Ein perfekter Popsong braucht nicht mehr als drei Minuten. Vielleicht hatte sich Tamara Bach an dieser Idee orientiert, als sie ihre ersten beiden Romane Marsmädchen und Busfahrt mit Kuhn schrieb. Romane, die auf knappe 160 Seiten all das Durcheinander packten, das sich in den Momenten der ersten Liebe und am Ende der Schulzeit wie automatisch einstellt: das Leben als ein Best-of-Album an Optionen, bei dem man sich unmöglich nur für eine Möglichkeit entscheiden kann. Wie wenig andere deutschsprachige Autorinnen hat Tamara Bach dabei in der Verknüpfung von szenischem Erzählen und bildhafter Sprache, von populärkulturellen Einflüssen und genauen Dialogen Porträts von gleichzeitig suchenden wie eigenständig handelnden jungen Menschen gezeichnet. Figuren und Geschichten, die wie perfekte Popsongs hängen bleiben.

Tamara Bachs neue Komposition hat das alte Längenideal weit hinter sich gelassen. Jetzt ist hier heißt sie und kommt mit drei Minuten nicht mehr aus. Dafür ist die Rolle der Hauptfigur gleich viermal besetzt: Finchen, das einzige Mädchen unter den Vieren und leider unbeachtet von Zanker, dem Mädchenschwarm und Rumtreiber, außerdem der sich unsterblich verliebende Mono mit der an ihm klebenden kleinen Schwester und Bowie, der noch immer daran verzweifelt, wie er mit seinem Vater auskommen und dem Tod der Mutter umgehen soll. Neun aufeinander folgende Tage lang, beginnend mit Silvester, beschreibt Tamara Bach die sich immer wieder kreuzenden Wege: ein Anruf, eine SMS, ein kurzer Treff, eine Verabredung in wechselnder Besetzung an wechselnden Orten. Der Beginn des neuen Jahres mit seinen letzten Ferientagen vor dem neuerlichen Schulbeginn ist für alle kein Neuanfang, sosehr sie es sich auch wünschen. Zu schnell hat sich der Schnee wieder in dreckiggrauen Matsch verwandelt. Zanker hängt seine Zeit irgendwo ab, bloß nicht zu Hause, wo der strenge Vater die Familie dominiert. Bei Mono kommt der finanzielle Engpass der Familie seinem Bemühen um die attraktive Natalie permanent in die Quere. Bowie und dessen Vater leben zusammen und doch getrennt, da sie sich nichts zu sagen zu haben. Schon gar nicht, wenn der Vater über eine neue Freundin spricht, die er ihm gerne vorstellen will. Und Finchen läuft und läuft und läuft Zanker hinterher, der in ihr nicht mehr sieht als das Mädchen, das ganz anders ist als die anderen Mädchen. Und ebendeshalb nicht begehrenswert.

Die meist unerfüllt bleibenden Sehnsüchte bilden das Grundmotiv des Romans. Es ist das Unendliche und Verheißungsvolle, das darin steckt und doch an der Enge und Alltäglichkeit kläglich scheitert. Sosehr sich alle bemühen, endet doch jeder Wunsch in vager Enttäuschung. Nur ein schwacher Trost ist dabei, dass es den Eltern kaum besser geht als den Kindern. Beinahe ethnografisch beschreibt Tamara Bach die Tagesabläufe, pendelt zwischen den Figuren, als wolle sie dem Leser lückenlos beweisen, dass alles so passieren muss, wie es passiert. Dabei greift sie gerade bei Zankers Familie haarscharf an der Mottenkiste vorbei. Insbesondere der autoritäre Vater mit seinem nimmermüden »Solange du deine Füße unter meinen Tisch streckst«-Habitus bleibt konturlos.

Dass man davon nicht irritiert wird, stattdessen dem Erzählten nahtlos folgt, liegt vor allem an der maßgefertigt sitzenden Sprache. Sie trägt über jede dramaturgische Unebenheit, jede kleine Länge mühelos hinweg. Brillante Dialoge, genaueste Beobachtungen, das Vermögen, kleinste atmosphärische Veränderungen in Worte zu kleiden, all das macht auch diesen dritten Roman von Tamara Bach aus. Diese Art des Erzählens bietet darüber hinaus auch genügend Platz für einen sich erst am Ende erschließenden Prolog. Der Soundtrack zum Roman fehlt ebenfalls nicht, wenn reichlich kompilierte und gebrannte CDs und aus dem Netz gezogene mp3-Dateien durch die Hände der vier wandern. Darunter sind nicht nur Dreiminutensongs. Dass auch längere Stücke perfekt sein können, wird spätestens jetzt und hier bewiesen. (Ab 12 Jahren) Ralf Schweikart

DIE LUCHS-JURY EMPFIEHLT AUSSERDEM:

Heinz Janisch/Isabel Pin (Ill.): Eine Wolke in meinem Bett
Aufbau Verlag, Berlin 2007; 32 S., 14,95 €
Wahrlich, ein Bilderbuch als »Wundertüte« (Janisch), voll zarter Farben und Fantasie