E-Learning ist auf dem Vormarsch. Doch zu viele deutsche Hochschulen verschlafen die technische Revolution der Lehre.

Noch fünf Minuten im Bett bleiben. Vielleicht auch noch ein ganzes Stündchen. Sich genüsslich auf die andere Seite drehen und den Traum zurückholen. Diesen Luxus genehmigt sich Sebastian Roschke hin und wieder, wenn sein Wecker klingelt und er eigentlich zur Vorlesung gehen müsste.

Der Informatikstudent ist Opfer und Nutznießer der technischen Revolution zugleich. Opfer, weil seine Vorlesung am Hasso-Plattner-Institut der Universität Potsdam extrem früh beginnt. Das liegt daran, dass ein Teil seiner Kommilitonen in China sitzt, an der Technischen Universität Peking, und die Potsdamer Vorlesung per Live-Schaltung im Internet verfolgt. Bei sechs Stunden Zeitverschiebung musste man eine Uhrzeit finden, die für beide Seiten funktioniert irgendwie. Auch wenn sie für müde deutsche Studenten wie Sebastian Roschke Schlafentzug bedeutet. Doch die Technik hält auch gleich die Lösung für den angehenden Software-Systemtechniker bereit: Er hört sich die Vorlesung einfach später an, dank Tele-Tasking kann er sie sich am Computer zu Hause ansehen, auf seinen iPod herunterladen und jederzeit stoppen, wenn er etwas nachschlagen möchte oder seine Mitschriften länger dauern.

"Synchrones Lernen", wie die Potsdamer und die Pekinger es praktizieren, ist als Folge der zunehmenden Internationalisierung der Hochschulen keine Seltenheit mehr, "allerdings immer noch viel zu selten", wie Ulrich Schmid sagt. Als Geschäftsführer des Multimedia Kontors Hamburg unterstützt er die IT-basierte Modernisierung der Hamburger Hochschulen. Ein "äußerst fruchtbarer internationaler Austausch" entstehe so, betont Schmid. Die Lehrangebote ergänzten sich, die Partner profierten vom Spezialistenwissen der jeweils anderen Seite.

Synchrones Lernen hat noch mehr Vorteile: Die Lehr- und Lernzeiten werden flexibler, der Ressourceneinsatz für die Hochschulen geringer, und die Vergleichbarkeit von Leistungen und Abschlüssen ist gesichert.

Das erkannte auch der Potsdamer Institutsleiter Christoph Meinel, als er vor fünf Jahren die deutsch-chinesische Partnerschaft mitinitiierte. Weil die Pekinger Uni keinen Spezialisten für Internetsicherheit hatte, entschloss sich Meinel, seine Vorlesung fortan auf Englisch zu halten und sie so nicht nur den eigenen Studenten am Lehrstuhl, sondern auch denen auf dem asiatischen Kontinent zugänglich zu machen. Seitdem verfolgen über hundert eifrige Chinesen seine Ausführungen über Anti-Spam-Mechanismen, Trusted Computing und Firewalls. Am Ende des Semesters reist Meinel nach Peking, nimmt die Prüfungen ab und vergibt Kreditpunkte, die identisch mit denen seiner deutschen Studenten sind. Wer am besten abschneidet, darf im Anschluss an sein Studium am Hasso-Plattner-Institut promovieren.