»Endlich wird es Tag in Deutschland!«

Er hat viele Leben in einem geführt. Und doch ist es nur ein halbes gewesen. Denn als es zu Ende ging, brutal beendet wurde durch Gewalt, am 9. November 1848, da zählte er noch keine 41 Jahre. Er war ein Diplomat und ein Kämpfer, ein Visionär und ein »Wühler«, wie er sich selbst ironisch nannte. Machtbewusst und empfindsam zugleich, einer von unten, der zum stolzen Bürger aufstieg. Vor allem aber: ein Freiheitsfreund, ein Demokrat, ein Europäer. Robert Blum, ein Mann des zukunftsfrohen 19. Jahrhunderts, ging seiner Zeit weit voran. Und wir dürfen ihn wohl, über die Abgründe des 20. Jahrhunderts hinweg, zu den Vorvätern unserer Republik zählen, ohne im Mindesten Gefahr zu laufen, ihn billig zu vereinnahmen.

Vor 200 Jahren, am 10. November 1807, wird er in Köln geboren. »Cologne« steht im Taufschein, denn das Rheinland gehört zu Frankreich, zu Napoleons Reich. Im Elternhaus in der Mauthgasse am Rhein geht es ärmlich zu. Der Vater, ewig kränkelnd, schlägt sich als Schreiber und Fabrikaufseher durch; 1815 stirbt er, gerade 34 Jahre alt. Ein Schicksalsjahr für die Familie; zugleich eines der großen Politik. Napoleons Ordnung ist gestürzt, Köln wird jetzt von Berlin aus regiert, von Preußen. Das alte Europa, das alte Deutschland mit seinen Fürsten und Fürstlein scheinen wiederauferstanden.

Blums Mutter heiratet erneut, einen Schifferknecht, einen recht rauen Gesellen, der seinem Stiefsohn wenig Förderung bietet. Blum, ein hochbegabter Junge, darf auf das Gymnasium. Er liebt das Lesen und das Lernen, doch die Eltern können die Schule bald nicht mehr bezahlen. Es kommt den Vierzehnjährigen bitter an, dass er stattdessen in die Lehre geschickt wird. Nach zwei gescheiterten Versuchen probiert er es bei einem Gelbgießer – ein Metallberuf, spezialisiert auf die Herstellung von Messingschnallen und Beschlägen. Blum ist diese Arbeit zuwider, brav hält er durch. Nach drei Lehrjahren geht er auf Wanderschaft, findet aber nur sporadisch Arbeit. Das scheint ihn wenig zu kümmern; stets führt er Papier und Stift bei sich, schreibt Reiseskizzen und Gedichte. Er ahnt, dass das Handwerk ihm keine Zukunft bietet.

Das königliche Militär schießt auf die Leipziger Demonstranten

Bei einem Kölner Laternenfabrikanten heuert er an, reist als Handlungsgehilfe durch Deutschland. Anderthalb Jahre bleibt er für die Firma in Berlin. Das geistige Leben hier fasziniert ihn. Er läuft ins Theater, besucht die Museen, hört Vorlesungen an der Universität. Und er schreibt weiter; ein paar Gedichte werden sogar gedruckt. Im Sommer 1830 allerdings ist der Laternenfabrikant pleite. Er hat ganz auf die alten Öllampen gesetzt, die längst von Gaslaternen abgelöst werden. Zu Fuß kehrt Blum heim nach Köln.

Da treffen aus Paris elektrisierende Nachrichten ein: Revolution! Das Regime König Karls X. ist gestürzt, halb Europa in Aufruhr. Heinrich Heine, das Junge Deutschland, eine ganze Generation empfängt ihre politische Taufe. »Juble auf, Europa! / Jauchze, unterdrückte Völkerschaar«, dichtet Blum im Stil des Tages.

Auch beruflich findet er ein neues Ziel. Am 1. Oktober 1830 fängt er am Stadttheater in Köln an, bei Direktor Friedrich Ringelhardt, als Theaterdiener. Gewiss kein Traumberuf, er muss die Launen der Mimen und Diven ertragen – und doch: eine Welt voller Kunst und Literatur. Er ist hingerissen von den klassischen Stücken, Schiller wird sein Idol. Zudem gibt es hier manches zu entdecken für einen lebensfrohen jungen Mann, denn neben den Dramen locken die Damen, die reizendsten Schauspielerinnen, Sängerinnen, Tänzerinnen. Blum ist zwar keine Schönheit, aber charmant und herzlich, ein Mann, der gefällt.

Als Ringelhardt 1832 nach Leipzig ans dortige Stadttheater wechselt, geht Blum mit. Er steigt auf, wird Theatersekretär, de facto Vizedirektor. Leipzig inspiriert ihn, die Messen, die Verlage, die Schriftsteller, die Universität, seit 1839 fährt die Eisenbahn – eine lebendige und intellektuelle Atmosphäre, auch wenn die Stadt mit ihren 40000 Einwohnern fast noch idyllisch wirkt. Er findet Anschluss an Dichterzirkel, schreibt Feuilletons, Kritiken. Und politische Theaterstücke: über die Befreiung Griechenlands, den polnischen Nationalhelden Tadeusz Kościuszko und George Washington. So schillerös bombastisch sie ihm auch geraten – in ihnen legt Blum sich schon das Vokabular seiner späteren politischen Reden und Ansichten zurecht. Es ist die Literatur eines schreibenden Politikers, der noch nicht seine Bühne gefunden hat. Das öffentliche Interesse an diesen Werken neigt sich gegen null, nur ein Stück wird überhaupt gedruckt. Auch für seinen Freund, den Komponisten Albert Lortzing, damals am Leipziger Theater engagiert, schreibt er ein Libretto. Wieder kein Erfolg. Blum wendet sich anderer Arbeit zu und ediert gemeinsam mit zwei Leipziger Autoren ein Theaterlexikon in sieben Bänden, der erste erscheint 1839. Das Lexikon wird zum Standardwerk.

»Endlich wird es Tag in Deutschland!«

Nach einer ersten kurzen Ehe – seine Frau stirbt wenige Wochen nach der Hochzeit – findet er Trost bei Eugenie Günther. Eugenie, genannt Jenny, die Schwester seines Journalistenfreundes Eugen Günther, ist eine gebildete und attraktive Frau, selbstbewusst und vif. Im Sommer und Herbst 1839 – Jenny verbringt die Monate auf dem Land – schreiben sich beide fast täglich Briefe, bewegende Dokumente voller Wärme und Zuneigung. Sie macht ihm den romantisch durchwirkten, wohl nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag, nach Amerika auszuwandern: »Unter einem wilden Himmel, in einer schönen Natur unter guten freien Menschen« werde sich sein Herz wieder »der Freude, der Heiterkeit« öffnen. Dann, am 14. Juni 1839, fragt er endlich, ob sie ihn heiraten will. Im Frühjahr 1840 ist es so weit, im Kirchlein Hohen Thekla geben sie sich das Jawort.

Biedermeierliche Zeiten. Stille Zufriedenheit ist das propagierte Lebensziel, politische Genügsamkeit dem Bürger anempfohlen. Denn wohin es führt, wenn alles mitregieren will, das hat man ja in Frankreich gesehen 1789 und 1830; zum Glück herrscht auch in Paris wieder ein König mit fester Hand, der »Bürgerkönig« Louis-Philippe. Die Geheimpolizei des Kanzlers Metternich in Wien und seine allgegenwärtigen Spitzel haben die Lage in den Ländern des Deutschen Bundes im Griff. Doch unter der reglosen Oberfläche gärt es. Statt Dramen schreibt Blum jetzt politische Artikel. Die Oppositionellen in Sachsen haben ihn schon entdeckt. 1839 wird er erstmals nach Frankfurt am Main eingeladen; dort in der Nähe treffen sich die führenden Vertreter der Demokraten und Liberalen zu Strategiegesprächen. Die Runden, hoch geheim, finden jährlich statt, in den Folgejahren meist auf einem Rheingauer Weingut, idyllisch gelegen in Hallgarten. Die Einladung an den jungen Theatermann ist ein Vertrauensbeweis.

Auch zu Hause in Leipzig macht er sich bekannt. Seit 1840 organisiert er jährlich ein Fest zu Ehren Friedrich Schillers. Seine öffentlichen Auftritte, seine Reden begeistern, die politische Botschaft darin wird wohl vernommen. Doch er will weiter, er spürt, dass auch in Deutschland eine neue Zeit angebrochen ist. Er gründet Vereine, gibt jetzt eine Zeitung heraus. Die Sächsischen Vaterlandsblätter werden von ihm fast im Alleingang redigiert, sie erscheinen drei, später viermal wöchentlich. Er schreibt für ein freies, demokratisches Deutschland – und er fordert die Beteiligung der Frauen. Blum ermutigt die 24-jährige Louise Otto, eine Vorkämpferin der Emanzipation, zur Mitarbeit. Nicht mehr unter einem männlichen Pseudonym, unter ihrem eigenen Namen soll sie schreiben!

Die Zensur bleibt ihm auf den Fersen. 1845 werden seine Vaterlandsblätter sogar ganz verboten. Aber nicht nur in der Politik – Unruhe macht sich auch im religiösen Leben bemerkbar. Einer von oben forcierten neuen Frömmelei (wie bei der wiederbelebten Wallfahrt zum Heiligen Rock in Trier) treten vielerorts selbstbewusste Reformbewegungen entgegen. Gerade in der katholischen Kirche. »Deutsch-Katholiken« nennen sich die Reformer. Sie wenden sich gegen das Papsttum, gegen Heiligenkult und Zölibat. Blum sieht die Chance für eine Volksbewegung, ihn fasziniert die politische Dimension. Hinter Johannes Ronge, einem Breslauer Kaplan, der die Deutsch-Katholiken anführt, wird er 1845 gewissermaßen die Nummer zwei und leitet die Leipziger Gemeinde. Ironisch nennt er sich selbst »Kirchenvater«. Die Schäflein verehren ihn, erstmals werden Blum-Porträts verkauft.

Kurz darauf kennt ihn ganz Deutschland, da hat sich sein Leben jäh und endgültig ins Politische gewendet. Am 12. August 1845 ist hoher Besuch aus Dresden angesagt. Prinz Johann, der Spross der regierenden Dynastie, will seine lieben Leipziger besuchen. Doch Johann ist bei den Bürgern unbeliebt, er gilt als bigott katholischer Scharfmacher. Seine Gegner, voran die Deutsch-Katholiken, versammeln sich am Abend vor dem Hotel des Prinzen, wüste Lieder ertönen, Steine fliegen gegen die Fenster. Militär wird herbeigepfiffen. Ohne ersichtliche Gefahr feuern die Soldaten in die Menge, es gibt Tote und Verletzte, eine grausige Sommernachtsszene. Die Stadt ist entsetzt, empört. Am nächsten Tag eilen mehrere Tausend Menschen zu einer Kundgebung am Schützenhaus. Der Ruf nach Rache ertönt, Revolution liegt in der Luft.

Louise Otto bewundert den »Zauber« seiner Rede

Auftritt Blum. Er ist am Tag zuvor in Dresden gewesen, am Nachmittag trifft er in Leipzig ein. Begeistert wird er empfangen. Blum mahnt: »Verlasst den Boden des Gesetzes nicht!« Louise Otto beobachtet den Redner. »Damals zeigte es sich«, schreibt sie Jahre später, »wie er allein durch seine Besonnenheit mitten in der Begeisterung und durch das Schlagende seiner Worte und Gründe […] eine Art von Zauber auch auf die aufgeregtesten Massen ausübte, wie es keiner vor und nach ihm vermocht hat.« Blum bittet die Menschen, schweigend zum Marktplatz zu ziehen. In gespenstischer Stille versammelt sich die Menge vor dem Rathaus. An der Spitze einer Delegation stellt Blum seine Forderungen: Eine Untersuchungskommission soll eingesetzt und die Führung der Garnison ausgetauscht werden.

»Endlich wird es Tag in Deutschland!«

Für ein paar Tage ist er jetzt Herr der Stadt. Täglich trifft man sich im Schützenhaus, Blum organisiert die Volksversammlungen. Überall in Deutschland nennt man seinen Namen. Er hat bewiesen, dass die Opposition vernünftig bleibt und kein Chaos stiftet, wie es die politischen Agenten des Deutschen Bundes behaupten. Ein gewaltiger Imagegewinn für die freiheitliche Bewegung. Bei den Kommunalwahlen im selben Jahr erhält Blum die höchste Stimmenzahl und wird Stadtverordneter. Er, der Junge aus der Kölner Altstadt, sitzt nun zwischen den Honoratioren, Leipzigs Verlegern, Kaufleuten, Ärzten und Professoren.

Er wird einer von ihnen. Längst schon ist er die Bühnenwelt satt. 1844 hat Ringelhardt das Leipziger Theater verlassen, mit dem Nachfolger kann Blum sich nicht arrangieren. Im Sommer 1847 kündigt er und gründet einen Verlag. Ein Wagnis – er hat vier Kinder, sein Haus am Stadtrand ist nicht abbezahlt, die Rücklagen sind spärlich. Blum plant, politische Literatur zu bringen, voran ein Staatslexikon, das Politik in verständlicher Form erläutert.

Noch bevor das Unternehmen richtig begonnen hat, kommt im Februar 1848 das lang ersehnte Signal zum großen Aufbruch: Revolution! Revolution in Paris! Die Wiederholung von 1789, von 1830. Alles, was Blum und seine Freunde sich seit Jahren erhofft haben, scheint nun zum Greifen nah. Tatsächlich springt der Funke nach Deutschland über. Blum organisiert die Demokraten in Leipzig, in Sachsen, er formuliert die Forderungen an den König in Dresden. Der Wucht der Opposition kann der Hof nichts mehr entgegensetzen. Am 13. März tritt das Ministerium komplett zurück, am 15. werden liberale Minister berufen.

In der Paulskirche streitet Blum auch für Polens Freiheit

Allerorts, in Dresden, Berlin, Wien, das gleiche Bild: Was eben noch galt – »niedergeschlagen«. Kürzlich verkündete Strafen – »erlassen«. Pressionsgesetze – »aufgehoben«. Schlag auf Schlag wird zugestanden, eingeräumt, bewilligt, wofür die Opposition Jahrzehnte gefochten hat: Vereidigung des Militärs auf die Verfassung, Pressefreiheit, Volksbewaffnung, politische Amnestie. Der Horizont weitet sich. Ein freies, geeintes Vaterland, eine Republik vielleicht in einem neuen Europa der Völker – all das könnte bald Wirklichkeit sein. »Endlich wird es Tag in Deutschland«, schreibt Blums Königsberger Freund Johann Jacoby.

Die Stadt Zwickau entsendet Blum ins sogenannte Vorparlament, das Anfang März in Frankfurt am Main tagt. Es soll entscheiden, wie der Umbau im Land weitergeht. Viele haben Blum aufgefordert, mitzumachen, aber besonders bewegt ihn das Mandat der jüdischen Gemeinde von Leipzig. Dort ist man sich sicher, dass der Freiheitsfreund Blum auch ein Herz für sie hat. Er möge sich für die »politisch-bürgerliche Gleichstellung aller Religions-Bekenntnisse« einsetzen, bittet ihn der Vorstand der Gemeinde.

Am 18. Mai 1848 tritt dann in der Frankfurter Paulskirche erstmals ein frei gewähltes Parlament aller Deutschen zusammen. Blum gehört nun in die vorderste Reihe der Nation, die Mehrheit der Leipziger Wahlmänner hat ihn zu ihrem Abgeordneten bestimmt. Schon am ersten Tag organisiert er die Linke im Parlament, versammelt am Abend die Demokraten. Er ist Fraktionsführer, populär wie kein Zweiter in der Paulskirche, ein Mann der Linken, der innerhalb der Fraktion aber moderat bleibt und den Kontakt zur Mitte, zu den Liberalen sucht. Blum plädiert für die Republik, ist aber bereit, sich einer abweichenden Mehrheitsentscheidung zu beugen. Vielen seiner Freunde erscheint das zu lau, sie gründen eine neue Fraktion.

Es wird ihm zur bitteren Erfahrung, dass selbst eine vereinigte Linke bestenfalls ein Drittel der Stimmen hinter sich bringt. So erlebt er Redetriumphe und zugleich Abstimmungsniederlagen. Blum muss mit ansehen, wie eine Art Stellvertretermonarch, der »Reichsverweser« Erzherzog Johann aus dem Hause Habsburg, an die Spitze der neuen Exekutive tritt. Er muss mit ansehen, wie die Paulskirchenmehrheit immer größere Teile von der preußischen Provinz Posen für das neue deutsche Reich reklamiert, während er selbst von einem starken, mit Deutschland verbündeten, demokratischen Polen träumt.

»Endlich wird es Tag in Deutschland!«

Doch die neue Zeit bringt auch Beglückendes, sie sei »wie ein Champagnerrausch«, schreibt er Anfang April. Im Juli reist er mit politischen Weggefährten durch die Pfalz. Überall werden sie begeistert empfangen, in Hambach holt man die alte schwarz-rot-goldene Fahne von 1832 heraus. Er genießt seine Popularität, bei den einfachen Leuten ebenso wie bei Frankfurts Bankiersgattinnen, die ihn in ihre Salons bitten. Die Damen umschwärmen ihn. Dann wieder schreibt er an Jenny, dass er sich nach ihr sehne und nach dem Haus und dem Garten mit den Dahlien darin. Als wäre er müde, überdrüssig des Kampfes.

Kurze Momente des Zweifels nur. Denn schon hat er sich neue Arbeit aufgehalst, eine Zeitung gegründet, die Reichstagszeitung. Er leitet die Fraktionssitzungen, ist in den Ausschüssen präsent, muss den Wählern in Leipzig Rechenschaft geben. Und wieder: Reden, Reden, Reden. Die Linke bleibt Minderheit. Von »Sisyphusarbeit« schreibt er einmal.

Dann scheint sich das Blatt zu wenden. Es geht um das Herzogtum Schleswig, ein alter Zankapfel zwischen Deutschland und Dänemark. Im Frühjahr marschieren preußische Truppen nach Norden, sie sollen im Namen der Nation verhindern, dass Dänemark die Provinz dem »Gesamtstaat« einverleibt. Doch bald will die königlich-preußische Armee nicht mehr für diesen schwarz-rot-goldenen Reichstraum kämpfen. Sie schließt einen Waffenstillstand, ohne sich weiter um das Frankfurter Parlament zu scheren. Nicht nur die Linken, auch viele Patrioten der Mitte sind empört. Das ist Blums Chance. Er hält eine flammende Rede für ein starkes junges Deutschland, das sich nicht den alten Mächten in Preußen und andernorts beugen soll.

Und es gelingt: Erstmals seit Bestehen der Nationalversammlung gewinnt die Linke eine wichtige Abstimmung – 231 Parlamentarier stimmen gegen, 221 für Preußens Waffenstillstand. Die amtierende »Reichsregierung« tritt zurück. Blum macht sich Hoffnungen auf ein Ministeramt, plötzlich sieht man ihn im Frack. Doch es kommt zu einer zweiten Abstimmung. Ein paar Abgeordnete der Mitte ändern ihre Meinung. Es wird nichts aus dem Minister Blum.

Viele sind empört über die laue Haltung des Parlaments. Linke Gruppen versammeln sich zu Kundgebungen, in Frankfurt werden Barrikaden errichtet. Blum versucht nach allen Seiten zu besänftigen.

Doch die Zeit für Kompromisse läuft ab. Nicht nur in Preußen, in vielen deutschen Staaten erstarken die alten Mächte wieder. In Frankfurt räumt Militär die Barrikaden ab. Zugleich wird ein konservatives Mitglied der Paulskirche von einer aufgebrachten Menge gelyncht. Auch liberale Bürger bekommen nun Angst, wollen sich leise verabschieden von der Revolution.

Er könne keinen Brief schreiben, berichtet er Jenny: »Zustände und Stimmung sind zu furchtbar.« Wo soll das Ganze hinführen? Wie lässt sich noch eine Entscheidung für das neue Deutschland erzwingen?

»Endlich wird es Tag in Deutschland!«

In dieser schier ausweglosen Lage tut sich eine Tür auf. Denn auch in Wien, wo man gleich im März Metternich gestürzt und davongejagt hat, kommt es zu einer zweiten Revolutionswelle, und hier zeichnet sich ein Sieg der Aufständischen ab. Am 7. Oktober flieht Kaiser Ferdinand nach Olmütz. Mit ihm die meisten Minister, doch das Parlament bleibt.Das ist es, was Blum gesucht hat: ein Bündnis von Parlament und Volk, die alten Kräfte sind »draußen«. An der Donau, so hofft er, wird die Entscheidung für ganz Deutschland fallen. Sein Entschluss steht fest: Er wird selbst nach Wien gehen.

Der Autor ist Historiker und lebt in Frankfurt am Main. Mehr zum Thema in seiner Biografie »Robert Blum«, die gerade im Lehmstedt Verlag, Leipzig, erschienen ist (368 S., Abb., 19,90 €)

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