Schellnhuber: Genau das tut ein guter Modellierer eben nicht. Wir versuchen am Institut Modelle zu entwickeln, die nur von den elementarsten Parametern angetrieben werden. Wir selber vertrauen einem Modell so lange nicht, bis es quasi autonom die Antwort auf die entscheidenden Fragen gibt. Und jedes vernünftige Simulationsmodell wird validiert, das heißt auf seine Fähigkeit getestet, die Vergangenheit zu reproduzieren.

ZEIT: Wie zuverlässig sind Ihre Simulationen auf einer Skala von null bis hundert?

Schellnhuber: Bei allgemeinen Tendenzaussagen besteht heute große Sicherheit. Wir verstehen den Treibhauseffekt und seine Wirkungen. Dass der Meeresspiegel über die nächsten tausend Jahre schon aufgrund der menschlichen Eingriffe steigen wird, wissen wir auch ohne komplizierte Simulationsmodelle. Schwieriger ist es, die positiven Rückkopplungen zu verstehen, also selbstverstärkende Prozesse, die durch die Temperaturänderung in Gang gesetzt werden. Immerhin: Bei einer ganzen Reihe von Rückkopplungsprozessen sind wir inzwischen auf einer Skala von null bis hundert vielleicht bei dreißig bis fünfzig angelangt, bei einigen erst bei zehn.

ZEIT: Also noch viel Raum für neue Forscher?

Schellnhuber: Konkurrenz belebt das Geschäft. Es ist ein ungeheuer spannendes Thema, und gerade die Jagd nach einer negativen Rückkopplung, die das Klimasystem stabilisieren könnte, ist jede Anstrengung wert. Andererseits weiß man, dass selbst minimale natürliche Schwankungen die Erde in der Vergangenheit zu extremen Exkursionen getrieben haben. Vor 30.000 Jahren war der globale Meeresspiegel 130 Meter niedriger als heute – Ergebnis einer kleinen astrophysikalischen Veränderung. Die menschliche Störung im Augenblick läuft etwa 100 bis 1.000 Mal so schnell ab.

ZEIT: Sie prognostizieren massive Klimaänderungen.

Schellnhuber: Mein wissenschaftlicher Hintergrund ist die Theorie komplexer Systeme. In dieser Disziplin habe ich eines gelernt: Zu hoffen, dass ein so komplexes System wie die planetarische Umwelt auf eine viel größere Störung milder reagieren könnte, ist ziemlich aberwitzig. Aber das ist nur eine intuitive Aussage von mir, über die sich die skeptischen Hobbyklimatologen gerne hermachen dürfen.

Das Gespräch führte Dirk Asendorpf