus Büschen und Sträuchern. Erst sehen wir nur Solitäre, dann stehen sie in Gruppen, jenseits der Schlucht überzieht schließlich ein dichter Märchenwald den Hang. Der knorrige Stamm der Dracaena cinnabari verästelt sich vielfach und formt eine pilzartige Schirmkrone mit stachligen grünen Blättern. Das dunkelrote, von Geheimnissen umrankte Harz, das Drachenblut, wird auch heute noch aus der Rinde gesammelt. Es diene vorwiegend zum Färben von Töpferwaren und als Heilmittel, erzählt uns Adham, man nütze es als Blutstiller etwa nach Kindsgeburten.

Doch die Drachenblutbäume, Wahrzeichen der Insel, sind gefährdet – vor allem durch die gefräßigen Ziegen. Deshalb werden die Schösslinge inzwischen mit Zäunen gegen den Verbiss geschützt. Überhaupt, diese blöden Ziegen! Die Überweidung von Flächen durch große Herden führt zum Verlust der natürlichen Bodendecke und zu fortschreitender Erosion. Der Tierzählung 2001 zufolge sind 78 Prozent der 91.000 Nutztiere Ziegen, erklärt uns Adham, der Rest Schafe, Kamele und Rinder. Wie viele Menschen es auf der Insel gibt, weiß dagegen keiner so genau: mal hört man 40.000, mal liest man 60.000. Bergbewohner, die wie ihre Urahnen in Großfamilien wohnen und Viehzucht betreiben, und Küstenbewohner größtenteils afrikanischer Herkunft, die vom Fischfang, Handel und Handwerk leben.

Steil und kurvenreich geht es hinunter ins Wadi Derhor, das die Hochfläche durchschneidet. Ein paar flache Steinhäuser ducken sich unter einem Hain von Dattelpalmen, auf der blauen Plane eines Dachs trocknet Hirse. Wir wandern ein Stück durch das Trockental. In der Regenzeit kommt viel Wasser ins Wadi, jetzt verlieren sich nur Tümpel zwischen dem Geröll und den Granitblöcken. Verschleierte Frauen in bunten Gewändern rubbeln Wäschestücke auf Steinen, andere schöpfen das kostbare Wasser in Kanister. Als Vida aus Nijmegen ein Foto aus der Hüfte schießen will, winkt eine Frau mit erhobenem Zeigefinger ab. Nur ein paar Jungs nähern sich, gucken uns forschend in die Augen, stupsen uns mit dem Finger an. Als wir umkehren, verfolgt uns einer der Jungen. Er will es wissen: Warum kommen die Leute hierher? Weil es so schön ist, antwortet Katharina aus London wahrheitsgemäß.

Wir machen ein Picknick im Wadi (mit Ziegen) und können uns an den Flaschenbäumen, die an den verkarsteten Felswänden des Tales wachsen, nicht sattsehen. Unten tonnenförmig, oben filigran: geschwollene Stämme, die Wasser für die Trockenzeit speichern, und dürre Äste, die mit zartrosa Blüten dem hellblauen Himmel zustreben. Diese bizarren Gestalten, kein Baum gleicht dem andern, beflügeln die Fantasie. Könnten es nicht Marktfrauen sein, die beieinanderstehen und schwatzen? Vor Sonnenuntergang fahren wir hinunter in die Nojad-Ebene an der Südküste und schlagen die Zelte im Schutz der Sanddünen auf. Zum Abendmahl gibt es frisch geschlachtete Ziege. Katharina, die Astrologin, bekommt ganz leuchtende Augen, nicht von der zähen Ziege, sondern von der hellen Venus-Jupiter-Konjunktion am Sternenhimmel.

Sokotra ist eine Schatztruhe für Naturfreunde, voller botanischer Kostbarkeiten. 800 Farne und Pflanzen wachsen auf der Insel, ebenso viele Korallenarten, ein Drittel der Gewächse sind endemisch, kommen also nur hier vor. Es gibt sukkulente Euphorbien, besser bekannt als Wolfsmilchgewächse, sieben Boswellia-Arten – aus dreien wird noch Weihrauch gewonnen –, die Aloe, deren Saft in ausgebreiteten Ziegenhäuten gesammelt wird, die weniger nützliche Caralluma socotrana, die Fliegen und Käfer mit Aasgeruch betört, die Sokotra-Feige, deren Blüten einer Wüstenrose ähneln.

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Doch auf die Schatztruhe muss jemand aufpassen, damit nicht inselfremde Piraten und beutegierige Schmutzgeier sie plündern. Mit dem Dekret 275 (Conservation Zoning Plan for the Development of Socotra) stellte der jemenitische Präsident Ali Abdullah Saleh 73 Prozent der Inselfläche unter Naturschutz. Im Jahr 2003 erklärte die Unesco Sokotra zum Biosphärenreservat. Zahlreiche internationale Organisationen haben in Hadibu ein Büro eröffnet und wollen den Insulanern mit Programmen zur Entwicklungspolitik und zum Umweltschutz helfen. Aber das richtige Maß zu finden zwischen Konservierung und Entwicklung (Infrastruktur, Tourismus, Arbeitsplätze) ist delikat.

Im vergangenen Jahr besuchten 2000 Touristen die Insel. Absolut gesehen nicht viel. Aber zu Neujahr brach der Notstand aus: 300 Touristen! Auf einen Schlag! Da kam Sokotra an seine Grenzen. Alle Autos waren auf Achse (es gibt nur 40, meist aus den Emiraten importierte Land Cruiser), auch Lastwagen mussten zum Touristentransport herhalten; die 20 englischsprachigen Guides waren ausgebucht und die Hotels proppenvoll. Hotels gibt es nur im kleinen Hauptort Hadibu, ein halbes Dutzend, davon gelten zwei als sauber. Wie gut, dass die Programme der Reiseveranstalter überwiegend "Übernachtung im Zelt" vorsehen. Noch regulieren zwei Yemenia-Flüge pro Woche die Zahl der Touristen.

Wo ein solch attraktives Naturkapital "brachliegt", ist die Begehrlichkeit groß, die Natur für den Tourismus auch unsanft aufzubereiten. So soll der Neffe des Präsidenten am bisher jungfräulichen Delisha-Strand ein 60-Zimmer-Hotel, mit Tauchbasis, munkelt man, errichten lassen. Und der Präsident hat bei seinem letzten Besuch verkündet, dass die schon bestehende asphaltierte Küstenstraße im Norden zu einer Ringstraße rund um die Insel ausgebaut werde. "Warum? Für wen?", ereifert sich der einheimische Experte einer Ökoorganisation. "Für das Militär? Um die Delfine bewachen zu lassen?" Die Ringstraße würde wertvolle Pflanzen und Riffe zerstören. "Fast alle Sokotri sind dagegen." Und müssen weiter auf der Hut sein. Nachdem die Baufirma für einen Abschnitt im Norden kurzerhand die im Weg stehenden Drachenblutbäume fällte, alarmierte die Bevölkerung die Polizei. Sie erreichte auch, dass die Küstenstraße nicht geradewegs durch die geschützte Qalansiyah-Bucht mit ihrer großen Lagune geführt, sondern durch die Berge umgeleitet wurde.

Vom Bergkamm steigen wir hinunter zur Lagune. Der weiße Sand, das türkisfarbene Meer, die hohen Dünen, die ockerfarbenen Zackenberge. Ein Traum. Nur der Sendemast und der Radarschirm auf einer Bergspitze, Altlasten der Armee, trüben das unwirklich schöne Panorama. Solche technischen Installationen hätten in einem Schutzgebiet nichts zu suchen, sagt Adham, sie würden in Kürze abmontiert. Am Strand jagen junge Sokotri dem Ball nach, während goldgelbe Krebse auf hohen Beinen flink davonstöckeln. Vorsichtig schlurfen wir durch das glasklare Flachwasser der Lagune, in der tellergroße Stachelrochen schwänzeln.

Auf dem Rückweg ins Hotel steuern wir zum dritten Mal die einzige Tankstelle weit und breit an. Wieder vergeblich. Sokotra sitzt seit drei Tagen auf dem Trockenen. Ein Schiff mit Benzin wird kommen – bloß wann? Aber das ist fast Alltag. Wenn es mal zu lange dauert, heißt es, greift der Bürgermeister von Hadibu zum Hörer und ruft seinen Parteifreund, den Präsidenten in Sanaa an. Schickt uns Benzin! Über Nacht haben auch wir Treibstoff bekommen. Farid, unser Fahrer, hat Bekannte angezapft, die Benzin horten und es für Touristentransfers überteuert verkaufen.

Unser letzter Ausflug zur Hoq-Höhle im Nordosten ist gerettet. Ohne Achmed geht dort nichts. Er ist Höhlenführer und -wächter zugleich, unterwegs erzählt er stolz von seinen zehn Kindern. In rosafarbenen Badelatschen balanciert er bergziegengleich den steinigen Weg bergan, wir ächzen in der flirrenden Nachmittagshitze hinterher und finden erst in der kolossalen Tropfsteinhöhle ein wenig Abkühlung. Look!, sagt Achmed und zeigt mit seiner Taschenlampe auf einen Felsturm, von dem das Wasser herunterrinnt. Look! Look! Überall werden wir von fantastischen Formationen umringt. Und sehen doch nur einen Bruchteil der noch weithin unerforschten Höhlenwelt. Wir gehen zurück zum Ausgang. Look!, sagt Achmed wieder und weist auf die Form des Lichtfensters, das sich vom Höhlenschwarz abhebt. Adham übersetzt Achmed: Der Lichteinfall sehe aus wie der Umriss von Sokotra. Tatsächlich.

Beim Abstieg treffen wir einen Greis, der sich mit einer Hand auf seinen Stock stützt und mit der anderen an einem Weihrauchbaum festhält. Er hat grüne Augen und trägt passend dazu einen grün-weiß karierten Wickelrock. Nur die grellgelben Badelatschen bilden einen auffälligen Kontrast. Merkwürdig, guckt mal, alle tragen hier Badelatschen. Auch Adham, seine sind ebenfalls gelb und mit Blumen verziert. Auch Farid, seine strahlen rot und fordern Go home . Wir fragen Adham aus. Sind Badelatschen der Dernier Cri der Sokotri? Nein, sagt er und klärt uns auf: Als vor der Küste von Hadibu ein Schiff aus Somalia kenterte, wurden Kleider, Schals und vor allem jede Menge Badelatschen an den Strand gespült. Das sprach sich in Windeseile herum. Und jeder Insulaner hat sich bedient, so schnell er konnte.

INFORMATION

Veranstalter:
Die beschriebene Reise wurde mit Oase-Reisen (Tel. 06221/7500456, www.oasereisen.de ) durchgeführt.
Die nächsten Termine: 10.24.11. (2190 Euro), 29.12.12.1.08 (2290 Euro), 9.23.2.08 (2190 Euro).
Weitere Veranstalter, die Sokotra im Programm haben: Hauser-Exkursionen, Nomad Reisen, Wigwam Tours

Auskunft:
Botschaft der Republik Jemen, Tel. 030/897305-0, www.botschaft-jemen.de

Deutsch-Jemenitische Gesellschaft, Tel. 0761/7071113, www.djg-ev.de

Sicherheitshinweise zum Jemen gibt das Auswärtige Amt unter www.auswaertiges-amt.de

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