Die Deutschen drängt es zu einer großen Geste. Achtzehn Jahre nach dem Fall der Mauer, siebzehn Jahre nachdem die beiden deutschen Staaten sich vereinigt haben, entscheidet der Bundestag an diesem Freitag über ein Denkmal. Ein Denkmal für Einheit und Freiheit. »Überfällig« sei das, sagt Parlamentspräsident Norbert Lammert. Wir »brauchen« es, meint Wolfgang Thierse, es sei »dringlich«, mahnt Lothar de Maizière. Was macht die Befürworter so sicher, dass wir schon wissen, was uns die Einheit bedeutet? Und darauf müssten wir antworten können, wenn etwas in Stein gemeißelt oder in Bronze gegossen werden soll.

Wo stehen wir in dieser jüngsten deutschen Geschichtsepoche? Am Anfang! Die gelebte Einheit ist noch lange keine Normalität. Sie ist ein Durcheinander von persönlichen Empfindungen und allgemeinen Einsichten, von erfüllten Hoffnungen und Enttäuschungen, von gelungener und misslungener Politik. Dass der Mauerfall ein Glücksfall war, wird fast jeder sagen. Aber die Frage, ob wir ihn der deutschen Politik, den Bürgerrechtlern oder den Weltmächten zu verdanken haben, würde schon unterschiedlich beantwortet.

Wer heute über die Einheit und das vereinigte Deutschland spricht, der spricht über sich selbst. Akteure interpretieren Akteure. Jeder hat etwas zu rechtfertigen. Politiker, Bürgerrechtler, Journalisten, Unternehmer, Arbeitslose, Wessis, Ossis. So betrachtet, wird die Forderung nach einem Denkmal der Einheit ein selbstreferenzieller Akt, dessen Motivation ganz verschieden sein mag. Die westlichen Einheitspolitiker, aber auch die Entspannungspolitiker fühlen sich in unterschiedlicher Weise durch den friedlichen Umbruch bestätigt. Ein Denkmal empfänden sie als Lob. Für die Bürgerrechtler, die Akteure des Herbstes 89, die in der neuen Bundesrepublik ihren Platz nicht wieder fanden, wäre ein Denkmal Wiedergutmachung. Den DDR-Politikern der Wende, die den ernsthaften Versuch unternommen haben, die DDR aufrecht in die Einheit zu führen, wie dem frei gewählten Ministerpräsidenten Lothar de Maizière, könnte ein Denkmal späte Anerkennung ihrer politischen Leistung bedeuten. Alle haben redliche Motive, anerkennenswerte Bedürfnisse. Aber kann daraus ein Denkmal werden?

Das Drängen auf ein Denkmal für ein Ereignis, das gerade 18 Jahre zurückliegt, steht in krassem Kontrast zum Anfang. Damals, 1990, konnte all das, was die DDR einmal war, nicht schnell genug getilgt werden. Lange bevor der Westen begriff, mit welchem Land er sich wiedervereinigt hatte, waren die Symbole verschwunden. Zuerst die Mauer. Selbstverständlich musste sie eingerissen werden, aber war es richtig, sie komplett abzureißen? Oder das Lenin-Denkmal in Berlin. Wo könnte man heute besser sehen, in welch falsche, fatale Richtung die DDR gegangen war. Oder der Palast der Republik, heute ein trostloses Stahlgerippe. Ein Ort, an dem Werden und Vergehen der DDR exemplarisch zu besichtigen wäre. Und der Eifer hält an: Viele würden die Stasi-Unterlagenbehörde mit ihrem einzigartigen Archiv lieber heute als morgen auflösen. Dabei ist diese Behörde mit ihren Fehlern und Brüchen das lebendigste Denkmal, das an die DDR und an das Glück der Einheit erinnert.

Die Verantwortlichen der neunziger Jahre hatten keine Geduld mit der Geschichte. Sie schufen Fakten, die nachfolgende Generationen um die Anschauung der Vergangenheit betrügen. Warum müssen wir heute einen ähnlichen Fehler wieder begehen? Ein schiefes, falsches Denkmal kann Schaden anrichten. Bestenfalls lässt es uns gleichgültig. Ein gelungenes ist ein Glück für ein Volk.

Gelungen ist uns das Holocaust-Mahnmal. Es hat 60 Jahre gedauert, bis zwei Amerikaner die Form fanden, in der das Unfassbare sich ausdrücken ließ. Es war möglich, weil wir uns Zeit gelassen und andere eingeladen haben, mitzureden und mitzumachen. Diese Erfahrung sollte uns lehren, dass es Distanz braucht für die sprechende Abstraktion. Und dass Betroffenheit nicht immer ein guter Ratgeber ist.