Wie viele Quadratmeter braucht das Glück? Antonella Bertello schließt die schwere grüne Holztür ihres Sommerhauses in den Hamptons auf Long Island und winkt den beiden zurückbleibenden Hunden durch die Glaseinsätze zu. Das Haus erinnert mit den rotbraunen Schindeln, dem tiefen Dach und den abgerundeten Ecken an ein riesiges Lebkuchenhaus. Es steht auf der leichten Anhöhe eines gut drei Hektar großen, von dichtem Wald umschlossenen Grundstückes. Der Rasen ist kurz geschnitten, dichter Wein rankt sich um die Säulen der Veranda vor dem Swimmingpool. Antonella hat das Haus mit ihrem Mann Mitte der neunziger Jahre gebaut. Damals glaubte sie, dass 460 Quadratmeter ausreichen, um glücklich zu sein.

Antonella pendelt seit zehn Jahren zwischen Manhattan und den Hamptons. Ihre Familie ist im Baugeschäft tätig, ihr Mann ist Chirurg in Manhattan. Sie selbst entwickelt und verkauft Immobilien. Mit den Platzansprüchen des Glücks kennt sie sich aus. Ihr neuestes Objekt hat 725 Quadratmeter. Von Juli bis September hat sie es für 600.000 Dollar an den Erben einer der größten Werbeagenturen Amerikas vermietet. Der Erbe hat überlegt, ob er es kaufen soll, 16,9 Millionen schienen ein guter Preis zu sein. Er hat sich aber für ein Grundstück am Meer entschieden.

Die Hamptons liegen auf der South Fork, dem Südosten von Long Island, der lang gestreckten Insel vor Manhatten, die sich am Ende wie zwei gespreizte Finger gabelt. Sie sind der Sehnsuchtsort jedes New Yorkers, denn wer in den Hamptons ein Haus hat, der hat es geschafft. Donna Karan lud zur Premiere des neuen Filmes mit Gwyneth Paltrow, The Good Night, in ihr Haus in East Hampton, der Rapper P. Diddy hat im September, zum Ende der Sommersaison, auf seinem Anwesen eine seiner berühmten "White Partys" veranstaltet. Damit der Platz zum Parken ausreichte, hatte Diddy den East Hampton Airport angemietet. Auch Michael Moore feierte die Premiere seines neuen Filmes Sicko in East Hampton. Zur Dinnerparty kamen wieder Donna Karan, Harvey Weinstein und Tommy Hilfiger.

Antonella setzt sich in ihren Mercedes, wirft die langen schwarzen Haare zurück und fährt auf den schmalen Privatweg, den sie gemeinsam mit ihrem Nachbarn unterhält. Es geht eine ganze Weile an der Grenze des Anwesens entlang, die meisten Bäume sind auch Anfang Oktober noch saftig grün, nur hier und da fängt eine Kastanie an, ihre Blätter gelb, rot oder braun zu färben. Zwei Reitpferde stehen auf einer benachbarten Koppel, weißer Holzzaun, dahinter Kartoffelfelder, weit und breit ist kein Mensch zu sehen. An einer Weggabelung bleibt Antonella kurz stehen und zeigt auf ein Haus, das im Vergleich zu ihrem eigenen winzig ist. Es drückt sich an den Waldrand, als habe es das Gefühl, für diese Gegend nicht passend angezogen zu sein. "Hier haben Marilyn Monroe und Joe DiMaggio den Sommer nach ihrer Vermählung 1954 verbracht. Heute nutzt man so etwas als Gartenhaus", sagt Antonella Bertello. "Dort drüben, das weiße Farmhaus, das ist das Haus von Alec Baldwin. Er ist ein großartiger Nachbar."

Die Hamptons sind ehemaliges Bauernland, das nur begrenzt ist von der Peconic Bay im Norden und dem Atlantik im Süden. Der englische Siedler Lion Gardiner hatte es den Algonkin-Indianern im 17. Jahrhundert Stück um Stück abgekauft. Ein Drittel der Hamptons erwarb er im Tausch gegen 24 Äxte, 24 Mäntel, 20 Spiegel und 100 Ahlen. Für den Fall, dass ein Indianer auf die Idee kommen sollte, es seien ein oder zwei Spiegel zu wenig gezahlt worden, und Ansprüche auf das Land erhebt, gibt es auf Long Island Versicherungsschutz.

Es ist Samstagmorgen, und die Schlange bei Starbucks in der Main Street von East Hampton ist so lang, dass die Türe offen stehen muss. Links neben dem Coffeeshop hat Tiffany’s eine Filiale, gegenüber ist Gucci, und auf der Rückseite wirbt ein Hundespa mit seiner Bakery, einer Bäckerei für Hunde. Eigentlich ist die Saison seit Anfang September zu Ende, doch für Urlauber, die kein Haus haben, beginnt jetzt die ideale Reisezeit. Die Inns und B&Bs haben die Preise gesenkt, und es ist noch warm genug, um zwischen den Dünen am weißen Strand zu liegen. Auf den Bänken der Main Street sitzen diese Urlauber wie Angler, die auf einen großen Fisch warten. Vielleicht braucht Billy Joel ja neue Zahnpasta.

Das Auto überquert den Montauk Highway. Hier, south of the highway, beginnt die Upper East Side von East Hampton, der besonders noble Teil. Denn natürlich sind Hamptons nicht gleich Hamptons. Wer ganz in der Nähe des Strandes ein Haus besitzt, für den ist die Gegend, in der Antonellas Haus steht, schon Arme-Leute-Gebiet. Pferdekoppeln und Kartoffelfelder gibt es keine mehr, aber auch keinen Verkehr. Hohe Hecken verdecken die Sicht auf die Häuser, ab und an verschwindet eine Auffahrt im Nichts. Auch von Steven Spielbergs Haus ist nichts zu sehen. Nur zwei Mexikaner mähen in der Nähe ein Stück Rasen.

Spielberg hat schon vor langer Zeit die meisten Grundstücke um sein Haus herum gekauft, um sich vor neugierigen Blicken zu schützen. Sogar auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht, an die sein Grundstück grenzt, soll er Land besitzen. Weil Spielberg nicht der Einzige ist, der in den Hamptons Land hortet wie andere Konserven, wird es langsam eng. Der Radiomoderator Howard Stern hat sein Strandhaus schon verkauft, nachdem ihm die Nachbarn zu nah auf den Leib gerückt waren, Gwyneth Paltrow ließ um ihr neues Anwesen einen hohen Zedernzaun bauen, mit einem großen Tor und zwei Überwachungskameras.