Bezirksamt Neukölln von Berlin Abteilung Volksbildung" steht auf dem schmucklosen Schild über dem Eingang des großen grauen Klotzes. Weder für "Orientalischen Tanz" noch für den Kurs über "Basics für eine gelingende Partnerschaft" interessiert sich Claudia Bofinger, als sie an einem Mittwochabend im September durch die Türen der Otto Suhr-Volkshochschule im Arme-Leute-Viertel der Hauptstadt geht. Die 40-jährige Heilpraktikerin will lernen, wie sie trotz schrumpfender gesetzlicher Rente ausreichend für ihr Alter vorsorgen kann.

Gut drei Wochen zuvor im selben Gebäude: Gleich zwei Mitglieder der Bundesregierung hat es nach Neukölln verschlagen. Vizekanzler Franz Müntefering und Finanzminister Peer Steinbrück sind gekommen, um gemeinsam mit Verbandsvertretern das erste Semester von "Altersvorsorge macht Schule" zu würdigen. Umgeben von braun-grauen Vorhängen und Fernsehbildschirmen, auf denen Werbespots zum Kursprogramm laufen, stehen die beiden SPD-Politiker auf einer Art Bühne und ziehen eine positive Bilanz: Gleich in der ersten Runde haben 3319 Menschen 325 VHS-Kurse zur Altersvorsorge besucht. 97 Prozent der Teilnehmer gaben in einer anschließenden Umfrage an, ihre Erwartungen seien erfüllt worden, zwei Drittel bewerteten die Inhalte positiv, 90 Prozent hatten vor, die Inhalte für ihre persönliche Planung zu verwerten, genauso viele hielten bis zur letzten Unterrichtsstunde durch.

Die Sorge um ihre Altersversorgung treibt viele Deutsche um, aber sie verdrängen sie gerne. Die meisten Bundesbürger investieren mehr Zeit und Köpfchen in einen Autokauf als in ihre finanzielle Sicherheit im Alter. Die seit Februar angebotenen Volkshochschulkurse sollen den Einstieg in das unangenehme Thema erleichtern. Eine gemeinsame Initiative der Bundesregierung, des Deutschen Volkshochschul-Verbandes, der Deutschen Rentenversicherung (DRV) und einer Reihe hochkarätiger Verbände wie des Deutschen Gewerkschaftsbundes hat den zwölfstündigen Kurs zum symbolischen Preis von rund 30 Euro auf den Weg gebracht. Im laufenden Semester bieten rund 500 Volkshochschulen überall in Deutschland insgesamt 538 Kurse an.

Das Angebot der Volkshochschulen ist nicht als Konkurrenz zur kommerziellen Beratung gedacht. "Wir wettern nicht gegen die Beratungsangebote der Finanzdienstleister", sagt Antje Laacks, Projektkoordinatorin beim VHS-Verband. "Uns geht es darum, den Menschen die Basisqualifikation zu vermitteln, die sie brauchen, um Gespräche mit Banken und Versicherungen auf Augenhöhe führen, die richtigen Fragen stellen zu können." Die Idee – ein unabhängiges, produktneutrales und erschwingliches Angebot – ist großartig. Doch noch scheitert sie an der Wirklichkeit, zumindest hier in Neukölln.

Der Raum, in dem Claudia Bofinger lernen soll, was sie für ihren Ruhestand tun kann, trägt die Nummer 142. Er liegt hinter einer moosgrünen Tür, am Ende eines Labyrinths aus sich lang hinwindenden Gängen mit gelbstichigen Wänden, in denen es trotz Verbotsschildern leicht nach Zigarettenrauch riecht. Ein Zettel ermahnt: "Beim Umräumen der Tische die Tische bitte anheben". Der Kursleiter heißt Enrico Wolf, ist 29 Jahre alt, trägt einen weißen Leinenanzug, ein hellblaues Hemd, eine wild gestreifte Krawatte und einen Ohrring. Seine Haare hat er mit so viel Gel in Fasson gebracht, das zwischen den Stacheln die Kopfhaut deutlich hervorblitzt. Wolf ist – wie alle Kursleiter im Programm "Altersvorsorge macht Schule" – Referent der DRV, die laufende Veranstaltung ist sein dritter Kurs. "Die Rente ist sicher, sage ich immer – die Frage ist, in welcher Höhe", sagt er. Mit der gesetzlichen Rente kennt er sich bestens aus. Auf die Betriebsrente und die private Vorsorge – sie werden am zweiten und am dritten Abend behandelt – hat ihn und seine Kollegen ein zweiwöchiger Lehrgang vorbereitet. Dass er für Vorsorgeprodukte kein Experte sei, sagt er gleich zu Beginn, ganz explizit.