Eine Schule nach Judenrettern benennen? Das darf nicht sein!

Erst in den neunziger Jahren änderte sich das Klima, erwachte das Interesse. Nun begann man anzuerkennen, wie viele Spielarten und Möglichkeiten des Widerstandes es gegeben hatte – von der aktiven Konspiration über den Rettungswiderstand bis hin zur Desertion. Erst jetzt, befördert durch Hunderte einzelner Initiativen überall in Deutschland und Österreich, ging man daran, diese Menschen zu würdigen.

Unterstützung kam dabei von ganz oben. So ließ sich der vormalige Bundespräsident Johannes Rau im September 2001 mit einem Hubschrauber in das Schwarzwalddorf Simonswald fliegen, um dem dort lebenden ehemaligen Wehrmacht-Oberleutnant und Judenretter Heinz Drossel demonstrativ zum 85. Geburtstag zu gratulieren und damit ein politisches Zeichen zu setzen. Ohne Raus Fürsprache wäre auch die auf Initiative von Inge Deutschkron hin geplante und inzwischen zum Museum umgestaltete Gedenkstätte Otto Weidt in den Berliner Hackeschen Höfen, die an einen besonders beeindruckenden Judenretter erinnert, wohl kaum realisiert worden.

Und dennoch. Selbst heute gibt es bizarre Beispiele für historische Ignoranz. In Niederbayern zum Beispiel. Dort, in dem 7000 Einwohner zählenden Ort Ergoldsbach bei Landshut, weigerten sich noch 2005 Gemeinderat und Elternbeirat einer Schule, den Polizeiwachtmeister Max Maurer und die Bäuerin Anna Gnadl zu ehren. Maurer hatte kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs 13 jüdische KZ-Häftlinge aus den Fängen der SS gerettet. Er versteckte sie in Gnadls Scheune, bis sie von amerikanischen Truppen befreit werden konnten. Obwohl dieser mutige Polizist bereits von Jad Vaschem als "Gerechter unter den Völkern" geehrt worden ist, lehnen es die Ergoldsbacher bis heute ab, ihre Hauptschule nach ihm und seiner Helferin zu benennen.

In Bayern gehen die Uhren anders, wohl wahr. Aber auch hier, wo man noch bis in die neunziger Jahre hinein einem Hitler-Paladin wie Generaloberst Eduard Dietl huldigte und Georg Elser ignorierte, sollte es sich über sechzig Jahre nach dem Ende des Krieges und dem Untergang des Naziregimes herumgesprochen haben, wer die Verbrecher und wer die Helden in dieser schauerlichsten Tragödie der deutschen Geschichte gewesen sind.

Der Autor ist Professor für Neueste Geschichte in Freiburg im Breisgau. Dennis Riffels Buch über die Lipschitz-Initiative ist im Metropol-Verlag, Berlin, erschienen ("Unbesungene Helden"; 277 S., 19,– €)