Seit mehr als drei Monaten probt Bernhard Heyder den Ernstfall. Fast täglich trommelt der Leiter der BASF-Werksbahn in Ludwigshafen Kollegen verschiedener Abteilungen zusammen und spielt mit ihnen Streikszenarien durch. Das Ergebnis ihrer Planspiele sind umfangreiche Vorsichtsmaßnahmen: Vorratstanks mit Propylen oder anderen Chemikalien wurden bis zum Rand gefüllt, zwölf wichtige Bahntransporte im Ruhrgebiet an private Konkurrenten der Deutschen Bahn übergeben, andere Ladungen sollen Laster und Binnenschiffe übernehmen. Man habe verschiedene Streikvarianten geprüft, sagt Heyder, "aber natürlich hoffen wir, dass sich die Tarifpartner noch einigen".

Danach sieht es nicht aus. Schon in dieser Woche tritt der Ernstfall ein. Am Mittwoch sagte eine Sprecherin der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), die Gewerkschaft wolle ihre Streiks nun auch auf den Güterverkehr ausweiten. Ab Donnerstagmittag um 12 Uhr geht es los. Zunächst 42 Stunden lang. Gibt es bis dahin kein neues Angebot, will man die Kampfzone ausweiten. "Danach sind auch Aktionen im Personenverkehr möglich."

Die GDL ist entschlossen, im Tarifkonflikt bei der Deutschen Bahn den Güterverkehr lahmzulegen. Ein bisher für diesen Bereich und den Fernverkehr geltendes Streikverbot hob das Landesarbeitsgericht Chemnitz am vergangenen Freitag auf. Somit können die Lokführer den Druck auf die Bahn drastisch erhöhen. Dennoch erklärte deren oberste Personalchefin Margret Suckale am Dienstag, ein neues Angebot für die Lokführer werde es nicht geben. Gleichzeitig kündigte GDL-Vizechef Claus Weselsky den "stärksten und härtesten Arbeitskampf" an, den die Bahn bisher erlebt habe.

Bei dem Unternehmen scheint man von der Eskalation beeindruckt. "Wir sind bereit, morgen früh sofort mit ihnen zu verhandeln", sagte zumindest Transportvorstand Norbert Bensel. Ob sich wirklich etwas bewegt, oder ob es wieder nur um Rhetorik geht, ist bisher nicht abzusehen. Basis für Gespräche sei das Moderatorenergebnis vom Sommer, sagte Bensel. Das sah unter anderem vor, dass die Lokführer den von ihnen geforderten eigenständigen Tarifvertrag bekommen sollen. Die GDL zeigte sich daher positiv überrascht. Gewerkschaftssprecherin Gerda Seibert sagte Spiegel Online , mit dem Angebot gehe die Bahn über ihre bestehende Position hinaus. Die Frage sei nur, ob die Bahn das Ergebnis "genauso interpretiert wie wir". Sie werde GDL-Chef Manfred Schell informieren. Danach werde über die nächsten Schritte entschieden.

Allein die Ankündigung der Lokführer hatte bereits für Aufregung gesorgt: Es sei "gar nicht auszudenken", was ein wochenlanger Arbeitskampf im Güterverkehr anrichten könne, sorgt sich Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee. "Erhebliche wirtschaftliche Schäden" befürchtet Industriepräsident Jürgen Thumann. Und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung rechnet vor: Werde der Güterverkehr länger als sieben Tage komplett lahmgelegt, verursache das Schäden von bis zu einer halben Milliarde Euro am Tag. Das sei "volkswirtschaftlich nicht mehr zu verkraften".

Der Ruf wird lauter, mit Gesetzen die Streikmacht zu begrenzen

Nach diesen Szenarien gewinnt der seit Monaten dauernde Tarifstreit bei der Bahn eine ganz neue Bedeutung: Er ist nicht länger bloß ein Ärgernis für Pendler, sondern eine Bedrohung für Jobs und Wachstum. Kein Wunder, dass nun auch der Ruf lauter wird, gegen diese Blockadegefahr einzuschreiten, notfalls mit neuen Gesetzen. Einen staatlichen "Ordnungsrahmen" forderte Bahn-Chef Hartmut Mehdorn in einem Brief an Angela Merkel. Sonst würden immer neue Splittergruppen die Belegschaften spalten. Zumindest die Mittelstandspolitiker in der Unionsfraktion pflichteten ihm bei. "Hier müssen wir ganz schnell eingreifen, sonst kann es zu einem wirtschaftspolitischen Chaos kommen", ließ ihr Vorsitzender Michael Fuchs verlauten.

Einerseits wird nur ein äußerst geringer Teil der Güter in Deutschland mit Zügen transportiert. Gerade mal acht Prozent waren es laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr. Die Masse rollt über die Straße. Branchen wie der Einzelhandel bleiben deshalb gelassen. Leere Supermarktregale seien nicht zu befürchten, heißt es dort, Lebensmittel würden zu 80 Prozent per Lkw geliefert. Und wenn der Vizechef von BASF, Eggert Voscherau, vor "unkalkulierbaren Schäden" warnt, ist zu bedenken: Der Mann sitzt im Aufsichtsrat der Deutschen Bahn AG.