Am 21. Oktober 1907 kam Daniel Hartmann, genannt "Sand-Daniel", aufgeregt ins Dorf Mauer gerannt. In der einen Hand trug er einen Knochen, mit der anderen stieß er die Tür des Gasthauses Hochschwender auf und rief in die Runde: "Heit haw ich de Adam gefunne!" Ob der Typ, auf dessen Unterkiefer er in der nahen Sandgrube bei Heidelberg gestoßen war, zu Lebzeiten Adam hieß, lässt sich nicht mit Sicherheit klären. Ganz verkehrt war die Interpretation des anthropologischen Laien aber nicht. Das Fossil, das ihm beim Arbeiten auf die Schaufel gefallen war, entpuppte sich im Lauf der wissenschaftlichen Untersuchung tatsächlich als extrem alt. Als so alt, dass der Hominide, dem der Kiefer einst gehörte, mit seinen 600.000 Jahren lange als ältester Europäer galt.

Homo heidelbergensis taufte der Heidelberger Privatgelehrte Otto Karl Friedrich Schoetensack den fossilen Methusalem. Ein eigener Name schien vertretbar, unterschied sich der massige Knochen doch wesentlich von unserem Kauapparat: lange Schneide- und Eckzähne, Backenzähne wie unsere und ein Kiefer, der dem eines Schimpansen ähnelt.

Den Status als Kontinentsältester verlor der Alte zwar wieder: In Nordwestspanien hauste schon vor 800.000 Jahren ein Hominide. Ebenfalls knapp älter ist ein 700.000-jähriger Italiener: der Hirnschädel von Ceprano. Auf deutschem Boden aber ist der Heidelberger Knochen immer noch unangefochten die Nummer eins. Er ist sogar noch immer der älteste Homo-Fund nördlich der Alpen. Aber kann der Mann ein Ahne von uns modernen Menschen sein – ein "Adam", wie der Sandschaufler Daniel in seiner Euphorie postulierte? Darüber streitet die Wissenschaft bis heute.

Noch immer kann man sich an seinen Klingen die Finger blutig metzeln

Für den ersten Zoff sorgte Erstuntersucher Schoetensack gleich selbst. Er ordnete den Kiefer der Gattung Homo zu und provozierte Zeitgenossen, indem er seinem Bericht den Untertitel Ein Beitrag zur Paläontologie des Menschen gab. Dispute rund um die Entstehung des Menschengeschlechts waren damals in Mode, und Schoetensack bezog mit der Analyse des Fossils eindeutig Stellung pro Darwin und Co: Der Mensch hatte sich aus dem Tierreich heraus entwickelt; ergo ist er kein fertig getuntes Wesen aus dem biblischen Schöpfungslabor.

Wer dem Homo sapiens eine Monopolstellung einräumte, tat sich mit diesem fremdwüchsigen Fossil schwer. Das zeigte sich im Umgang mit den übrigen Funden aus der Sandgrube. Schaber, Stichel, Klingen aus Hornstein wurden nicht als Artefakte interpretiert und schlichtweg ignoriert – auch weil man dieser Kreatur eine höhere Geistesgabe absprach. Erst in den achtziger Jahren wurden die Klingen, die so scharf sind, dass man sich an ihnen heute noch die Finger blutig metzeln kann, ein zweites Mal entdeckt. In den Archiven.

So gelang es, Fertigkeiten und Lebensumstände zu rekonstruieren. Von Winterfestigkeit konnte bei Homo heidelbergensis noch keine Rede sein. Nur in der Zwischeneiszeit wagte er sich hoch in den Norden. Bei andauernder Kälte verzog er sich lieber wieder in den kommoden Süden. Erst sein technisch noch versierterer Nachfolger, der Neandertaler, beherrschte die Fellcouture so, dass er vor 200.000 Jahren dem eiszeitlichen Frost trotzen konnte. Der Heidelberger aus Mauer dagegen verlebte zu seiner Zeit dank starkem ozeanischem Einfluss relativ milde Winter und feuchte Sommer.

Der Kiefer verriet sein Geschlecht: Mann. Die Zähne gaben Aufschluss über die verlebten Nettojahre: 20 bis 30. Das Bruttoalter von 600.000 Jahren eruierten die Wissenschaftler aus den Sauerstoffisotopen in den Tiefensedimenten. Weswegen der Mann so früh verblichen war, darüber lässt sich nur spekulieren. Zwar behagte ihm pflanzliche Kost, mengenmäßig sprach er mehr dem Grillfleisch zu. Mit den Zähnen hielt er die Fetzen fest und trennte die Bissen mit der Klinge ab.

Was für Getier auf des Heidelbergers Lagerfeuer endete, dazu liefern die Archäozoologen Hinweise. Zwischen Fichten, Birken und Eichen tummelten sich Flughörnchen, Reh, Hirsch, Elch und Wildschwein. Durch den Boden krochen Maulwurf und Spitzmaus. Und in den Lauf des Urneckars bauten Biber ihre Dämme. Über die offenen Landschaften flitzten Feldhasen, galoppierten Pferde. Theoretisch bot die Natur auch Steaks von Waldelefant, Wollnashorn und Flusspferd. Ob der Heidelberger sich an solche Beute wagte, muss man bezweifeln. Bestimmt nahm er Reißaus vor Bär, Wolf, Leopard, Säbelzahntiger und Hyäne.

Ungemach drohte unserem Helden aber nicht nur zu Lebzeiten. Seit seiner Entdeckung drängten sich weitere Hominidenarten in den frühmenschlichen Fossilienpark. Der Stammbaum unserer Verwandtschaft wucherte und wurde zu unübersichtlichem Buschwerk – weil jeder Fossilienjäger für seine Beute einen eigenen Namen verlangte.

Familie Heidelberger erhielt international Zuwachs: 1921 den Rhodesienmenschen, 1929 den Pekingmenschen. Der Grieche aus Petralona (1960) glich ihm, der Franzose aus Tautavel (1972), der Äthiopier aus Bodo (1976), der Engländer "Boxgrove-Man" (1993). Auch die Spanier erhielten in den neunziger Jahren nationale fossile Idole: die 32 sehr frühen Landsleute aus Atapuerca.