Das Ganze sei ein großer Bluff, sagt der italienische Ingenieur, der auf der Touristeninsel Margarita Trinkwasser aufbereitet, »eine bunt schillernde Seifenblase, die bald platzen wird«. Aber seine venezolanische Freundin, die Urlaubsfotos aus Rom – Petersdom, Kolosseum, Via Appia – auf dem Handy gespeichert hat, ist nicht einverstanden. »Früher war es so«, sagt die Ex-Schönheitskönigin und reckt den Arm in die Höhe. »Die Oligarchie war oben, das Volk ganz unten. Jetzt ist es umgekehrt!« Sie fährt sich mit dem Handrücken über die Kehle, die Geste des Halsabschneidens andeutend.

»Demnach ist es eine richtige Revolution?«

»Kommt drauf an, mit wem Sie sprechen. Die einen sagen Ja, die andern Nein!«

Caracas ist die Stadt der Schönheitsköniginnen, und schon mit 16 bekommen Töchter reicher Eltern schmale Nasen und üppige Busen angepasst – wer sich die plastische Chirurgie nicht leisten kann, gilt als unterprivilegiert. Dabei fällt auf, dass die Schönheitsköniginnen meist hellhäutige Blondinen sind wie Irene Saenz, Ex-Bürgermeisterin des Geschäftsviertels Chacao, die nach dem Scheitern ihrer Kandidatur fürs höchste Staatsamt nach Miami floh. Die Nachfahren schwarzer Sklaven von der Karibikküste oder der ins Orinokodelta abgedrängten Ureinwohner schaffen es nur selten ins Rampenlicht der Politik, die hier wie anderswo Teil des Showbusiness ist.

Eine die Regel bestätigende Ausnahme ist Venezuelas Präsident Hugo Rafael Chávez Frías, der wie sein Intimfeind George W. Bush den Rest der Welt in erbitterte Gegner und begeisterte Anhänger polarisiert. Es gibt kaum ein Schimpfwort, keine Schmähung, kein negatives Klischee, von Zampano bis Zambo – so werden die Mischlinge aus Indios und Schwarzen verächtlich genannt –, das auf das Enfant terrible der internationalen Politik nicht angewandt worden ist.

Chávez wurde und wird in einem Atemzug als Meisterschüler von Fidel Castro oder Juan Domingo Perón, als Wiedergänger Hitlers und Stalins oder als Bananenrepublik-Mussolini bezeichnet, als Emporkömmling verspottet und als Politclown lächerlich gemacht. Den sehr gegensätzlichen Invektiven ist gemein, dass sie entweder zu kurz greifen oder übers Ziel hinausschießen und das Talent dieses Volkstribuns wie die von ihm ausgehende Gefahr unter- oder überschätzen.

Der Aufstieg des Hugo Chávez hat alle Prognosen widerlegt und statt der erhofften Demokratie einen Tsunami des Populismus ausgelöst. Der gemeinsame Nenner des sogenannten Linksrucks, der durch den Kontinent geht, ist der Antiamerikanismus. Er speist sich aus verletztem Nationalstolz und Vorurteilen gegen die Globalisierung, die schlicht als Verschwörung der Reichen gegen die Armen gesehen wird. Der neue Populismus kommt nicht im olivgrünen Kampfanzug daher, sondern im T-Shirt, und er trägt statt der dunklen Obristenbrille ein menschliches Antlitz. Analytiker sprechen vom »leichten« Totalitarismus ohne Blutvergießen, der Opposition in Grenzen zulässt. Hugo Chávez ist das beste Beispiel dafür.

»Rein äußerlich ist Venezuela eine Demokratie«, sagt Teodoro Petkoff auf dem Weg zu seinem von Papieren überquellenden Büro, das die Redaktion von Tal Cual beherbergt, der, wie er betont, mutigsten Zeitung Lateinamerikas. Auf dem Schreibtisch Familienfotos, an der Wand Aufkleber mit einem zähnefletschenden Hai. Ständig klingelt das Telefon, die Sekretärin serviert Tee, und Petkoff legt die Beine auf den Tisch. Mit seinem gesträubten Schnurrbart sieht er aus wie ein im Klassenkampf ergrauter Parteifunktionär, der Revolution und Konterrevolution überstanden hat.

»Unter der Toga der Republik verbirgt sich das Skelett eines totalitären Staats. Es gibt keine Gewaltenteilung, Parlament und Justiz wurden entmachtet, und alle Fäden laufen zusammen in der Hand des autoritären Chefs, der Vizepräsidenten und Minister nach Gutdünken ernennt oder entlässt. Chávez ist kein Despot, der über Leichen geht, weil er das nicht nötig hat – eher ein Autokrat wie Putin oder Berlusconi, der Dissidenten und Oppositionelle auf legalem Weg, mit dem Knebel des Gesetzes, mundtot macht. Totalitarismus light sozusagen!«

Petkoff weiß, wovon er spricht. Als Exkommunist, der sich frühzeitig von der Sowjetunion wie von Kuba distanzierte und dem Guerillakrieg eine Absage erteilte, lernte er Hugo Chávez kennen, als dieser mit linken Militärs gegen die rechte Regierung konspirierte, und besuchte den durch einen Putschversuch populär gewordenen Oberst im Gefängnis (siehe Kasten Seite 19).

Während Chávez’ zweiter Amtszeit schlug Petkoffs Sympathie in Gegnerschaft um, die das Regime auf seine Weise beantwortete: Wegen eines satirischen Artikels in Tal Cual wurde die Zeitung zu einer Geldbuße von 50.000 Dollar verurteilt, weil sie angeblich gegen ein Gesetz zum Schutz Minderjähriger verstieß.

Auslöser war jene Satire, ein offener Brief an Chávez’ kleine Tochter, die angeregt hatte, das Pferd im Staatswappen in Zukunft statt nach rechts nach links galoppieren zu lassen. Ihr Wunsch war der Nationalversammlung Befehl, und Kritik an der Familie des Präsidenten galt als Majestätsbeleidigung. Doch der Schuss ging nach hinten los: Das Verbot machte Tal Cual populär, und die Geldstrafe wurde von Lesern und Sympathisanten bezahlt.

Petkoff erläutert, wie das autokratische System funktioniert: Ein Beispiel sei die Verstaatlichung des Sports, von Venezuelas Olympischem Komitee bis zu privaten Vereinen und Clubs, ein anderes das Gefügigmachen der Medien durch Entzug von Sendelizenzen, wobei die Selbstzensur effektiver sei als direkte Zensur, sowie die Gleichschaltung des Erziehungssektors. Studenten und Professoren verteidigen die Autonomie der Universität: Laut Umfragen der Universidad Central de Venezuela sind acht von zehn Studenten gegen Chávez. Das haben sie in mehreren Proteststreiks unter Beweis gestellt. Aber es gibt auch »bolivarische« Universitäten, mit regimetreuen Studenten.