In der 1400-jährigen Geschichte der muslimisch-christlichen Beziehungen hat es eine solche Initiative noch nicht gegeben: 138 muslimische Führungspersönlichkeiten und Gelehrte haben zum diesjährigen Fest des Fastenbrechens einen Offenen Brief und Aufruf veröffentlicht. Die Regensburger Vorlesung des Papstes erweist sich offenbar trotz oder gerade wegen ihres provokativen Gehaltes als fruchtbar. Vor einem Jahr bereits hatten 38 muslimische Gelehrte an Papst Benedikt geschrieben. Nun scheint sich ein dauerhafter Dialog auf breiter Grundlage zu entwickeln. Der neue Brief richtet sich nicht allein an Papst Benedikt XVI., sondern auch an den Patriarchen der Orthodoxen Kirche von Konstantinopel, den Erzbischof von Canterbury und die Häupter der lutherischen, methodistischen, baptistischen und reformierten Kirchen. Der Titel Ein uns und euch gemeinsames Wort ist dem Koranvers entnommen, der sich an die »Leute des Buches«, also Juden und Christen, wendet: »Kommt her zu einem zwischen uns und euch gleich angenommenen Wort: dass wir Gott allein dienen und ihm nichts beigesellen, und dass wir nicht einander zu Herren nehmen neben Gott« (Koran 3, 64).

Die Gelehrten vergleichen Textstellen des Korans und der Bibel und kommen zu dem Schluss, dass beide »den Vorrang umfassender Liebe und Hingabe gegenüber Gott« sowie die Nächstenliebe betonen. Muslime und Christen machten zusammen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung aus.

Darum sei die Beziehung zwischen ihnen »der wichtigste Faktor im Hinblick auf einen echten Frieden weltweit«. » Als Muslime«, heißt es weiter, »sagen wir den Christen, dass wir nicht gegen sie sind und dass der Islam nicht gegen sie ist so lange, wie sie nicht aus religiösen Gründen Krieg gegen die Muslime führen, sie unterdrücken und sie aus ihren Häusern vertreiben«. Und weiter: »Denen, die dennoch Geschmack an Konflikt und Zerstörung um ihrer selbst willen finden oder die meinen, dass sie letztlich aus Konflikt und Zerstörung Gewinn ziehen, sagen wir: Unsere unsterblichen Seelen selbst sind in Gefahr, sollten wir es versäumen, ehrlich und mit allen Kräften alles zu unternehmen, um Frieden und Harmonie zu erreichen.«

Mit dieser Initiative schält sich so etwas wie eine »islamische Ökumene« heraus. Zu den Unterzeichnern gehören die Großmuftis von Bosnien und Herzegowina, Russland, Kroatien, dem Kosovo und Syrien, der Generalsekretär der Organisation der Islamischen Konferenz, der frühere Mufti von Ägypten und der Gründer der Ulama-Organisation im Irak, aber auch zwei Ajatollahs und weitere hochrangige schiitische, ibaditische und ismailitische Würdenträger und Gelehrte. Das königliche Aal-al-Bayt-Institut für Islamisches Denken in Jordanien ist der Impulsgeber, wie schon bei dem ersten Brief an den Papst.

Einer der treibenden Intellektuellen hinter der Initiative, Dr. Aref Ali Nayed von der Universität Cambridge, sagt, es handle sich um »einen Konsens der Muslime weltweit« und »einen Meilenstein«.

Unübersehbar fehlen Vertreter der islamistischen Richtung, etwa so gewichtige Namen wie Tariq Ramadan und Yusuf al-Qaradawi, beide dem Umfeld der Muslimbrüder zuzurechnen. Auch fehlt der Scheikh der einflussreichen ägyptischen Al-Azhar-Universität, Muhammad Saiyid Tantawi. Dagegen sticht die relativ starke Präsenz der offiziellen saudischen Richtung ins Auge.

Kein Zweifel, der Brief der muslimischen Religionsführer und -gelehrten verdient wache Aufmerksamkeit, nicht zuletzt auf christlicher Seite. Für jemanden, der sich wie ich schon jahrzehntelang im religiösen Dialog der Christen und Muslime engagiert hat, ist allein schon der Versuch bemerkenswert, einen breiten Konsens unter muslimischen Führungspersönlichkeiten zu erreichen. Diese Anstrengung hat sicher nicht zuletzt das Ziel, dass der Islam im globalen Konzert weltanschaulicher Stimmen als eine distinkte und klar artikulierte Stimme vernommen wird. Die Kirche kann das nur begrüßen, denn sie braucht qualifizierte Kritik von nichtchristlicher Seite. Wer die beeindruckende Liste der Unterzeichner aus allen Erdteilen liest, wird erkennen, dass es die islamische und die christliche Welt im Sinne geografisch abgrenzbarer Bereiche nicht mehr gibt. Christen und Muslime nehmen heute weltweit am Leben verschiedenartiger Gesellschaften teil, die allesamt plural zusammengesetzt sind.