Das Meer. Ruhig liegt es da. Weit draußen, in Umrissen, sieht man Schiffe, die nach Dänemark ziehen. Die Möwen, ein Schwarm an der Küste, fliegen umher. Wechselhaft bewölkt, ab und an blitzen kleine Wellen im Sonnenlicht auf. Ein Stück Land am Ende Deutschlands wie am Ende der Welt: Dierhagen an der Ostsee, eine Landzunge zwischen Bodden und offenem Meer. Im Rücken: der kleine Deich. Wer darübersteigt, erblickt ein winziges reetgedecktes Haus mit nur 36 Quadratmetern Wohnfläche, umgeben von einem gepflegten Garten. Hier wohnt Egon Krenz.

Ein milder Tag, Krenz hat sich nach draußen gesetzt, auf seine Terrasse. Hinter ihm ein Fenster, durch das man in die Küche blickt, Spitzengardinen, ein Glockenspiel, seine Frau Erika. Vor Krenz eine Thermoskanne, er gießt sich Kaffee ein, trägt einen hellen Anzug und sitzt etwas schief im Sessel. Die Bandscheibe. Eine schlimme Sache, sagt Krenz.

Vor ziemlich genau 18 Jahren war dieser Mann für knapp 50 Tage der mächtigste Mann der DDR: Honecker-Nachfolger, Partei- und Staatschef eines Landes im Niedergang. Die vertrauten und doch bereits gespenstisch entrückten Szenen, eine Bilderflut: überfüllte Botschaften, Massendemonstrationen in Leipzig, das skandierte "Wir sind ein Volk!", die Mauer wie aus Versehen geöffnet, der Versprecher während einer Pressekonferenz. Schließlich: Sekt am Brandenburger Tor, und die Insignien des Ostens, Mauerbrocken, DDR-Fahnen, eingerahmte Honecker-Porträts, landeten im Souvenirladen. Binnen weniger Tage.
Und ganz oben, ganz klein, der Mann, um den es hier geht.

Grotesk war die Macht, die sich selbst entmachtete, dem Druck der Straße wich. Am Ende der zwölften Tagung des Zentralkomitees vom 3. Dezember 1989 sagt Krenz: "Genossen, ich stehe jetzt auch vor einer Frage, auf die ich keine Antwort habe. Das ZK hat sich aufgelöst… Jetzt müsste der Arbeitsausschuss tätig sein… Oder wie ist das?"

Oder wie ist das? Was für ein Schlusswort für ein ganzes Staatsgebilde. Auf Thronen sitzen die Herrscher zwar seit je nur mit ihrem schnöden Hintern. Sagt Montaigne. Doch was passiert, wenn ihnen der Thron abhandenkommt? Die greisen Machthaber von einst verstarben kurz nach der Wende oder zogen sich aufs Altenteil zurück. Doch Krenz, mit seinen 52 Jahren jüngster Staatschef der DDR, wurde die heikle Gnade einer späten Geburt zuteil. Wie weiterleben? So ganz ohne Thron? Und: Was mit Krenz machen, diesem Fossil einer untergegangenen Welt? Ihn integrieren? Ihn bekämpfen? Oder einfach vergessen? Darf man am Beispiel Krenz zeigen, ob das Land in den vergangenen 18 Jahren eine glückliche Hand im Umgang mit sich selbst gefunden hat? Welche Funktion nimmt Krenz heute in der Erinnerung an die DDR ein?

Das sind Fragen, die man sich während der Begegnung, der Recherche, des Schreibens stellt. Und: Ob man ihm hier womöglich zu viel Raum gibt? Macht man Krenz damit zum Opfer? Verharmlost man damit die Verbrechen seines untergegangenen Regimes?

Er sitzt also vor einem. Gealtert, heute 70, untersetzt, von durchaus mächtiger Gestalt, aber unverkennbar dieses Gesicht, das man einst auf den Fernsehbildschirmen sah: die tiefen Augenringe. Die Stimme, eine Spur zu laut, als halte er eine Rede. Krenz spricht vier Stunden lang, bis es dämmert. Von seinem gesamten Leben ist die Rede, von der Kindheit, die er an der Ostsee verbracht hat, im heutigen Polen, in Kołobrzeg, früher Kolberg.

"Als Kind erlebte ich noch die Dreharbeiten zum Kolberg- Film", sagt er. Der wohl aufwendigste Durchhaltefilm der Nazis, der vom Kampf gegen Napoleon handelt. Kinder liefen damals an den Strand, eines von ihnen war der kleine Egon, er posierte für die Massenszenen, die Goebbels im Bild haben wollte. Als Erwachsener hat sich Krenz den Streifen einmal angeschaut, sich aber nicht entdecken können. Vermutlich wurde die Szene rausgeschnitten.

Seinen Vater hat Egon Krenz nie kennengelernt, der starb im Zweiten Weltkrieg. Die patriarchale Ordnung ersetzte der Staat: Krenz spricht von Funktionärstätigkeiten, der Karriere eines Paradesozialisten: Studium in Moskau, Staatsexamen als Diplomgesellschaftswissenschaftler, Vorsitzender der Pionierorganisation Ernst Thälmann, Mitglied des Präsidiums der Volkskammer, FDJ-Chef. Und so weiter und so fort. Eine Musterkarriere: "Wenn Sie so wollen, habe ich vom Klassensprecher einer vierten Klasse bis zum Staatsratsvorsitzenden alle Funktionsebenen erlebt, die es in der DDR gab."

Spricht Krenz, dann wirkt es, als habe er ein großes Publikum vor Augen, das ihm weihevoll gestimmt zuhört. Er blickt einen nicht an, er blickt ins Weite. Es müssen einst ungeheuer viele Reden gewesen sein. Der Habitus jedenfalls hat überlebt, Krenz spricht mit weit ausholenden Armbewegungen, hin und wieder zieht er sich das Jackett zurecht, als empfange er gleich Gorbatschow oder Kohl oder irgendwelche Heerscharen der FDJ. Große Bühne. Wer Krenz begegnet, spricht mit dem Staatsratsvorsitzenden der DDR, der er in Gesten noch immer ist. Mit einem Gespenst.