Eigentlich beginnt diese Hildesheim-Geschichte in Halberstadt. Einst waren beide Städte weit berühmte Fachwerkparadiese. Hildesheim wurde Nürnberg des Nordens genannt, Halberstadt Rothenburg am Harz . Beide vergingen im Bombensturm. Hildesheim starb am 22. März 1945, Halberstadt am 8. April. Hernach gehörte Hildesheim zur Bundesrepublik und Halberstadt zur DDR. Von dort stammt der Reporter.

Ich glaube an die Verwandtschaft der verbrannten Städte, sagt die Magdeburger Schriftstellerin Annett Gröschner, die an der Hildesheimer Universität literarische Publizistik lehrt. Unter dem Neuen lebt die Erinnerung der gewesenen Stadt.

In Halberstadt ließ das SED-Regime die Fachwerkreste verrotten, zum ohnmächtigen Zorn der Lokalhistoriker und Altstadtfreunde wie Armin Dieckmann. Zahllos und unerschöpflich waren Onkel Armins Verwünschungen der SED-Barbarei. Dreimal sei Halberstadt zerstört worden: 1179 durch Heinrich den Löwen, 1945 durch die Amerikaner, danach von den Kommunisten. Dagegen Hildesheim! Als Invalidenrentner durfte Onkel Armin in den Westen reisen und brachte unglaubliche Kunde: In Hildesheim war das sehnende Erinnern derart stark, dass man am Markt das moderne Hotel Rose wieder abriss und mit unendlicher Liebesmüh das Knochenhauer Amtshaus von 1529 neu erschuf, den welthöchsten Fachwerkbau. Das Geld stammte weitenteils von privaten Spendern. 1989 stand das Haus. Die Mauer fiel.

Was hat die Wende im Westen verändert? Das Klischee sagt: nichts. Da sehen wir mal nach, in Hildesheim.
Ja, wunderbar ist der historische Markt, laut Wilhelm von Humboldt der schönste der Welt. Achtgeschossig ragt das Knochenhauer Amtshaus auf, umringt von weiterer Fachwerkpracht. Mächtige Kirchen durchwuchten die Stadt. Auf ihrem grünen Hügel thront St. Michaelis wie eine romanische Burg. Im Kreuzgang des Doms sprosst Hildesheims Wahrzeichen, der tausendjährige Rosenstock, dessen verschüttete Triebe 1945 aus den Trümmern krochen. Ergreifend ist das jüdische Mahnmal am Lappenberg, wo einst die Synagoge stand.

Dank Eingemeindungen zählt Hildesheim gut 100.000 Bewohner. Ein Großstädtchen, sagt Ratssprecher Horst Richter. Wirtschaftlich dominiert der Mittelstand. Größter Arbeitgeber ist Bosch-Blaupunkt mit 1500 Beschäftigten. Die Arbeitslosigkeit liegt bei acht Prozent. Soeben wurde Hildesheim zur besten Gründerregion Deutschlands gekürt.
Herr Richter, wen muss ich unbedingt besuchen?
Richter lächelt: Ilse Wittenberg.

Die Grande Dame der Hildesheimer Politik wohnt in der herben Nordstadt, wo – so wird sie formulieren – unsere ausländischen Mitbürger ihr Unwesen treiben. Die Sattlerstochter ist berühmt als Rote Ilse, weil sie jahrzehntelang die örtliche SPD anführte und flott ein rotes Auto fuhr. Mittlerweile ist sie 82, das Auto seit vorgestern verkauft. Am Kaffeetisch serviert sie Gebäck und Geschichte.

Auch Madonnen, Enten, Pinguine, geschnitzt vom verstorbenen Gatten, lauschen gebannt, wie das Blitzmädel Ilse den Krieg überstand. Durchs brennende Leipzig, sagt sie, dann Prag. Wlassow drehte seine Truppen gegen die Wehrmacht, wir türmten, in einem Bus voll Verwundeter. Vor den Dörfern nahmen wir Geiseln und setzten sie auf die Kotflügel, gegen Scharfschützenfeuer. Ich schoss vom Beifahrersitz mit dem MG in die Luft, vom Rückstoß hatt’ ich so ’ne dicke Schulter. Unsern Fahrer hat’s trotzdem erwischt. Och, was ich alles erzähle, nu ist der Kaffee kalt.
Und die Geiseln?
Die ließen wir am Ortsausgang laufen, mit was zu essen. 1950 hab ich geheiratet. Als unsere beiden Mädchen kamen, sagte mein Mann: Gott sei Dank, kein Kanonenfutter!
Wie fanden Sie zur Politik?
Willy Brandt, sagt Ilse Wittenberg feierlich. Der redete hier auf dem Markt, keine Phrasen, der war ’n Kumpel. Da sagte mein Mann: Ilse, den könn’ wir wählen.

Brandt, der Ost-West-Versöhner. Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört. Und was nicht? Köstlich sind Ilse Wittenbergs druckvolle Memoiren von ihren Besuchen drüben . Nach dem Grenzfall zerbrach jeglicher Kontakt zur sächsischen Partner-Kirchgemeinde, und Ostverwandte zeigten sich anmaßend bis undankbar. Wir waren selber schuld, sagt Ilse Wittenberg. Weil wir immer Pakete geschickt haben, glaubten die, uns fliegen die gebratenen Tauben in den Mund. Die Frau meines Cousins, die dachte wohl, wir hätten sonst was für Reichtümer. Da hab ich ihr mal meine Rentenunterlagen gezeigt. So!, hab ich gesagt. Jetzt will ich nix mehr zu dem Thema hören! Aber gar nix mehr!