ZEIT: Aber Sie stellen der Öffentlichkeit nicht nur nüchterne Forschungsergebnisse vor, sondern interpretieren sie auch in Bezug auf ihre politische Bedeutung. Damit machen Sie sich angreifbar.

Schellnhuber: Wieso? Natürlich kann ich aufgrund der sozioökonomischen Analysen an unserem Institut sagen: Wenn wir das Klimaproblem lösen wollen, dann müssen wir dieses oder jenes tun, und das kostet dann soundso viel. Ich kann der Politik dagegen nicht vorschreiben, dass sie das Problem überhaupt ernst nimmt. Doch wenn die Europäische Union beschließt: Wir wollen die Erderwärmung auf höchstens zwei Grad über dem vorindustriellen Niveau beschränken, dann kann ich, wenn man mich fragt, Empfehlungen aussprechen, mit welchen Strategien und technologischen Innovationen man dieses Ziel eventuell realisieren könnte. Aber die Wahl der Ziele und Wege liegt letztlich bei der Gesellschaft selbst.

ZEIT: Labile Systeme, sogenannte Tipping Points, spielen in der Klimaforschung eine wichtige Rolle. In welche Richtung sie kippen, kann aber niemand mit Sicherheit voraussagen.

Schellnhuber: Wenn ich von Tipping Points oder Kippschaltern rede, meine ich damit Elemente im System Erde, die auf abrupte und irreversible Weise auf die Erderwärmung reagieren könnten. Dass solche Kippschalter existieren, wissen wir aus der Erdgeschichte, etwa Meeresströmungen, die in der Vergangenheit immer wieder abgerissen sind. Auch beim Monsun gab es dramatische Veränderungen.

ZEIT: Wie kann man herausfinden, wann diese Klimaschalter kippen?

Schellnhuber: Nun, man hat einen Anfangsverdacht für einen Kippkandidaten. Dann versucht man, mit Klimamodellen, mit Studien aller Art abzuschätzen: Wie groß könnte die Wahrscheinlichkeit für ein Kippereignis sein, und wo liegen die kritischen Grenzwerte? Ich gebe gerade für die Proceedings of the National Academy of Sciences ein Sonderheft zu den Tipping Points heraus, wo die führenden Experten der Welt für die wichtigsten Kandidaten solche Abschätzungen vornehmen.

ZEIT: Also wird über das Verhalten der Tipping Points per Abstimmung entschieden?

Schellnhuber: Bei diesem Sonderheft handelt es sich nicht um Prognosen. Wir arbeiten aber mit Expertenbefragungen im engeren Sinne, wo man kein verlässliches Simulationsmodell zur Verfügung hat. Eine solche Befragung liefert einem das "Bauchgefühl" der Wissenschaft. Das sollte aber ausdrücklich als solches deklariert werden.

ZEIT: Und wenn die Beobachtungen und Messergebnisse mit den Erwartungen der Experten nicht übereinstimmen? Darüber beschwert sich zum Beispiel der Glaziologe Heinz Miller vom Alfred Wegener Institut.

Schellnhuber: Wenn es Diskrepanzen mit den Beobachtungen gibt, müssen die Modelle selbstverständlich kritisiert und verbessert werden. Denn letztendlich werden die meisten unserer Einsichten zum Klimawandel eben doch von komplexen Computersimulationen kommen. Und hier bestand lange Zeit der Schwachpunkt der Glaziologie: Man hat es nicht geschafft, vernünftige Modelle für die Inlandeisdynamik zu entwickeln. Wir haben jetzt am PIK das erste Modell in Gang gebracht, mit dem wir das historische Vorstoßen und Zurückweichen der großen Eismassen auf der Nordhemisphäre wunderbar simulieren können – nur angetrieben von den Erdbahnparametern und den über die Erdgeschichte hinweg variierenden CO2-Werten. Auch diejenigen, die jeden Gletscher wie ihre Westentasche kennen, müssen glücklich darüber sein, dass es solche Modelle auf der Grundlage der fundamentalen physikalischen Gesetze gibt.

ZEIT: Der Herr über die Computer ist dem humboldtschen Beobachter also gnadenlos überlegen?

Schellnhuber: Auf lange Sicht ja, und das ist fast etwas Bestürzendes. Heute haben wir in der wissenschaftlichen Analyse drei große Domänen: das Experiment, die Theorie und die Simulation. Simulation baut jedoch massiv auf Theorie und Praxis auf: Wir brauchen möglichst gute Daten, um die Anfangs- und Randbedingungen zu bestimmen, und eine Theorie, um die Prozesse zu erklären und zu beschreiben. Die Simulation wird in Zukunft aber wohl die Vorhersage-Lufthoheit erringen.

ZEIT: Obwohl an den Simulationen immer so lange geschraubt wird, bis sie irgendwann zu den historischen Daten passen?