Ungeachtet zahlreicher Verfehlungen im Amt und seines erzwungenen Rücktritts steht Richard Nixon noch immer im Ruf eines visionären Außenpolitikers. Gemeinhin wird nur darüber gestritten, ob ihm oder seinem Berater für Nationale Sicherheit und späteren Außenminister, Henry A. Kissinger, das größte Verdienst bei der "Öffnung nach China", der Entspannungspolitik gegenüber der UdSSR oder der Dämpfung des Nahostkonfliktes nach dem Jom-Kippur-Krieg zusteht. Vor diesem Hintergrund ist das neue Buch von Robert Dallek eine kleine Sensation. Dem renommiertesten Biografen amerikanischer Präsidenten geht es nicht allein um eine auf neues Quellenmaterial gestützte Bilanz. Er wirft überdies die Frage auf, ob eine Demokratie sich die Außenpolitik im Stile Nixons und Kissingers leisten kann, ohne an der Substanz Schaden zu nehmen.

Zwischen 1969 und 1974, so Dalleks hauptsächlicher Kritikpunkt, wurden alle für die Formulierung von Außen- und Sicherheitspolitik vorgesehenen Regeln und Verfahren außer Kraft gesetzt. Zweifellos stehen Nixon und Kissinger mit dem Versuch, die auf diesem Terrain ohnehin üppigen Machtbefugnisse des Weißen Hauses bis zur Neige auszuschöpfen, nicht allein. Dallek hat dergleichen machiavellistische Versuchungen in seinen Studien über Franklin D. Roosevelt, John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson immer wieder zur Sprache gebracht. Dass aber selbst der Außen- und Verteidigungsminister – von den Experten ihrer Ministerien oder den Beratungs- und Kontrollgremien im Kongress gar nicht zu reden – dauerhaft von allen Planungen und Entscheidungen ausgeschlossen wurden, war bis dato nicht vorgekommen.

Was von der Art und Weise zu halten ist, mittels derer sich der innerste Kreis hermetisch abschottete, und wie es um das Innenleben zweier Protagonisten bestellt sein musste, die in ihrem Umfeld überwiegend "Bastarde", "Idioten", "Verräter" oder "Schlampen" am Werke sahen und die so Titulierten entsprechend behandelten, überlässt Dallek dem Urteil des Publikums. Umso entschiedener bewertet er die Konsequenzen: Indem Nixon und Kissinger, so der Vorwurf, Außenpolitik vornehmlich in den Dienst individueller Ambitionen und eigene Interessen über Staatsinteressen stellten, setzten sie sich nicht nur über Geist und Buchstaben der Verfassung hinweg. Sie waren auch dafür verantwortlich, dass weitsichtiges Räsonnement von Emotionen und Eitelkeiten überblendet wurde und ruhmsüchtige Imagepflege zulasten realpolitischen Kalküls ging.

Am Beispiel Vietnams kann Dallek den Beweis lückenlos führen. Den 1973 vereinbarten Waffenstillstand hätte man, wie der Präsident einräumte, zu gleichen Bedingungen bereits Anfang 1969 schließen können. Doch Nixon und Kissinger ließen im Wissen um die unabweisbare Niederlage weitere vier Jahre verstreichen, weil sie nicht als Verlierer in die Geschichtsbücher eingehen wollten. Vielmehr sollte zwischen dem Rückzug der US-Truppen und dem absehbaren Zusammenbruch des Saigoner Regimes ein Zeitpuffer liegen, um die Verantwortung für das Desaster den Südvietnamesen ankreiden zu können. Darum wurde der Luftkrieg gegen Nordvietnam, Laos und Kambodscha eskaliert, dafür ließen ungezählte Zivilisten ihr Leben, deshalb fielen unter Nixon genauso viele GIs wie vor 1969. Und am Ende leistete die Gier nach persönlichem Prestige einer weiteren Destabilisierung der Region Vorschub, versinnbildlicht in den massenmörderischen Roten Khmer Kambodschas.

Eine egomanische Demonstration von Härte und Unnachgiebigkeit und einen geradezu fahrlässigen Umgang mit langfristigen Interessen macht Dallek auch in der Politik gegenüber Lateinamerika und Indien aus. Die bereits vor der Amtseinführung Salvador Allendes von Washington teils angezettelten, teils ermutigten Putschpläne gegen einen demokratisch gewählten Präsidenten nähren noch heute und weit über Chile hinaus die Aversionen gegen Washingtons Politik. Und dass man in Neu Delhi einer strategischen Partnerschaft mit Russland noch immer den Vorzug gibt, dürfte auch mit der von Kissinger und Nixon getroffenen Entscheidung zu tun haben, im indisch-pakistanischen Krieg des Jahres 1971 einseitig für Pakistan Partei zu ergreifen. Wie Dallek zeigt, hatte diese Entscheidung nicht das Mindeste mit souveränem Krisenmanagement zu tun. Im Gegenteil. Das Weiße Haus signalisierte gar der VR China sein Verständnis für den Fall einer chinesischen Militärintervention gegen Indien – eine unverantwortliche und einzig auf die symbolische Bestrafung der verhassten Indira Gandhi abzielende Avance.

Für den größten Diskussionsstoff dürften indes die Fragen sorgen, die Dallek mit den unbestreitbaren Erfolgen der Administration Nixon verknüpft. War die Krisenanfälligkeit der Entspannungspolitik gegenüber der UdSSR und der VR China nicht auch einer über die Maßen personalisierten Außenpolitik geschuldet? Also dem Umstand, dass Kissinger und Nixon keinen Wert darauf legten, ihrem "Grand Design" einen nachhaltigen Rückhalt in der Bürokratie und im Kongress zu verschaffen? Und wurde die viel gelobte "Pendeldiplomatie" während und nach dem Jom-Kippur-Krieg nicht unter verfassungsrechtlich unlauteren Voraussetzungen betrieben? Vom Watergate-Skandal gebeutelt, war Nixon, so Dalleks begründete Vermutung, damals für Wochen handlungsunfähig. Und der Nachfolger für den wegen desselben Skandals entlassenen Vizepräsidenten war noch nicht vereidigt. Henry Kissinger hätte unter Berufung auf den 25. Verfassungszusatz dafür sorgen können und müssen, dass die präsidiale Verantwortung vorübergehend vom ranghöchsten Vertreter des Kongresses wahrgenommen wird. Stattdessen nutzte er die Bühne, um sich als künftiger Außenminister zu empfehlen. Und nahm in Kauf, dass in einer schweren internationalen Krise alle Entscheidungen von Männern getroffen wurden, die sich nie einer demokratischen Wahl gestellt hatten.