Präziser konnte die Botschaft nicht ausfallen: "Unser neues Album ist fertig. Wir haben es In Rainbows genannt. Liebe Grüße an euch alle". So ließ die britische Band Radiohead über ihre Homepage verlauten, die Ankündigung eines neuen Kapitels in der Geschichte dieses wandelbaren Kollektivs. Diesmal gilt das Spiel den Techniken der Vermarktung selbst, denn zunächst ist In Rainbows nur im Internet zu haben . Der Kniff dabei: Radiohead lassen den Konsumenten selbst über den Preis entscheiden, für ein einfaches Herunterladen der zehn neuen Songs zahlt jeder nur das, was er für richtig hält. So wird Musik zum verhandelbaren Objekt, das nicht mehr an die Verwertungsstrategien der Musikindustrie gebunden ist, sondern sich allein über die emotionale Bindung des Fans definiert.

Wie viel ist dir deine Lieblingsband wert?, fragen Radiohead. Und die Strategie scheint sich auszuzahlen. Auch wenn bisher keine offiziellen Zahlen vorliegen, dürften erste Schätzungen der britischen Medien den Plattenfirmen einen Schauer über den Rücken jagen. Bereits am Tag der Veröffentlichung wurde In Rainbows 1,2 Millionen Mal heruntergeladen. Laut Umfragen war das Album den Käufern dabei durchschnittlich zwischen fünf und zehn Euro wert. Auch wenn In Rainbows erst im Januar 2008 regulär im Handel erhältlich sein wird, zählen Radiohead damit schon jetzt zu den Gewinnern des kommenden Musik-Jahres. Dass die Band dabei auf Werbeanzeigen und Vorabexemplare für die Presse verzichtete, entpuppt sich als geniale Marketingstrategie. Allerdings wirft das Eigenmarketing im Netz auch Fragen auf. Wie exemplarisch ist solch ein Coup? Funktioniert er auch bei weniger etablierten Künstlern? Und ist das Netz, in dem bislang vor allem Einzeltitel gefragt waren, wirklich der Ort für das traditionelle Format Album?

Wie es auch kommen wird, Radiohead votieren für Letzteres: als progressive Traditionalisten brechen sie eine Lanze für nachhaltigen Pop. Trotz des medialen Hypes ist In Rainbows ein fast schon konservatives Album geworden, mit großartigen Songs. Seit ihrem Meisterwerk OK Computer klang die Band aus Oxford nicht mehr so konzentriert und zugänglich, gelingt die Balance zwischen melodischen Songs und abstrakten Klängen derart überzeugend. Ein Ton wird wiedererkennbar, den man angesichts der Konzepthaftigkeit der Vorgängerplatten verloren geglaubt hatte. Auf Songs wie Nude und Reckoner finden Radiohead zu ihrer gewohnten Stärke zurück: Wie aus dünnem Glas gegossen schwebt Thom Yorkes Kopfstimme über dem fein austarierten Gitarrenspiel. Elektronische Sounds und verhallte Pianofiguren stehen im Dienst des Songs, nicht umgekehrt.

Die Traurigkeit früher Tage ist einer romantischen Schönheit gewichen, die nur noch von fern an die verfrickelten Etüden der letzten Jahre erinnert. Stattdessen kann man Yorke und seinen Weggefährten wieder bei der Suche nach dem perfekten Popsong zuhören. Es ist eine Suche, die sich in der Zerbrechlichkeit der Musik äußert, aber längst auch Technisches mitdenkt. "The infrastructure will collapse", singt Thom Yorke in House of Cards. Derartige Textzeilen sind Spiegel innerer Zustände, vor allem aber stehen sie für die Sehnsucht nach neuen Kommunikationsformen: Mögen sich in den Weiten des Netzes die finden, die sich suchen.

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