DIE ZEIT: Herr Huber, die Gewerkschaften erscheinen so mächtig wie lange nicht. Auch die SPD ist auf ihre Linie eingeschwenkt.

Berthold Huber: Ich sehe lediglich Bewegung in einem Punkt, bei der Verlängerung des Arbeitslosengelds I. Wir wollen aber mehr.

ZEIT: Und zwar?

Huber: Das Arbeitslosengeld II muss erhöht und jährlich an die Preisentwicklung angepasst werden. Die Rente mit 67 darf so nicht bleiben. Wir wollen neue Regeln, die den früheren Übergang in den Ruhestand ermöglichen. Ungelöst ist die Frage, wie man mehr junge Leute in Jobs bringt und sie qualifizieren kann. Die Bundesrepublik rangiert unter den Industrienationen bei der Weiterbildung auf dem vorletzten Platz. Auch davor kann niemand die Augen verschließen.

ZEIT: Und dank ihres wiedererlangten Selbstbewusstseins werden die Gewerkschaften für all diese Forderungen auf die Straße gehen?

Huber: Das wird sich zeigen. Sicher werden wir Kampagnen organisieren. Aber 2008 wird für die IG Metall auch ein Megatarifjahr. Schon jetzt sind wir in unglaublich vielen betrieblichen Auseinandersetzungen, müssen uns als Gewerkschaft jeden Tag unseren Platz erkämpfen. Gleichzeitig spüren wir, dass unsere Themen Konjunktur haben.

ZEIT: Der Streik der Lokomotivführer macht auch den Metallern Lust auf Streiks?

Huber: Die Gewerkschaft der Lokomotivführer ist eine berufsständische Organisation, die IG Metall ist eine Einheitsgewerkschaft. Wir wollen mit unserer Politik alles dafür tun, dass keine weiteren berufsständischen Organisationen entstehen. Die Einheitsgewerkschaft über Parteien, Konfessionen und Berufsstände hinweg ist eine der größten Errungenschaften nach 1945.

ZEIT: Das beantwortet nicht unsere Frage nach Ihrer Streikbereitschaft.

Huber: Wir sind da sehr traditionell. Zuerst führen wir Gespräche, dann sieht man weiter. Nehmen Sie nur die Stahlindustrie. Der geht es außerordentlich gut. Da werden wir sicher nicht nur einen Inflationsausgleich fordern. Wir schauen uns an, wie sich der Aufschwung entwickelt, die Ertragslage oder die Beschäftigung. Dann entscheiden wir gemeinsam.

ZEIT: Und politisch? Sie wollen die Agenda 2010 zurückdrehen. War sie nur ein großer Irrtum, oder hat sie auch etwas gebracht?

Huber: Natürlich hat die Agenda 2010 etwas gebracht. Aber sie wird missbraucht. Einige behaupten, sie hätte den Aufschwung gebracht, und das würde man an der Zahl der Arbeitsplätze sehen. Aber in diesem Geist ist die Agenda doch gar nicht geboren worden. Ihr Ziel war, die Menschen wieder schneller in Arbeit zu bringen, denn da gab es zweifellos Defizite.