Weg mit den Bergen

Erst kommt der Knall. Der Berg zittert. Steine schlagen auf Felsen und rollen ins Gebüsch. Danach: Stille. Eine Stille, wie sie im Wald selten herrscht. Nur dann eben, wenn plötzlich sämtliche Tiere schweigen.

Es ist ein warmer Herbsttag in den Kayford Mountains, West Virginia. Am Waldweg warnen Schilder: "Gefahr! Sprengbezirk". Der Weg führt sanft nach oben – bis zum nächsten Gipfel, denkt man. Doch dann ist er zu Ende, und es ist kein Gipfel da, sondern ein Abgrund. In den Blick kommt eine grauschwarze platte Wüste. Bagger beladen Laster; am Rand, wo noch Felsen steht, ziehen die Staubwolken nach der Sprengung ab.

Larry Gibson nimmt die Schirmmütze ab. "Ich kann mich an den Anblick nicht gewöhnen", sagt er. "Vor ein paar Jahren stand hier noch ein Berg."

Den Berg hat der Konzern Magnum abgetragen, weil er Steinkohle enthielt. "Mountaintop Mining" (Gipfel-Bergbau) heißt diese Form des Tagebaus in den USA. Kritiker sprechen von "Mountaintop Removal", Gipfel-Beseitigung. Das Verfahren ist effizient, aber brutal. Die Bergkuppe wird erst gerodet, dann gesprengt, bis der Flöz frei liegt. Während die Minenarbeiter das schwarze Gold abtransportieren und waschen, wird der "Abfall" – Baumstämme, Fels und Erde – ins angrenzende Tal gekippt.

Aus dem Flugzeug sieht es so aus, als habe ein zorniger Riese mit einem Messer ins grüne Gebirge West Virginias geschlitzt. Viele Abbaugebiete erstrecken sich über ganze Bergketten. Bis 2012, so eine Studie der US-Umweltbehörde EPA, werden in den Appalachen rund 5700 Quadratkilometer Land durch Mountaintop Mining zerstört sein – eine Fläche fast hundertmal so groß wie Manhattan.

Larry Gibson ist der einzige direkte Nachbar des Abbaugebiets in den Kayford Mountains. Früher, sagt der 61-Jährige, habe sein Grundstück am tiefsten Punkt der näheren Umgebung gelegen. Jetzt liegt es am höchsten. "Jedes Mal, wenn sie sprengen, sprengen sie einen Teil von mir", sagt Gibson.

"Häuser waren zerstört, Straßen verändert, Berge verschwunden"

Das 20 Hektar große Stück Land, auf dem seine Holzhütte steht, gehört seiner Familie seit rund 200 Jahren. Bis in die fünfziger Jahre hinein schlugen sich seine Vorfahren dort mit Land- und Holzwirtschaft durch. Dann verließen die Jungen nach und nach den Berg, auch Larry. Er ging nach Ohio und arbeitete bei General Motors. Als er nach fast 30 Jahren in seine Heimat zurückkam, erschrak er: "Häuser waren zerstört, Straßen verändert, Berge verschwunden. Es war, als kehrte ich in ein unbekanntes Land zurück." Der kleine Mann mit den strubbeligen weißen Haaren beschloss, Widerstand zu leisten.

Mehrfach lehnte er Angebote von Kohlefirmen ab, das Familienerbe zu verkaufen. Er versuchte, die Öffentlichkeit gegen Mountaintop Mining zu mobilisieren, hielt Vorträge in Schulen, vor Umweltgruppen und Bürgerversammlungen. Längst ist er zu einer Ikone des Widerstands gegen den Tagebau geworden. An den Wänden seiner Holzhütte hängen Dankesschreiben, Zeitungsartikel und Plaketten. Er war Umweltaktivist des Jahres 1999, der Fernsehsender CNN porträtierte ihn in seiner Reihe "Helden". Seiner Frau war das alles zu viel, sie bat ihren Mann, aufzugeben. "Aber wie kann man aufhören, um seine Heimat zu kämpfen?", fragt Gibson. Vor zwei Jahren ließ sich das Ehepaar scheiden.

Die meisten Abbaufelder liegen abseits der Städte, in dünn besiedelten Gegenden. Vielleicht hat es deshalb so lange gedauert, bis sich Widerstand regte gegen den brutalen Umgang mit der Natur. Die ersten Berge wurden schon in den 1970er Jahren abrasiert, aber erst in den Neunzigern machten lokale Umweltgruppen mobil, etwa die Ohio Valley Environmental Coalition (Ovec). Inzwischen unterstützen auch einige Prominente die Gegenbewegung, zum Beispiel Robert F. Kennedy jr., ein Neffe des ermordeten US-Präsidenten, und die in den USA populäre Countrysängerin Kathy Mattea.

Die Umweltschützer versuchen nachzuweisen, dass Mountaintop Mining so große ökologische Schäden verursacht, dass viele Vorhaben gar nicht genehmigt werden dürften. Allein in West Virginia sind bisher schon rund 1300 Quadratkilometer Wald vernichtet worden, schätzt Ovec. Die Umweltbehörde EPA hat ausgerechnet, dass durch die Verfüllung von Talschluchten zwischen 1985 und 2001 Flussläufe von insgesamt rund 1200 Kilometern Länge begraben wurden; neuere Zahlen liegen nicht vor. Während der Kohlegewinnung fällt außerdem giftiger Schlamm an, den die Firmen in Rückhaltebecken lagern. Vor einigen Jahren brach eines dieser Rückhaltebecken, Schwermetalle und Chemikalien schwemmten ins Trinkwasser. Die Anwohner haben Angst, dass sich das wiederholt. Unbestreitbar schließlich ist die Veränderung der Landschaft, auch nach einer Renaturierung: Die Silhouetten wirken künstlich, statt Wald wächst Gras.

Die Befürworter des Mountaintop Mining verweisen auf seine große wirtschaftliche Bedeutung. In West Virginia, das bei der Kohleförderung an zweite Stelle unter allen Bundesstaaten der USA steht, stammt rund ein Drittel der Produktion aus gekappten Bergen. Die Produktivität dieses Tagebauverfahrens liegt in den USA durchschnittlich mehr als doppelt so hoch als die der Förderung unter Tage. Das ist einer der Gründe, weshalb der Preis der US-Kohle auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig ist.

Anders als in Deutschland ist die Kohleindustrie in den USA keine sterbende Branche. Sie zahlt in West Virginia, einem der ärmsten Bundesstaaten der USA, nach eigenen Angaben rund 60 Prozent des gewerblichen Steueraufkommens. Die Stromversorgung des Staates kommt zu 99 Prozent aus Kohlekraftwerken. Mit rund 50000 Arbeitsplätzen ist die Kohleindustrie außerdem einer der größten Arbeitgeber, weshalb auch die Gewerkschaft der Kohlearbeiter zu den Verteidigern des Mountaintop Mining zählt, "solange es sicher und verantwortungsbewusst betrieben wird", so ihr Sprecher Ted Hapney.

"Warum sollen wir unsere Kohlereserven nicht verwerten?"

Was aber ist verantwortungsbewusst? Anwohner und Umweltgruppen erzielten vor Gericht immer wieder Erfolge gegen Abbauvorhaben. Berufungsgerichte hoben die Urteile bisher allerdings samt und sonders wieder auf. Für die Kohleindustrie waren das dennoch Zittersiege. Ihre Lobbyisten wollen deshalb vorbauen – sie drängen auf Regelungen, die die gegenwärtige Abbaupraxis juristisch unangreifbar machen. "Der Bergbau braucht Rechtssicherheit, sonst investiert er nicht", sagt Luke Popovich, Vizepräsident der National Mining Association (NMA) in Washington.

Weg mit den Bergen

Die NMA gehört zu den einflussreichsten Lobbyorganisationen der USA. Sie beschäftigt 35 Mitarbeiter, belegt die komplette fünfte Etage eines Bürohauses direkt unterhalb des Capitol Hill und pflegt ausgezeichnete Kontakte zu den Politikern der Kohlestaaten und zu den Verbänden der Gas-, Öl- und Atomindustrie, mit denen sie sich zur Interessendurchsetzung häufig verbündet. Auch mit der Regierung von Präsident George W. Bush besteht Einvernehmen. "Uns verbindet die gleiche Philosophie", sagt Popovich, die der amerikanischen Pioniere, denen es nicht darum ging, die Natur zu bewahren, sondern darum, sie zu nutzen; eine Philosophie überdies, die aus dem Überfluss natürlicher Ressourcen geboren wurde, der Amerikas Aufstieg zur Supermacht begründet hat. "Die Vereinigten Staaten besitzen 27 Prozent der Weltkohlereserven", sagt Popovich. "Warum sollen wir sie nicht verwerten?"

Seit seinem Amtsantritt hat Präsident Bush die Umweltpolitik der Wirtschaftspolitik untergeordnet. Er lockerte Umweltauflagen und Grenzwerte, gewährte der Industrie selbst da einen Zugriff auf Ressourcen, wo diese geschützt schienen. In Naturparks wurden riesige Flächen für Erdölbohrungen freigegeben. Für die Durchsetzung der von ihm gewünschten Politik sorgte Bush, indem er wichtige Schaltstellen mit industrienahen Personen besetzte. Der stellvertretende Innenminister Steven Griles etwa, inzwischen im Zuge eines Korruptionsprozesses zurückgetreten, war früher Lobbyist der Kohleindustrie. Brent Wahlquist, von Bush zum Direktor der Bergbaubehörde OSM ernannt, arbeitete vor seinem Wechsel in den Staatsdienst bei diversen Energieunternehmen.

"Es ist ihr Land, aber es sind meine Vorfahren"

Zwar hat Bush – die Präsidentschaftswahlen vor Augen – in den vergangenen Monaten verbale Zugeständnisse gemacht, als er zum Beispiel in Heiligendamm der Formulierung zustimmte, eine Halbierung der CO₂-Emissionen "ernsthaft in Erwägung zu ziehen". Doch an der Substanz seiner Politik hat sich nichts geändert. Das zeigt sich auch beim Mountaintop Mining. In diesem Sommer legte die Bergbaubehörde OSM eine neue Verordnung vor, nach der Rechtssicherheit in der von der Kohlebranche gewünschten Art hergestellt werden soll. "Dies ist das Abschiedsgeschenk der Bush-Regierung an die Industrie", sagt Joe Lovett, Leiter des Appalachischen Zentrums für Wirtschaft und Umweltschutz in Lewisburg (West Virgina). Derzeit läuft die Anhörungsfrist.

Die Behörde schreibt, dass die neue Verordnung lediglich der "Klarstellung" dienen solle, wie ein vor 30 Jahren verabschiedetes Gesetz zur Kontrolle und Rekultivierung von Tagebaugebieten zu interpretieren sei. Dieses Gesetz sei "einfach schlecht geschrieben" worden, sagt Popovich. "Es wurde jahrzehntelang im Sinne der Kohleindustrie ausgelegt", hält Luise Dunlap dagegen.

Luise Dunlap ist in Washington die Gegenspielerin der NMA. Die schlanke Dame arbeitet seit über 30 Jahren als Lobbyistin für Umweltgruppen. Sie kämpft gegen die neue Verordnung und beruft sich auf den Geist des Gesetzes: "Der Kongress hat nie beabsichtigt, einen Abbau zuzulassen, der ganze Berge sprengt, Täler zerstört und Flüsse unter sich begräbt, ohne jede Chance einer Wiederurbarmachung." Gemeinsam mit Demokraten und Republikanern, die Umweltbelangen aufgeschlossen gegenüberstehen, bereitet sie sich auf den Tag vor, an dem eine neue Regierung im Amt ist. Dann soll es eine Gesetzesnovelle geben, die Mountaintop Mining in der gegenwärtigen Form verbietet.

Während die Washingtoner Lobbyisten ihre Papierkriege führen, spielen sich vor Ort kleine Dramen ab. Die Kohlefirma Magnum, die um Larry Gibson herum die Berge abbaut, ist vor eineinhalb Jahren auf einen alten Friedhof gestoßen, auf dem angeblich Vorfahren von Gibson liegen. Gibson beschuldigt das Unternehmen, ihn nicht rechtzeitig auf das Gelände gelassen und ihn so an einer Verlagerung der Gräber gehindert zu haben. Es ist eine lange, komplizierte Geschichte, in der Behörden, Anwälte und Polizisten vorkommen. Ihr Ergebnis aber ist, dass die Hälfte des Friedhofs zerstört wurde.

Gibson nimmt die Erzählung so mit, dass ihm die Tränen kommen. "Es ist ihr Land, aber es sind meine Vorfahren. Da können sie doch nicht einfach mit ihren Bulldozern anrücken!"

Man würde das Unternehmen – drittgrößter Kohleproduzent in West Virginia – gern nach einer Erklärung fragen, doch das ist nicht möglich. Der Internetauftritt besteht aus einer einzigen Seite ohne Onlineadresse. Anrufer werden mit Anrufbeantwortern abgewimmelt. Die Firma sitzt in der Stadt Charleston im gläsernen Laidley Tower. Wer in den neunten Stock fährt, muss im Aufzugvorraum warten, bis die Assistentin der Geschäftsführung herbeieilt, die offenbar Übung darin hat, Journalisten abzuweisen. Sie notiert sich Fragen. "Jemand wird anrufen", verspricht sie. Es ruft niemand an.

Zwischen Kohlegegnern und Kohlebefürwortern ist das Klima vergiftet. Der Sprecher der West Virginia Coal Association (WVCA), Jason Bostic, bezeichnet die Umweltschützer als eine Handvoll wohlhabender Intellektueller. "Die wohnen außerhalb der Abbaugebiete und haben keine Ahnung, wovon sie reden." Für Vivian Stockman, Sprecherin der Ovec, ist die Kohleindustrie dagegen an so ziemlich allem schuld, auch an Armut und Überschwemmungen. Der Umweltreporter der Lokalzeitung Charleston Gazette, Ken Ward jr., sagt: "Sie werden in ganz West Virgina niemanden finden, der eine sachliche Haltung zum Thema hat." Um zwischen den Parteien zu vermitteln, hat die Umweltbehörde EPA die gemeinnützige Organisation Keystone mit einer Konfliktmediation beauftragt. Wut und Misstrauen sind allerdings so groß, dass Keystone-Mitarbeiter Douglas Thompson oft vergeblich zu Treffen einlädt.

Im November 2008 sind in den USA Präsidentschaftswahlen. Die Umweltschützer sehen sich für die Zeit danach in einer guten Ausgangsposition. Larry Gibson sagt: "In gewisser Weise können wir Präsident Bush sogar dankbar sein. Durch seine harte Linie hat er Umweltthemen so populär gemacht, dass wir jetzt viel mehr Unterstützung haben als früher."