Der Büchner-Preis für Martin Mosebach ist keine Selbstverständlichkeit. Das haben die Kritiker, die sich darüber empörten, klarer gesehen als die Bewunderer des Autors. Man stelle sich vor, die frühe Sowjetunion hätte einen erklärten Antikommunisten wie Bulgakow mit dem Leninorden ausgezeichnet. Wäre das denkbar gewesen? Es hat ja selbst Stalin einige Mühe gekostet, Bulgakow vor dem revolutionären Mob zu retten, und Stalin hat diese Mühe auch nur aus Ironie aufgewandt, weil es ihn erheiterte, einen bürgerlichen Schriftsteller am Leben zu lassen, der sich allen Ernstes einbildete, im bolschewistischen Moskau eigene Reitpferde unterhalten zu dürfen.

Nun ist Mosebach natürlich nicht in der Lage Bulgakows. Zwar ist es auch in seinem Fall der bürgerliche Habitus, der die Kritiker provoziert. Aber die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung unserer Tage kann ohne Furcht vor dem Mob einen Schriftsteller auszeichnen, der gerne und mit besonderer Wärme von der Monarchie spricht, der auch den Übergang vom Feudalismus zur Demokratie nicht unbedingt als Humanitätsgewinn betrachtet, der überhaupt ein lebhaftes Bewusstsein von den zivilisatorischen Verlusten hat, die der Übergang in die Moderne, zur emanzipierten und pluralistischen Massengesellschaft, mit sich gebracht hat.

In der Tat ist dies kein Weltbild nach dem Geschmack linker Orthodoxie. Es lässt sich aber auch nicht ohne Weiteres nach einem Links-rechts-Schema verorten. Um Mosebachs Kritik der Moderne zu verstehen, lohnt es, an Jacob Burckhardt zu erinnern. Wenn Burckhardt von Alteuropa sprach und darüber, wie seine Kleinteiligkeit, seine historisch gewachsenen und verwuselten Ständeherrschaften, seine krautige und ungekämmte Individualität im Zeitalter von Kolonialismus, Imperialismus und Bonapartismus untergegangen sind, dann schwang dort schon etwas Mosebach mit. Auch Burckhardt hat scharf gesehen, dass die demokratischen Konstitutionen und rechtsstaatlichen Freiheiten nur eine unzureichende, vielleicht trügerische Kompensation sind für das ständische Dickicht und Gewirr der Zünfte, in dem die Individualität ganz anders ins Kraut schießen konnte.

Die Moderne predigte Menschlichkeit und organisierte das Grauen

Jacob Burckhardt konnte sich allerdings noch darauf verlassen, dass viele Zeitgenossen seine Intuitionen teilten. Viele wussten vielleicht nichts mehr vom alten Reich, aber doch von dem lockeren Deutschen Bund, der etliche Kuriositäten, Privilegien und Sonderbarkeiten aus der napoleonischen Konkursmasse gerettet hatte. Damals gab es auch noch in Preußen eine konservative Partei. Es war wahrscheinlich, wie Martin Mosebach einmal in einem schönen Interview mit der Frankfurter Rundschau gesagt hat, die letzte konservative Partei, die es in Deutschland gegeben hat. Es war, damit keine Missverständnisse aufkommen, keine CDU, die von Konservatismus spricht, aber tatsächlich nur den kapitalistischen Fortschritt konservieren will. Die preußischen Konservativen wehrten sich gegen den Untergang Preußens im Wilhelminismus. Sie wollten kein kleindeutsches Reich, von dem sie einen Modernisierungsschub fürchteten, der ja dann auch kam, mit Massenkonsum, Massenpropaganda und Massenkrieg.

Das 19. Jahrhundert hatte eine lebhafte Vorstellung von dem Grauen, den das 20. Jahrhundert bringen würde. Erst das 20. Jahrhundert, das dieses Grauen dann tatsächlich brachte, entwickelte kein Bewusstsein mehr dafür, wie die Moderne, die Menschlichkeit predigte, mit derselben Moderne verknüpft war, die Unmenschlichkeit organisierte. Das 20. Jahrhundert, nachdem es 50 Jahre Gulag und KZs hinter sich hatte, gefiel sich noch immer in dem Selbstverständnis, das erste eigentlich humane Jahrhundert zu sein.

Es ist ihm mit dem Heiligen durchaus ernst