Hübsch hier auf Grenada, meistens wenigstens. Laid back, wie die Einheimischen sagen, so cool entspannt. Es gibt fast keinen Grund zur Sorge. Hurrikan Karen wird ein paar Breitengrade weiter nördlich an der südlichsten der Antilleninseln vorbeiziehen. Der sonst übliche Septemberregen soll in den nächsten Tagen auch nicht fallen. Heiß ist es, extra hot, wie der Busfahrer meinte. Bus ist etwas übertrieben. Das Transportsystem auf Grenada funktioniert mit japanischen Minivans, in denen zehn Personen irgendwie Platz haben. Der Busfahrer ist ein Grund zur Sorge. Er fährt, als hätte er einen Deal mit Gott. Oder er ist einer von den "Ich mach jetzt schon mal ernst"-Gläubigen der Sekte der Endzeitpropheten, die auf der Straße vom Fischerdorf Gouyave im Westen in Richtung Tufton Hall eine kleine Dependance in einer Holzhütte unterhalten. Der einzige Vorteil seines Raserroulettes ist, dass man kaum Zeit hat, die Kreuze der Unfallopfer am Straßenrand zu sehen.

Natürlich will man selbst noch mindestens so lange leben, wie man auf dieser kleinen Insel ist. Denn das Leben außerhalb der Busse ist gut. Das wird einem klar, als der Busfahrer gerade in einer mörderischen 180-Grad-Kurve einen Wagen überholt, der so gemächlich fährt, als ob der Typ am Steuer Ganja, Marihuana, geraucht und ein paar Gläser Rum gebechert hätte. Beim Überholen spricht der Busfahrer nebenbei auch viel zu schnell mit einer Miss Fahrgestell auf dem Beifahrersitz. Nein, er spricht nicht, er baggert, und als sie gerade lächelt und er auch, immer noch in dieser Killerkurve, kommt uns ein anderer todesverachtender Wahnsinniger entgegen, natürlich in der Mitte der Straße. Das war’s, denkt man. Dann also hier auf Grenada, das Sterben. Plötzlich erinnert man sich, wie schön etwa gestern der Sonnenuntergang war. Drei kühl beschlagene Carib Lager Beer brauchte die Sonne, um in der Strandbar Sur la Mer im Süden der Insel so was von unterzugehen, dass man sogar die Bisse der aggressiven Mücken an den Fußgelenken nicht mehr mitbekam. Danach, über einen Hügel, wieder zurück im Hotel, gab’s noch ein Krabbenrennen, ein paar Planter’s Punch und anschließend einen traumlosen Schlaf in einem der 1500 Hotelbetten der Insel. Und in diesem Augenblick ist man froh, dass eine Ampel diesen Höllenritt unterbricht und es nicht der letzte Abend war.

Es gibt vier Ampeln auf der 344 Quadratkilometer kleinen Insel. Es gibt sie noch nicht lange, ein paar Jahre erst, und niemand wollte sie, weil es zu der Zeit ja noch Verkehrspolizisten gab. Aber die Grenadinen konnten sich offenbar schlecht dagegen wehren. Die Ampeln waren ein Geschenk. Vor ein paar Jahren, erzählt eine österreichische Fremdenführerin, die hier zumindest so glücklich geworden ist, dass sie nicht mehr zurückmöchte, soll eine niederländische Firma einfach aufgetaucht sein und gesagt haben: "Hey, wir sind die, die die Ampeln machen. Umsonst, weil bezahlt wird das mit EU-Geldern…" "Okay, wenn das so ist, dann nehmen wir sie", soll der zuständige Minister geantwortet haben. Die Ampeln kosteten vier Verkehrspolizisten ihre Bühne. In operettenhaften Uniformen standen sie auf der Kreuzung und regelten mit einer Mischung aus klassischen Tanzelementen und Breakdance den Verkehr. Sie waren Kult in St. George’s, der Hauptstadt.

Die Nachtarbeit machte den Leuten Angst. Wenn das Schule macht!

Man kann Grenada nicht für voll nehmen. Die Insel dämmert unaufgeregt am 12. Breitengrad vor sich hin. 100000 Touristen jährlich, das ist nicht viel. Barbados, die östlichste der kleinen Antilleninseln, ist nur unwesentlich größer und hat fünfmal so viele. Der Permierminister Grenadas, Dr. the Right Honourable Keith Claudius Mitchell, ließ sich unlängst dabei filmen, wie er in Zürich eigenhändig von einem dubiosen deutschen Geschäftsmann einen Koffer voller Dollar entgegennahm. Den berühmtesten Künstler der Insel, Richardo Keens-Douglas, kann man morgens um drei am Strand treffen, wenn er bis zum Sonnenaufgang in sein Diktiergerät spricht. Rastafaris mit Säcken auf den Rücken und Macheten in der Hand machen Autostopp. Am Freitagabend stellt jeder Dritte seine Lautsprecher und einen Grill an den Straßenrand, Rum fließt, man sieht Kifferaugen, in Gouyave machen sie Fish-Friday, grillen entlang der Hauptstraße, trinken, tanzen zu Reggaemusik und sind dann hinüber. Die ganze Insel ist wie ein Roadmovie und flippt dermaßen aus, als ob all das Leben nur in den Abendstunden des Freitags Platz hätte. Wirklich hübsch, ein wenig kindlich auch.

Grenada, auf der anderen Seite, ist ein ernst zu nehmender Überlebenskünstler. Jongliert geschickt mit seiner Stimme bei den Vereinten Nationen. Stimmt etwa im Sinne Japans für höhere Walfangquoten und erhält im Gegenzug kostenlos einen Fischereihafen. Kuwait sponserte Teile der Küstenstraße, und China stellte ein etwas größenwahnsinniges Stadion für 20000 Menschen hin, um seinem Erzfeind Taiwan, das bis dahin die Stimme Grenadas hatte, eins reinzuwürgen. Schon der Bau selbst war eine große Nummer. Die Chinesen kamen mit Containerschiffen und eigenen Arbeitern, die in 24-Stunden-Schichten das Ding hochzogen. Die Nachtarbeit machte den Grenadinen Angst. Was, dachten sie, wenn das Schule macht? Wenn die Regierung daran Gefallen findet und denkt, was die Chinesen können, können wir auch? Die Angst war so groß, dass sie sich nachts auf das Flutlichtgelände schlichen und die chinesischen Arbeiter mit Steinen bewarfen, bis diese in ihre Containerunterkünfte flohen und alles wieder laid back war wie früher.