In der fünften Etage des Rambam-Krankenhauses in Haifa ist der Holocaust alles andere als ein Kapitel für Geschichtsbücher. Vor Kurzem, so steht auf einem großen Messingschild, sei die Ausstattung von 33 Betten mit Hilfe der Claims Conference on Jewish Material Claims against Germany verbessert worden: Entschädigungsgelder aus Deutschland für eine optimale medizinische Versorgung. Auf der Station für Geriatrie hört man außer Hebräisch auch viel Jiddisch und Polnisch, die Sprachen der Überlebenden.

Einer von ihnen ist Zwi Kolkovich. Am Abend des jüdischen Neujahrsfestes Rosch ha-Schanah litt der 82-jährige Israeli plötzlich unter Atemnot. Ein Krankenwagen brachte ihn gerade noch rechtzeitig in die Notaufnahme. Sein ältester Sohn wich in dieser Nacht und den darauffolgenden nicht von seiner Seite. » Du hast schon einmal ums Überleben gekämpft. Tu es auch jetzt«, beschwor er den Vater.

In seiner Jugend war der polnische Jude Zwi Kolkovich, um der Mordmaschinerie der Nazis zu entkommen, aus dem Ghetto geflüchtet, hatte sich in die Wälder durchgeschlagen und in einem Erdloch versteckt. Seine Überlebensgeschichte füllt zwei Videokassetten des Steven-Spielberg-Archivs, das zur Hebräischen Universität Jerusalem gehört und Filme über jüdisches Leben vor und nach der Shoa versammelt.

80.000 Nazi-Opfer leben unterhalb der Armutsgrenze

Kolkovichs zweiter Kampf ums Leben ist weniger dramatisch. Nach zwei Wochen im Rambam-Krankenhaus wird er entlassen, muss nicht mehr miterleben, wie sein Zimmernachbar stirbt. Zu Hause hängt er am Schlauch eines Sauerstoffgeräts, von dem er sich nicht länger als eine Stunde entfernen darf. Seine 76-jährige Frau Hanna, ebenfalls polnische Holocaust-Überlebende, fürchtet, dass das Paar nun ohne fremde Hilfe nicht mehr auskommt. Als sie zu klären versucht, was ihr an staatlicher Unterstützung zusteht, schwingt mehr als die bloße Sorge um den künftigen Alltag mit. Sie möchte jetzt etwas davon zurückzubekommen, was einst in ihrem Namen bezahlt worden sei. » Der Staat Israel hat mit der Entschädigung aus Deutschland viel Geld erhalten, davon wollen wir heute etwas spüren.«

Israels Dilemma bestand ja von Anfang an darin, dass es dieses Entschädigungsgeld doppelt nötig hatte: erstens für den Aufbau eines noch jungen, wirtschaftlich schwachen Landes, in das sich Tausende verfolgte Juden flüchteten, und zweitens für die knapp dem Tode Entronnenen persönlich, denen die Deutschen jegliche Habe geraubt hatten.

Bisher reichten den Kolkovichs, die einst als Vollwaisen ins Land kamen und ein Leben lang arbeiteten, ihre knappen Renten auch weil ihnen vor 15 Jahren eine Zusatzrente aus Deutschland bewilligt wurde.

»Wir hatten endlich den richtigen Anwalt gefunden.« Mit 1250 Euro im Monat führen sie eine bescheidene Existenz, wie viele Anhörige ihrer Generation: eine kleine Dreizimmerwohnung in einem Viertel, das schon bessere Tage gesehen hat - ein alter Fiat. Doch die Kosten für eine dringend benötigte neue Brille vertilgten kürzlich ein gesamtes Monatseinkommen. Von einer Überlebendenorganisation bekam Hanna Kolkovich nach langem Warten ein Drittel des Preises erstattet. So karg, so abhängig hat sie sich ihr Rentnerdasein nicht vorgestellt.

Deshalb und aus Solidarität mit all jenen Überlebenden, denen es noch viel schlechter geht, war sie im August bevor ihr Mann ins Krankenhaus kam zur Demonstration nach Jerusalem gefahren. Vorm Sitz des Premierministers machten Nazi-Opfer auf ihr Schicksal aufmerksam.

Es demonstrierten auch viele junge Leute mit, und das Medienecho war riesig. Weil die Zeit drängt. Weil die Zahl der Betroffenen täglich kleiner wird. Weil es den Enkeln der Überlebenden leichter fällt als deren Kindern, sie nach ihren Leidensgeschichten zu fragen.

Aufgerüttelt wurde das Land durch eine Fernsehsendung am 15. April dieses Jahres, dem Holocaust-Gedenktag, der zugleich israelischer Nationalfeiertag ist. In der Dokumentation Die Moral der Wiedergutmachung kamen Überlebende zu Wort, die im Winter in ihren Wohnungen frieren, kein Geld für Lebensmittel haben oder nur Brei essen, weil sie auf ein neues Gebiss von der Krankenkasse warten. Der Bericht gipfelte in der Aussage einer Frau, die nach Berlin, ins Land der Täter, gezogen war, weil ihr die Deutschen heute mehr Unterstützung zukommen ließen als der israelische Staat. Wie könne es sein, lautete die Anklage des Films, dass ausgerechnet in Israel heute 80.000 Nazi-Opfer unterhalb der Armutsgrenze lebten?

Die Öffentlichkeit war empört. Premierminister Ehud Olmert versprach Abhilfe. Parlamentspräsidentin Dalia Itzik entschuldigte sich in einer Sondersitzung der Knesset: Israel habe zwar von Deutschland Wiedergutmachung verlangt, diese Zahlungen aber nicht in fairer Weise an die Betroffenen weitergeleitet. Der Staat habe die Nöte der Holocaust-Opfer über Jahrzehnte verkannt.

Damit ist eines der heikelsten Kapitel aus der Anfangsgeschichte des Staates Israel wieder aktuell geworden. Denn wie Konrad Adenauer im Nachkriegsdeutschland hatte auch David Ben Gurion das am 10. September 1952 in Luxemburg unterzeichnete Reparationsabkommen in Regierung, Parlament und der Bevölkerung gegen massive Widerstände durchgesetzt.

Die Deutschen, die noch nichts vom bevorstehenden Wirtschaftswunder ahnten, sahen ihr Land in Trümmern liegen die Israelis wollten kein Geld als Entschädigung für den sechsmillionenfachen Mord an ihren Verwandten annehmen. Auch nicht für ihre erlittenen physischen oder seelischen Wunden. Hinzu kam das irreführende deutsche Wort »Wiedergutmachung« als ob die Ermordeten wieder zum Leben erweckt werden könnten.

Formal allerdings handelte es sich um eine »globale Aufwandsentschädigung« für die Integrationskosten all jener »entwurzelten und enteigneten jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland und jenen Gebieten, die sich vormals unter deutscher Herrschaft befanden.« Im Artikel I wurde dafür die Summe von 3 Milliarden Mark festgelegt.

Insgesamt leistete die Bundesrepublik von 1952 bis 1965 »Wiedergutmachung« in Höhe von 3,4 Milliarden Mark. Sie wurde in Sachwerten ausbezahlt, was den Weg für spätere Handelsbeziehungen bahnte, von denen die deutsche Wirtschaft heute noch profitiert. Ohne diese eigennützige Unterstützung aber wäre der junge Staat Israel vermutlich nicht so schnell auf die Beine gekommen. Zusätzlich erhielten Juden in Israel und anderswo persönliche Beihilfen. Die Gesamtsumme aller Entschädigungsleistungen bis zum Jahr 2006 beziffert sich nach Angaben des Bundesministeriums für Finanzen auf 64,145 Milliarden Euro.

Das sei ein durchaus stattlicher Betrag, schreibt der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, doch die Höhe relativiere sich durch die Länge des Zahlungszeitraums, und als geradezu verschwindend gering erscheine die Summe gegenüber dem Bruttosozialprodukt der Bundesrepublik, das jährlich etwa 3000 Milliarden Mark betrage. Was heute noch von Deutschland in Form laufender Renten gezahlt werde, sagt Noach Flug, der Vorsitzende des Dachverbands der israelischen Überlebendenorganisationen, komme pro Kopf jährlich einer Schachtel Zigaretten gleich.

Deutsche Verfolgte bekommen 450 Euro Rente, die übrigen nur 170

Flug verhandelt seit einigen Wochen erneut über »Wiedergutmachung«, und zwar mit der israelischen Regierung. Die Not der Überlebenden ist plötzlich großes Thema. Flug erklärt das mit dem Alter der Betroffenen, die jetzt besonders bedürftig seien, und mit einem weltweiten Interesse am Holocaust, das heute viel größer sei als unmittelbar nach dem Krieg. » Welcher deutsche Jugendliche fragte damals schon seinen Vater: Bist du Wächter in Auschwitz gewesen, oder warst du in der SS?« Aber auch in Israel herrschte zunächst Schweigen.

Manche misstrauten sogar den Überlebenden: Wie konnte es sein, dass sie nicht ermordet wurden wie alle anderen? Erst nach dem Eichmann-Prozess verstummten solche Fragen.

Flug weiß, wovon er redet. Er stammt aus ód, hat Auschwitz hinter sich und den Todesmarsch, wurde am 6. Mai 1945 in Mauthausen befreit. In seiner neuen Heimat Israel wurde er Wirtschaftsberater der Knesset. In den vergangenen Wochen saß er regelmäßig mit Ehud Olmert am Tisch und ordnete die Fakten. In Israel leben heute noch etwa 250.000 Menschen, die der Mordmaschinerie der Nazis entkamen. Nur zehn Prozent davon sind gut abgesichert, weil sie deutsche Staatsbürger waren und Ansprüche nach dem Bundesentschädigungsgesetz geltend machen können.

Ihre monatliche »Renta« direkt aus Deutschland beläuft sich auf rund 450 Euro. Für alle Übrigen hat der Staat Israel in den fünfziger Jahren im Rahmen des Reparationsabkommens mit Deutschland die finanzielle Verantwortung übernommen. Den 40.000 Nazi-Opfern zahlt er bisher monatlich 170 Euro. Dass die Renten so gering ausfallen, wird mit den niedrigeren israelischen Gehältern gerechtfertigt und dem Argument, »dass ein Holocaust-Überlebender nicht mehr erhalten kann als ein Invalide der israelischen Armee«.

Die 250.000 Opfer des Nationalsozialismus werden in zwei Gruppen eingeteilt in Holocaust-Überlebende und Flüchtlinge. Die erste Gruppe umfasst rund 80.000 Menschen, die im Ghetto, im KZ oder in einem Versteck überlebten. Die meisten von ihnen bekommen heute irgendeine Form von Unterstützung, aber rund 10.000 sind bisher durch alle Raster gefallen, weil sie keine ausreichenden Nachweise erbringen konnten oder nicht lange genug im Ghetto waren (die nach deutschem Gesetz anerkannte Mindestzeit beträgt 18 Monate) oder weil sie erst nach einem bestimmten Stichtag in Israel ankamen.

Kann diesen Menschen noch geholfen werden? Die israelische Staatskasse will allen ehemaligen Insassen von Konzentrationslagern und Ghettos, die keine Entschädigungsrenten beziehen, monatlich umgerechnet 220 Euro zahlen. Außerdem will die israelische Regierung dafür sorgen, dass das monatliche Gesamteinkommen für Angehörige dieser ersten Gruppe nicht unter umgerechnet 460 Euro sinkt. Schließlich soll es verbesserte Wohlfahrtsleistungen und medizinische Versorgung geben.

Wenn von Armut die Rede ist, geht es vor allem um die zweite Gruppe von Betroffenen, die Flüchtlinge, meist Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Viele kamen erst in den letzten 15 Jahren, waren bereits alt, hatten ihre kleinen Renten verloren und sind auf Sozialhilfe angewiesen (260 Euro), die nicht zum Leben reicht. Sie gehören zu jenen Verfolgten, die während des Krieges vor allem in Osteuropa von der anrückenden Wehrmacht vertrieben wurden. Von den ungefähr zwei Millionen Juden, die am 22. Juni 1941 in der Sowjetunion einschließlich Ostpolens und des Baltikums lebten, konnte ungefähr die Hälfte ins Innere der UdSSR flüchten. Die meisten polnischen Staatsbürger unter den Flüchtlingen wanderten in den vierziger und fünfziger Jahren, die Sowjetbürger in den siebziger und neunziger Jahren aus ein Großteil nach Israel.

Auch ihnen waren damals die Chancen auf eine Ausbildung genommen worden, ihr Besitz wurde enteignet, und sie haben Familienangehörige verloren. Als der Eiserne Vorhang fiel, erhielten die meisten dieser »Fluchtfälle« eine einmalige Zahlung von 5000 Mark. Das half aber nur einmal. Ihre Regierungen von Rumänien bis Kasachstan hatten mit Deutschland keine Wiedergutmachungsabkommen geschlossen. Nun stellen sie den größten Teil der mittellosen NS-Verfolgten. Nach jüngstem Verhandlungsstand soll ihnen durch einen 1,5-Milliarden-Schekel-Fonds geholfen werden, der allen älteren Israelis offensteht. Direkte Zuwendungen für Angehörige dieser zweiten Gruppe wird es nicht geben, weil ja auch viele Einwanderer aus Bagdad oder Casablanca »Flüchtlingsfälle« sind. Denn nach der Staatsgründung Israels hatten viele Juden in den arabischen Ländern Angst vor Verfolgung.

Deutschland und Israel verhandeln wieder über Entschädigungen

Mosche Sanbar, 81, gehört zu jenen Überlebenden, die nie um eine Entschädigungsrente angesucht haben. Der Wirtschaftsexperte und ehemalige Präsident der Israel-Bank hat sich aber immer dafür engagiert, dass wenigstens enteignetes Eigentum kompensiert wurde. Als israelisches Mitglied der amerikanischen Claims Conference, der weltweiten Vertretung für solche Ansprüche, hat er das jüdische Volk in den Klagen gegen sechs große europäischen Versicherungen vertreten, die grandios davon profitiert hatten, dass viele ihrer jüdischen Versicherten einst einfach von der Bildfläche verschwunden waren.

Die jüngste Protestwelle der Überlebenden in Israel hat sich Sanbar aus der Entfernung angesehen. Er hält sie für »sozial richtig«, aber »politisch falsch«. Vor allem ärgert ihn die Entschuldigung der Parlamentspräsidentin für die »jahrzehntelangen Versäumnisse der Regierungen«. Das schaffe ein verzerrtes Bild. Denn nicht alle Überlebenden seien mittellos, außerdem habe nach dem Holocaust die Lage anders ausgesehen als jetzt: »Es gab damals gar keine Alten und keine Kinder, denn die waren im KZ bei der Selektion an der Rampe gleich nach links geschickt worden in die Gaskammern. Alle, die kamen, waren jung. Die Gelder aus Deutschland waren dazu da, die Einwanderer aufzunehmen.«

Richtig sei, dass die Bedürfnisse von Überlebenden im Alter wachsen. Sanbar plädiert dafür, dass die bereits von der israelischen Regierung zugesagte Hilfe so schnell wie möglich von Deutschland finanziert wird. Und so verhandeln nun wieder Deutschland und Israel über Entschädigung für NSVerfolgte. Die Jerusalemer Regierung möchte, dass die Bundesrepublik etwa achttausend Monatsrenten für in Israel lebende Holocaust-Überlebende finanziert, außerdem den Fonds für ältere Bedürftige.

Es gibt gute Argumente dafür, sie haben mit den Entwicklungen in den vergangenen 50 Jahren zu tun. Denn mit dem Reparationsabkommen hatte sich Deutschland einst verpflichtet, direkte Renten für alle Überlebenden zu bezahlen, die bis 1953 nach Israel eingewandert waren.

Alles andere fiel Israel zu. Man ging davon aus, dass höchstens noch ein paar Tausend den Weg in den jüdischen Staat fänden. Doch konnte niemand ahnen, dass vier Jahrzehnte später über eine Million Einwanderer aus Osteuropa kommen würden. So wurde mit der Zeit sowohl die Zahl der Betroffenen wie auch die der mittlerweile gealterten Bedürftigen immer größer.

Außerdem repräsentierte Adenauer als Kanzler der Bundesrepublik nur einen Teil seines Volkes. Die DDR traf mit Israel nie ein Abkommen über Entschädigungen. Israelische Medien rechnen jetzt mit einem »Ja« von Angela Merkel. Es sollte rasch kommen. Denn in wenigen Jahren wird das Thema »Wiedergutmachung« ein biologisches Ende gefunden haben.

Dann wird der Holocaust tatsächlich ein Kapitel für Geschichtsbücher sein.