Er: ein hornbebrillter Bebop-Pianist. Sie: eine Zigarettenverkäuferin in einem New Yorker Jazzclub. Beide: das Traumpaar des Jazz Anfang der sechziger Jahre, Paul und Carla Bley. Sie wird zur Komponistin, Arrangeurin, später Leiterin großer Männerensembles, er bleibt Pianist, spielt auf der Grundlage weiblicher Harmonien, nach der Trennung von Carla sind es die Kompositionen von Annette Peacock, einer anderen Größe der freien Musikszene, die den schwarzen Blues vergessen ließ.

Paul Bley, 1932 in Montreal geboren, inspiriert, drängt die beiden Frauen zum Komponieren, er braucht Themen für seine Projekte, doch am Ende sind es ihre Melodien, ihre Pausen, ihr Tempo, die ihn lebenslang bestimmen. Ida Lupino , And Now The Queen oder Touching und Mr. Joy lassen ihn nicht mehr los. Der junge, hochbegabte Pianist spielte in den fünfziger Jahren mit den Legenden Lester Young und Charlie Parker, mit Coleman Hawkins und Chet Baker, aber es sind die Begegnungen mit den Revolutionären Ornette Coleman und Albert Ayler, die ihm den Horizont öffnen. Er wechselt die Perspektive: Wo die Paten des Free Jazz die Freiheit nach außen verwirklichen, laut, ungebunden, wendet er die Freiheit nach innen – offen, leise, konzentriert auf den einzelnen Ton, dann die Stille. Er wird zum musikalischen Raumkünstler, steckt mit ein paar Tönen das Stück ab, das Abstrakte und das Melancholische standen sich nie näher. Mit dem Klarinettisten Jimmy Giuffre, einem der Größten unter den Vergessenen, und dem Bassisten Steve Swallow schafft er Manifeste der lyrischen Revolution – soft free jazz. Nach den Alben Fusion und Thesis kommt Free Fall, in jeder Beziehung. Nach einem Konzert teilen sie sich die Einnahmen, jeder erhält 35 Cent.

Als Annette Peacock, ehemals Frau des Bassisten Gary Peacock, seinerseits langjähriger Partner Paul Bleys, erfährt, dass ein gewisser Robert Moog einen Synthesizer verleiht, werden Paul und Annette zu Pionieren des analogen Synthesizers. Sie scheitern öffentlich, doch Pauls Liebe zu den schwebenden Tönen bleibt. Als er zum akustischen Klavier zurückkehrt, sind es die Obertöne, denen er nachhört, das Timbre wird wichtiger als die Tonalität. Open, To Love, seine erste Soloplatte von 1972, vereint nicht nur Kompositionen von Carla Bley und Annette Peacock, er zitiert auch Falling In Love Again, die Zukunft ist offen.

Kaum eine Chance, die Platten Paul Bleys zu zählen, er empfindet Konzerte und Studiotermine wie Tagebucheinträge, Momentaufnahmen von Befindlichkeiten. Er löst den Widerspruch in der Improvisation zwischen Konserve und der Vergänglichkeit, indem er das Konservierte durch die schiere Menge flüchtig macht. Er bleibt der gedankliche Einsiedler, der es ablehnt zu üben, nur spielt, wenn er Konzerte gibt oder Schallplatten aufnimmt, kaum Musik hört und alterssteife Finger für einen Vorteil hält: Sie verhinderten Glätte und Oberflächlichkeit. Wenn er zu Tourneen aufbricht, benötigt er nur seine alten Hände, einen neuen Ort, einen guten Flügel – und die Erinnerung an die Kompositionen seiner Frauen.

Paul Bley: Open, To Love (ECM)

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