Stockholm, Dalagatan 46. Hier, in dem imposanten, fünfstöckigen Häuserkomplex aus dem vorletzten Jahrhundert, hat Astrid Lindgren 61 Jahre lang gelebt. Gleich gegenüber liegt der Vasapark, sie schaute ins Grün. Im Winter liefen ihre Kinder hier Schlittschuh – Karin, die sieben, und Lasse, der fünfzehn war, als die Familie 1941 einzog. Das Treppenhaus hellgelb, viel Holz, in der Mitte der stockholmtypische Drahtkäfig-Aufzug, und dann die Wohnungstür, an der steht: A. Lindgren. Die hellen Räume mit vielen Bildern sind seit dem Tod der Autorin vor fünfeinhalb Jahren unverändert, sie werden von der Familie unterhalten, um hier Arbeiten zu erledigen oder Journalisten zu treffen. Die würden sich immer wundern, wie einfach und wenig elegant die berühmteste Kinderbuchautorin der Welt gelebt hat, erzählt lachend Karin Nyman.

Sie, die heute am Stadtrand von Stockholm lebt, ist selbst "ein Büchermensch", Literaturwissenschaftlerin, Übersetzerin von Kinderbüchern und mit einem großen Teil ihrer Arbeitskraft dem Werk der Mutter verpflichtet. Schlank, beweglich, unglaublicherweise 73, steht ihr auch physisch die Mutter ins Gesicht geschrieben. Augen von erstaunlichem Blau, in denen Intensität und Nachdenklichkeit gesammelt sind. Und die jetzt nach innen schauen, bei der Erinnerung an die Mutter, die lustig war und noch viel mehr, die mit einem Fuß im Kinderland wohnen blieb – vielleicht als Maßgabe dafür, auf welche Art sie erwachsen sein wollte. Wie standen Mutter und Tochter zueinander? "Wir waren Freundinnen", sagt Karin Nyman schlicht.

DIE ZEIT: Gerade ist die "Ur-Pippi" erstmals in Deutschland erschienen, die erste schriftliche Fassung der berühmten Pippi Langstrumpf. Warum erst jetzt – Pippi ist immerhin schon 62 Jahre alt?

Karin Nyman: Meine Mutter hätte das vermutlich gar nicht gewollt, da bin ich mir ziemlich sicher. Sie sah diese "Ur-Pippi" als eine Art Rohfassung an. Auch die überarbeitete Pippi Langstrumpf, die dann gedruckt wurde, fand sie später nicht mehr gut genug. Als erfahrenere Schreiberin, meinte sie, hätte sie vieles anders gemacht. Wir in der Familie wiederum fanden, der 100. Geburtstag sei eine gute Gelegenheit, literarisch Interessierten Einblick in die verschiedenen Fassungen zu geben, und so ist die "Ur-Pippi" jetzt in Schweden und etlichen anderen Ländern erschienen.

ZEIT: Die "Ur-Pippi" ist die viel rauere Geschichte. In scharfen Szenen kritisiert Astrid Lindgren das autoritäre Verhalten von Erwachsenen gegenüber Kindern, wie sie prügeln und schimpfen und sich dabei noch rechtschaffen und moralisch einwandfrei fühlen. In der gedruckten Fassung fehlen diese Szenen, weil der Verlag Bonnier das Manuskript abgelehnt hatte. Hat Astrid Lindgren diese massive Überarbeitung als Verlust empfunden?

Nyman: Nein, sie hing nicht an dieser Fassung; sie schien sie vergessen zu haben. Vielleicht hat sie ihre Überarbeitung trotzdem als Zugeständnis empfunden… Sicher ist, dass sie froh war, die Figur der Pippi zu einer sensibleren, realeren Figur weiterentwickelt zu haben. Die erste Pippi war doch eher eine Prinzipienträgerin, die bestimmte Ideen transportiert, aber viel weniger ein lebendiger Charakter ist als die Pippi im Buch von 1945. Die "echte" Originalversion übrigens, die Geschichte, die sie mir am Bett erzählte, ist ja sowieso verloren, sie ist rein mündlich geblieben.