Da kommt die Erlösung aus dem Verzicht, was in Wahrheit auch ein religiöser Topos ist. Wie grollt doch Jesaja? »Ihr habt den Weinberg geplündert, eure Häuser sind voll von dem, was ihr den Armen geraubt habt.« Die moderne Entsprechung ist die »Ausbeutung der Dritten Welt«. Übt euch in Demut, »jeder Mann muss sich beugen«, sonst wird euch der »Herr den Schmuck wegnehmen, die Armspangen«, warnt der Prophet.

Heute ist die sündige Ausschweifung der hemmungslose Konsum, der über global warming in den Untergang führt. Verzichtet auf den neumodischen Tand: Autos, Fernreisen, Air-Conditioning, Fleisch. Lasst ab vom Götzen »Wachstum«, verbeugt euch zerknirscht vor der Natur. Kauft Ablass mit CO2-Zertifikaten.

Jede Religion hat auch ihre Himmelszeichen. Schon Johannes beschwört die Umweltkatastrophe: »Die Sonne wurde schwarz, und der ganze Mond wurde wie Blut.« Heute entnehmen wir die Zeichen dem Wetterbericht, und zwar mit der gleichen poetischen Freiheit, die Jesaja und Johannes auch schon nutzten.

Dabei schlägt die Logik Purzelbäume. Die Klimakatastrophe ist zu viel Schnee und zu wenig, zu viel Regen und zu viel Sonne, zu viel Flut und zu wenig Wasser. Alles ist Klima, alles Mahnung, alles Menetekel.

Zum gerechten Zorn der Propheten gehört auch ein bisschen Schummeln. Was tut’s, wenn die Eisbären in Wahrheit nicht aussterben, der Golfstrom nicht versiegt? Denn es geht um Größeres als Erbsenzählerei. Es geht um Furcht und Glauben. Und wo die zum Maßstab werden, teilt sich die Welt in Gläubige und Ketzer, Gemeindemitglieder und Auszustoßende. Das Gewissen triumphiert über das Wissen, die Gesinnung über die Wissenschaft.

Zitieren wir Karl Popper, der’s wiederum von Aristoteles und David Hume hat: »Alle Theorien sind Hypothesen, alle können umgestoßen werden. Das Spiel der Wissenschaft hat grundsätzlich kein Ende. Wer beschließt, die wissenschaftlichen Sätze nicht weiter zu überprüfen, der tritt aus dem Spiel aus.« Dem sei hinzuzufügen: und tritt in ein sehr altes Spiel ein, das wir seit Renaissance und Aufklärung nur noch im Gotteshaus spielen, wo Glaube und Gewissheit eins sind.

Ob Erwärmung progressiv oder zyklisch, ob sie menschengemacht ist oder nicht, ist in der Tat die Schicksalsfrage des 21. Jahrhunderts. Aber es ist keine Glaubensfrage. Der Glaube ist eine feste Burg. Die Wissenschaft aber kennt keine Gewissheit. Oder nur so lange, wie sie dem Rammbock des Zweifels widersteht.