Es ist halb sechs Uhr abends in Manila. Noemi Pineda sitzt vor ihrem Computer in einem Großraumbüro in Libis, einem neuen Bürohochhausviertel in der philippinischen Hauptstadt. Sie setzt einen Kopfhörer auf und rückt das Mikrofon zurecht. Dann wählt sie Hanna Maiwalds* Nummer in Deutschland. Dort ist es halb zwölf Uhr mittags. » Hello Hanna, how are you – wie geht’s?« – » Oh, hello Noemi, I am so tired – ich bin so müde.« Es klingt, als würden sich zwei Freundinnen begrüßen, doch es ist Hanna Maiwalds Englischunterricht, der so beginnt. Noemi Pineda weiß, warum ihre Schülerin müde ist. » You will give birth soon – du wirst bald dein Kind zur Welt bringen«, sagt sie.

Das steht in dem Unterrichtstagebuch, das in einem Fenster auf ihrem Bildschirm geöffnet ist. Dort ist in wenigen Sätzen der Inhalt aller vorherigen Unterrichtsstunden zusammengefasst. Noemi Pineda fragt, ob Hanna Hausaufgaben gemacht habe. Sie sollte einen Text über das Thema Wutanfälle lesen. » No, I was too lazy – ich war zu faul.« Noemi Pineda lacht. Sie fragt, wie der Sommer in Deutschland war. » It was hot, it was cold, it was hot, cold – es war heiß, es war kalt, es war heiß, kalt«, sagt Hanna Maiwald. » So the weather has been inconsistent – das Wetter war also unbeständig«, sagt Noemi Pineda.

Hanna Maiwald arbeitet als Abteilungsleiterin in einem großen Unternehmen in Süddeutschland. Ihre Firma hat für sie den fernmündlichen Englischunterricht gebucht, ein Jahr lang hat sie eine halbe Stunde Unterricht pro Woche. Hanna Maiwald bekommt Konversationsunterricht, andere Firmen buchen für ihre Mitarbeiter Unterricht in Fachenglisch, und es gibt auch Schüler, die vollkommene Anfänger sind. Manche haben täglich Unterricht, andere nur einmal pro Woche. Seit Kurzem wird auch Gruppenunterricht über eine Konferenzschaltung angeboten.

ITI Consulting – so heißt das Unternehmen, das den Englischunterricht von Manila aus per Telefon anbietet. Der Unternehmenschef Robert de Ocampo ist 27 Jahre alt, trägt nach oben gegelte Haare und ein rosafarbenes Hemd. An der Wand seines Büros hängt das Diplom einer Management-Schule in Lille, Frankreich. Ein Jahr lang hat er dort studiert und in dieser Zeit ein Praktikum bei einer Firma namens Go Fluent gemacht, die Englischunterricht per Telefon verkauft. Die Lehrer von Go Fluent saßen damals in Kanada und in den USA.

Robert de Ocampo erzählt, dass er eines Tages mit dem Chef der Firma in der Pariser U-Bahn gesessen und der ihn gefragt habe, warum er eigentlich so gut Englisch könne. »Sprecht ihr nicht Chinesisch da unten?« Robert de Ocampo antwortete, dass die Philippinen einst eine US-amerikanische Kolonie gewesen seien und Englisch seitdem dort Zweitsprache sei. Sechs Wochen später saßen beide in einem Flugzeug nach Manila. Im September 2004 begann ITI Consulting Englischunterricht für Go Fluent zu produzieren, mit Robert de Ocampo als Chef und zwei Mitarbeitern.

Mittlerweile bekommen täglich rund 1.000 Kunden Englischnachhilfe von Manila aus. Vor allem in Deutschland, Italien und Frankreich sitzen die Schüler. »Aber in Russland gewinnen wir derzeit die meisten Kunden dazu«, sagt de Ocampo. Und es gibt auch Schüler in Simbabwe, Japan oder China. Rund 100.000 Kunden hat ITI Consulting, und täglich gibt es neue Anmeldungen. De Ocampo zählt ein paar der Unternehmen auf, die bei ihm Englischunterricht für ihre Mitarbeiter buchen: Alcatel, SAP, Schneider Electronic, Sanofi Aventis, Ikea.