Was von 13 Jahren Politik übrig bleibt, steht auf zwei Blättern Papier. Die beiden Zettel in A-3-Größe kleben am dunklen Holz des Wandschranks im Abgeordnetenbüro von Caspar Einem. Mit schwarzen Filzstift hat der Politiker 26 kryptische Abkürzungen darauf gemalt: »BSA« steht da zum Beispiel, »VÖWG« oder »CEEP«. Es sind die politischen Funktionen, die Einem im Lauf der Zeit angesammelt hat: hier ein Verbandspräsident, dort ein Ehrenobmann, anderswo nur Mitglied. »Damit ich den Überblick bewahre«, sagt der 59-Jährige. Die meisten Akronyme sind durchgestrichen: also die Funktionen bereits abgelegt.

In einer Woche zieht sich der letzte Minister aus der Ära Franz Vranitzky endgültig aus der Politik zurück und wechselt als Vorstand in das Bedarfsflugunternehmen Jet Alliance. Schon vor drei Jahren habe ihm der neue Parteichef Alfred Gusenbauer mitgeteilt, »dass er mit mir politisch nichts mehr vor hat«, erzählt er. »Ich war froh, dass ich endlich Klarheit hatte.« Dennoch blieb er in den Oppositionsjahren an Bord: »Man verlässt kein sinkendes Schiff.«

Zwar war der ehemalige Quereinsteiger immer wieder für eine Reihe von Funktionen im Gespräch: Klubobmann, Nationalratspräsident, sogar Bundespräsidentschaftskandidat. Geworden ist er aber nichts davon. Seine wichtigste Funktion war bis zuletzt eine inoffizelle: das »linke Gewissen« der Sozialdemokratie.

»Ich kann mit der Klassifizierung leben«, sagt Einem. »Aber sie ist nicht realistisch.« Das Kapital von Karl Marx hat er sich zwar als 25-Jähriger von einer Freundin ausgeborgt und bis heute nicht zurückgegeben. Gelesen hat er das Werk aber immer noch nicht zur Gänze. Begriffe wie »Klassenkampf« hält er für anachronistisch, staatliches Eigentum an Unternehmen für tendenziell wachstumshemmend.

Nicht ideologischen Positionen verdankt Einem seinen Ruf, sondern dem humanen Ton, den er als Innenminister anschlug, und den Hetzkampagnen des Boulevards, die dieser auslöste. Er hatte seinen Platz gefunden: »Ich bin der Haider-Verhinderungsminister.« In der SPÖ blieb der Sozi mit der bedächtigen Miene stets ein Außenseiter und wurde gleichzeitig zu einer Integrationsfigur für all jene Genossen, die sich selbst als Außenseiter fühlen.

»Manchmal muss man den Haufen wachrütteln«, sagt Einem. Er umfasst seinen Ehering und dreht ihn am Finger. Sozialdemokrat sein, das bedeute für ihn: »Denen helfen, die die beschissensten Karten haben. Für die müssen wir kämpfen.« Beim letzten Satz wird sein Blick durchdringend, und er klopft mit dem ausgestrecktem Zeigefinger auf der Tischplatte jede einzelne Silbe mit – Einem appelliert im Stakkato.

Seinen Kampf führte Einem stets auch gegen die eigene Partei. Zuletzt 2005, als die SPÖ der schwarz-orangen Verschärfung des Asylrechts zustimmte. Er war einer der vier Abgeordneten, der bei der Abstimmung fehlte. »Es schmerzt ziemlich, wenn es in der Fraktion einen Kampf darüber gibt, wer das reinere Gewissen hat.« Skrupel scheinen für ihn tatsächlich eine politische Kategorie zu sein. Andere Kritiker seien von der Partei unter Druck gesetzt worden und wären schließlich eingeknickt. »Aber bei mir hat man das gar nicht erst versucht«, ergänzt er nicht ohne Stolz.