Eine amerikanische Internetfirma namens Facebook soll 15 Milliarden Dollar wert sein, obwohl sie nicht einmal vier Jahre alt ist und vielleicht 150 Millionen Dollar Umsatz macht. Die Manager des Softwarekonzerns Microsoft hat das nicht gestört. Vor einer Woche haben sie 240 Millionen Dollar für rund anderthalb Prozent an Facebook gezahlt. Stecken wir schon wieder in einer Spekulationsblase?

Sicher, das erinnert an die von Gier und irren Wachstumserwartungen geprägte Ära der Technologieaktien vor zehn Jahren. Trotzdem lohnt ein genauer Blick. Denn die Firma Facebook dokumentiert einen tiefen gesellschaftlichen Wandel. Onlineangebote wie das von Facebook kündigen das Ende der Privatheit an, wie wir sie kennen, sie rühren an den Grundfesten bürgerlicher Freiheit.

Um das zu verstehen, muss man wissen: In den westlichen Industriestaaten nutzen mindestens 400 Millionen Menschen ein sogenanntes Soziales Netzwerk im Internet. Vor vier Jahren war es beinahe niemand.

Was die Nutzer dort finden? Vor allem sich selbst und ihre Freunde. Zunächst erstellt jeder einen persönlichen Steckbrief. Darin geben Nutzer mindestens preis, wer sie sind und welche Freunde sie haben. Darüber hinaus ist alles möglich. Und so entblößen sich viele regelrecht, schreiben auf, was sie essen, anziehen, lieben, hassen, was sie denken, wen sie mögen und welche Musik sie hören. Sie klagen ihr Leid, diskutieren in Gruppen über Skifahren, Vegetarismus, Magersucht – und manchmal über ihre politischen Einstellungen.

Das größte dieser Netzwerke heißt MySpace. Facebook wächst am schnellsten. Und in Deutschland sind StudiVZ und SchülerVZ am populärsten. Beide gehören (wie die ZEIT) zur Verlagsgruppe Holtzbrinck. Kein anderes Internetangebot wird hierzulande so intensiv genutzt wie diese beiden, was die zusammen sechs Milliarden Seitenabrufe allein im September belegen. Aber es wäre ein Trugschluss zu denken, das sei eine Mode der Jungen, der Naiven und Ahnungslosen. Fast die Hälfte der Mitglieder von Facebook ist älter als 35 Jahre.

Gründe dafür, dabei zu sein, gibt es viele. Für Jugendliche ist wohl am wichtigsten, sich nicht allein zu fühlen. Außerdem wollen sie wissen, wie sie auf andere wirken. Studenten verabreden sich mit ihren Freunden oder schwatzen schreibend: »Wohin gehst Du heute Abend?«, oder: »Weißt Du schon, mit wem Jens zusammen ist?« Wieder andere halten den Kontakt zu Freunden im Ausland.

Neu sind nicht die Bedürfnisse. Neu ist, dass jedes Wort gespeichert wird und praktisch kein Nutzer ein Problem damit hat. So sind die Sozialen Netzwerke zu riesigen Datenbanken des Geschmacks, der Gefühle und des gesellschaftlichen Status geworden.