Die Kunstfreiheit ist nicht in Gefahr. Das Bundesverfassungsgericht hat, als es das Verbot von Maxim Billers Roman Esra bestätigte, vielleicht eine angreifbare Formel für das Verhältnis von Dichtung und Persönlichkeitsrechten gefunden. Aber die Heftigkeit, mit der das Urteil in den vergangenen Tagen kritisiert wurde, führt in die Irre: Die Freiheit beim Verfassen von Romanen wurde keineswegs empfindlich eingeschränkt.

Die Proteste der Verleger, Autoren und Kritiker gaben gewiss ein schönes Bild der Solidarität mit dem Autor. Sie zeigten aber auch, dass die meisten das Buch nicht gelesen haben. Es wäre Maxim Biller ein Leichtes gewesen, sich gegen die Klage seiner ehemaligen Lebensgefährtin und ihrer Mutter zu schützen, die sich in dem Roman ungebührlich porträtiert fanden. Er hätte, wenn er schon nicht auf ihre zuverlässige Erkennbarkeit verzichten wollte, wenigstens die allzu intime Schilderung von Sexualpraktiken vermeiden müssen. Das ist der Sinn der Formel des Verfassungsgerichts: »Je stärker Abbild und Urbild übereinstimmen, desto schwerer wiegt die Beeinträchtigung des Persönlichkeitsrechtes.«

Im Übrigen sah das Gericht eine solche Beeinträchtigung allein in den Nachrichten aus dem Sexualleben der Tochter, nicht etwa in dem negativen Charakterbild der Mutter. Von Figuren des öffentlichen Lebens kann ein Autor behaupten, was ihm behagt, solange es nicht die Intimsphäre berührt. Wenn ihm aber gerade diese künstlerisch so überaus ergiebig scheint, dann muss er umgekehrt die Wiedererkennbarkeit wirksam dämpfen.

Das wäre in Maxim Billers Roman auch ohne Weiteres, ohne Eingriff in die literarische Substanz möglich gewesen, zu der hier fraglos die Sexualität gehört. Der Autor hätte nur auf drei, vier Sätze verzichten müssen, mit denen er die Mutter als türkische Trägerin des Alternativen Nobelpreises und die Tochter als Empfängerin des Bundesfilmpreises von 1989 bezeichnet hat. Bundesfilmpreise gibt es jährlich mehrere, aber es gibt nur eine Türkin, die den Alternativen Nobelpreis gewonnen hat. Beide Erwähnungen zusammen ergeben schon eine nahezu redundante Eins-zu-eins-Identifikation der Figuren mit ihren lebenden Vorbildern.

Der Roman Esra ist ein gutes Buch und gewiss das beste, was Maxim Biller geschrieben hat. Sein Verbot ist ein Unglück für den Autor und seine Leser. Was hätte es künstlerisch gekostet, die Zwangsidentifikation der Figuren zu vermeiden? Nicht das Geringste.

Der Autor hätte ihnen ebenso gut andere Preise andichten können. Die fatale Konsequenz seines trotzigen Willens zur Realität zeigt sich erst recht bei einem Blick auf andere literarische Werke, die sich als Schlüsselromane lesen lassen. Auch im Falle von Prousts Recherche, von Goethes Leiden des jungen Werthers, von Thomas Manns Zauberberg wurden Zeitgenossen als Vorlagen erkannt oder haben sich selbst erkannt. Aber wenn sie nicht gewollt hätten, hätten sie die Identifikation mit den Romanfiguren zurückweisen können. Ihr Vorbildcharakter blieb stets bestreitbar.

Für die Anwendung auf solche Bücher wäre die Je-desto-Formulierung des Verfassungsgerichts gewiss problematisch, darauf haben auch drei Richter mit abweichenden Voten hingewiesen. Wer will den Grad der Fiktionalisierung messen, mit dem sich literarische Figuren von ihren realen Vorbildern abheben müssen? Gerichte können keine ästhetische Hermeneutik entwickeln. Ein wirksames Kriterium aber bleibt der Identifikationsspielraum. Für Prousts Figuren konnten die Zeitgenossen immer auf mehrere denkbare Vorbilder verweisen.