Die Welt war eine andere, als Frau Happ sechs Tage nach der Geburt ihrer Tochter das Krankenhaus verließ. Nicht nur, dass da jetzt Josephine war. Zwar schien die Zeit im Kreißsaal einen Augenblick stehen geblieben zu sein, doch draußen war dieselbe Zeit gerade dabei, eilends Geschichte zu schreiben: Es war der 9. November 1989.

Achtzehn Jahre später bittet Josephine Happ – ein Mädchen, eine Frau? –, sich die Schuhe auszuziehen, bevor man die Treppe hochgeht, in ihr Zimmer, um über ihr Leben in diesem neuen Deutschland zu sprechen, das so alt ist wie sie – und das einzige Deutschland, das sie kennt. Ihr Zimmer erzählt von ausgehender Kindheit und nahendem Erwachsensein; viel Wärme, viele Poster, viele Bücher, darunter sämtliche Harry Potter- Bände und Jules Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde .

Der Mittelpunkt der Erde hatte sich in Josephines Geburtsjahr schlagartig verschoben, viele Menschen aus Frankfurt (Oder) zogen diesem Mittelpunkt hinterher. Josephines Eltern blieben da. Sechs Kilometer vor der Oder ließen sie Mitte der neunziger Jahre ein Haus bauen, eines wie aus dem Westkatalog: schlicht, hell, ohne Zaun, auf einem Hügel gelegen, auf dem kurz zuvor noch Mähdrescher übers Feld gefahren waren. Von außen wirkt das Haus groß, doch innen schrägen sich die Wände schon im ersten Stock. Über Josephines Bett hängen japanische Fächer, ägyptische Papyri und schamanische Traumfänger, die Faszination der Fremde, seit ihrer Geburt, in ihrem ganzen Leben, erreichbar. In der elterlichen Stube: schwere Möbel, ein paar Bilder, vom Großvater aus Rostock gemalt und sparsam im Raum verteilt, als hingen sie noch im Plattenbau. "So groß" sei damals die ganze Wohnung gewesen, sagt Josephine und breitet die Arme aus, als könnte sie das ganze Zimmer umfassen. Dann erzählt sie, die Hände noch in der Luft, von ihrem Plan, die Welt zu erobern.

Als Erstes lege man sich fest, sagt Josephine. "Sich immer etwas offen halten wollen, damit kann ich mich nicht identifizieren." Ihre Eltern, Arzt und Apothekerin, sagten immer: "Such dir einen Job, wo du sicher bist." Ihr Vater, der Mediziner, meine: "Krank werden die Leute immer." Josephine sagt: "Heidelberg wird fürs Medizinstudium empfohlen."

Heidelberg hat eine schöne Altstadt. Josephine mag schöne Altstädte. In Frankfurt (Oder) werden die Wohnungen im Zentrum abgerissen und vor der Stadt wiederaufgebaut, als Häuser im Grünen. "Lohnt sich, hier Urlaub zu machen, weeß bloß keener", sagt der Vater. Josephine kräuselt ihr Kinn und sagt nichts. Wenn sie ihr Kinn kräuselt, sieht es immer so aus, als würden darin die Worte festgehalten, die den Mund nicht verlassen sollen. Aber es dann doch tun. Frankfurt (Oder) sei "einfach nicht auf dem neuesten Stand – egal, in welcher Hinsicht". Und doch ist Josephine Teil des Ostens, sie weiß es. Sie findet coole Dinge nicht cool, sondern "peppig", auch wenn das Wort in Restdeutschland nahezu ausgestorben ist. Wie fast alle in ihrem Jahrgang erhielt sie vor vier Jahren die Jugendweihe, die atheistische Ostvariante der Konfirmation. Noch so ein Überbleibsel aus einer Vergangenheit, die nicht ihre ist. Die Stadt schenkte ihr damals eine Rose und einen Atlas. Seitdem gehört sie zum "offiziellen Kreis der Erwachsenen" – die mit dem Wegweiser in der Hand.

Wie bei vielen in Josephines Abiturklasse zeigt dieser gen Westen. Dort will sie studieren, weil die Ost-Unis zu unbekannt sind. Nach dem Abitur wird sie nicht erst ein "praktisches Jahr" machen, wie ihre Mutter vorschlägt. Schließlich will sie ja auch Kinder haben, "in den Zwanzigern wäre schon gut", früher als die Westfrauen also. Hausfrau und Mutter komme für sie jedoch nie infrage, sagt sie. "Erwachsensein heißt doch, unabhängig von anderen zu sein."

Und dann erzählt Josephine, dass die meisten in ihrer Umgebung so denken und reden, "wenn ich mir etwas aussuche und dafür arbeite, werde ich das auch bekommen". Es gibt in ihrer Klasse keine Jammerossis mehr, eher Handlungsossis. Für die ist Deutschland nicht mehr als ein Fakt, vielleicht eine Chance. So erwartet Josephine nichts von Deutschland, sie erwartet aber einiges von sich.