Ein Bischof darf in höheren Sphären schweben. Er mag weltfremd argumentieren und sich an überkommene Ideale klammern. Politiker dürfen das nicht. Wenn der Augsburger Oberhirte Walter Mixa dagegen wütet, dass die Regierung angeblich die Frauen in die Erwerbstätigkeit dränge, anstatt ihnen die Familienarbeit und die Kindererziehung als Lebensziel schmackhaft zu machen – was soll’s. Dass aber die CSU in ebendieses Horn stößt, das ist ein Skandal.

Im Berliner Machtkampf ist es den Christsozialen tatsächlich gelungen, das Betreuungsgeld in den Gesetzentwurf zu mehr Krippenplätzen zu katapultieren. Bleibt nur zu hoffen, dass Finanzminister Peer Steinbrück und die SPD bei ihrem Widerstand gegen die abstruse Maßnahme bleiben – aus Sicht der Frauen ebenso wie im Sinne der Kinder. Und zum Wohl der Volkswirtschaft.

Nach dem Willen der CSU sollen Mütter künftig dafür belohnt werden, dass sie ihr Kind zu Hause betreuen, anstatt einen Krippenplatz in Anspruch zu nehmen. Damit outen sich die Herren der Partei als Politiker ohne jeden ordnungspolitischen Sachverstand. Ihrer Meinung nach ist es ungerecht, dass in die geplanten Betreuungsplätze staatliche Mittel fließen: Mütter, die von diesen Subventionen nicht profitierten, müssten finanziell abgefunden werden. Genauso gut könnten diejenigen, die kein Auto besitzen, vom Staat Geld fordern, weil sie die Straßen nicht benutzen. Oder Kinderlose ihren Anteil an den Steuern zurückverlangen, die in die Schulen fließen. Absurd.

Die Verfechter des Betreuungsgelds argumentieren, es müsse auch künftig die Wahlfreiheit geben, ob ein Kind die Krippe besucht oder nicht. Als ob irgendjemand planen würde, den Eltern ihre Kinder wegzunehmen. Momentan besteht diese Entscheidungsfreiheit nicht – weil es viel zu wenig Krippenplätze gibt. Wenn deren Zahl jetzt von 250.000 auf 750.000 steigen soll, wird die Wahlfreiheit überhaupt erst ansatzweise hergestellt. Schon 2005 stellte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) fest, dass eine Nachfrage nach 1,2 Millionen Plätzen bestehe für Kinder bis drei Jahre. Und wenn von 2013 an dann ein Rechtsanspruch auf solche Krippenplätze gilt, können sich die Eltern immer noch dagegen entscheiden, ihn wahrzunehmen. Das kalkuliert die Politik ohnehin ein: Trotz des Anspruchs wird es nur Plätze für 30 Prozent der Altersgruppe geben. Und das, obwohl sich die EU-Staaten vor fünf Jahren verpflichtet haben, schon bis 2010 Betreuungsplätze für 33 Prozent der Kleinkinder zu schaffen. Deutschland hinkt also sowieso hinterher.

Wenn es 150 Euro im Monat dafür gibt, dass das Kind nicht in die Krippe geht, setzt das einen ökonomischen Anreiz. Nicht für Akademikerinnen, für sie ist die Summe zu gering, aber für bildungsferne Familien mit wenig Geld. So einfach ist das, auch wenn die CSU es leugnet. Schon heute besuchen Arbeiterkinder signifikant seltener eine Krippe. Kommt die geplante Regelung, werden dort die Kinder von Bildungsbürgern noch mehr unter sich sein. Insbesondere der Nachwuchs von Arbeitslosen wird nicht davon profitieren, dass die Zahl der Krippenplätze wächst. Migrantenfamilien, die genau das Gegenteil, also den Anreiz zum Krippenbesuch ihrer Kinder brauchten, werden umso eher davon Abstand nehmen. Und Frauen mit schlechter bezahlten Jobs werden einmal mehr überlegen, ob sie in den Beruf zurückkehren sollen.

All das hätte fatale Folgen.

Zahlreiche Studien aus dem In- und Ausland belegen, dass Kinderkrippen und -gärten kein Abstellgleis für den Nachwuchs unverantwortlicher Eltern sind. Im Gegenteil: Sie sind essenzieller Bestandteil der frühkindlichen Förderung und Bildung. Genau wie die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung fordert deshalb das liberale Münchner ifo-Institut mehr Investitionen im vorschulischen Bereich. Seine Forscher stellen fest: Je länger Kinder eine solche Einrichtung besuchten, desto größer seien später im Schnitt ihre Schulerfolge. Und damit auch die künftigen Berufschancen. Wer also Eltern dazu animiert, ihr Kind zu Hause zu behalten, schmälert in vielen Fällen dessen Zukunftsperspektiven. Er schreibt die Ungleichheit der Gesellschaft fort und vergeudet wertvolles Potenzial benachteiligter Kinder – und das angesichts einer demografischen Entwicklung, bei der Deutschland jeden seiner Bürger bestmöglichst qualifizieren muss.

Gleichzeitig kann es sich das Land nicht leisten, das Potenzial der Frauen zu ignorieren. Über die Hälfte der Mütter von Kindern im Vorschulalter bleibt zu Hause – viele unfreiwillig, weil es an Betreuungsplätzen mangele, belegt eine weitere Studie. Und je länger sie aus dem Beruf aussteigen, desto geringer werden ihre Chancen, darin wieder Fuß zu fassen. Schon die dreijährige Kinderpause wirkt da kontraproduktiv. Gleichzeitig belegen viele Untersuchungen, dass eine hohe Frauenerwerbsquote das beste Mittel gegen Kinderarmut ist. Und dass sie unabdingbar ist, wenn man die Altersarmut reduzieren will. Die Durchschnittsrente von westdeutschen Frauen liegt heute bei 467 Euro, weil sie zu lange zu Hause blieben. Auch um künftigem Fachkräftemangel vorzubeugen, haben sich die EU-Staaten verpflichtet, für eine höhere Beschäftigungsquote der Frauen zu sorgen. Der Nachzügler Deutschland schert wieder aus.

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen hat die Zusammenhänge begriffen. Um die Frauen zu ermuntern, schnell wieder an den Arbeitsplatz zurückzukehren, hat sie das dreijährige Erziehungsgeld gestrichen und durch das zwölfmonatige Elterngeld für Mütter ersetzt. Nun sorgt sie für die dazugehörigen Krippenplätze. Nur leider fährt ihr die CSU in die Parade: Das Betreuungsgeld würde, wenn es Realität wird, den gegenteiligen Anreiz setzen. Und das, obwohl Bundesjustizministerin Brigitte Zypries jetzt mit ihrem neuen Unterhaltsrecht bei Scheidungen an die "Eigenverantwortung" der Frauen appelliert, die nicht mehr darauf bauen können, lebenslang vom Mann ernährt zu werden – sondern selbst ihr Geld verdienen sollen, auch wenn sie Kinder haben.

Erstaunt beobachten die Nachbarländer die hiesige Diskussion um das Betreuungsgeld, dessen Befürworter alle wissenschaftlichen Erkenntnisse ignorieren. Dass ein Bischof glaubt, das Ideal vom männlichen Alleinverdiener sei noch zeitgemäß, mag mit Mühe nachvollziehbar sein. Dass gestandene Politiker aus wahltaktischen Motiven oder ideologischer Verblendung heraus Frauen und Kinder dem Armutsrisiko aussetzen und obendrein die Bildungschancen von Deutschlands Jugend schmälern wollen – das ist eine Katastrophe.