Die Einleitung von Antonøn Dvoáks Cellokonzert h-Moll ist prächtige Sache des Orchesters, und je länger sie dauert, desto unruhiger wird die Solistin. Sol Gabetta schaut zum Dirigenten Yakov Kreizberg, schaut zum Orchester, dreht sich sogar zu den Wiener Symphonikern um, als erbitte sie einen Wink: Spiel doch mit! Sie ist immer auf dem Sprung. Und wenn ihr Solo dann beginnt, funkelt ihr Ton wie Kohle in altermeisterlicher Glut. Wer nicht hinschaut, wähnt einen der großen alten Männer des Cellospiels vor sich. Doch es ist eine Elfe, die in Dvoáks Wäldern unterwegs ist und die dicksten Bäume fällt.

Sol Gabettas Karriere freilich ist im Diesseits beheimatet. 110 Konzerte gibt sie im Jahr 2007, zwei CDs hat sie in kurzer Folge aufgenommen, das spricht für ein straffes Management und viel Selbstdisziplin. Neulich bekam sie im Fernsehen den Echo Klassik und muss jetzt sogar im ICE Autogramme geben. Wünsche beantwortet sie fließend in sieben Sprachen. Die Tochter französisch-russischer Eltern wurde 1981 in Argentinien geboren, kam mit zehn Jahren nach Europa, studierte in Berlin, Madrid und Basel, reist durch die Welt, hat in Olsberg bei Basel ihr Haus und ihr eigenes Festival, bekleidet in Basel eine Professur, spielt regelmäßig Kammermusik und hat einen lukrativen Schallplattenvertrag in der Tasche. Man darf sich ein wenig um sie sorgen.

Aber nur ein bisschen, denn Cellisten von heute sind kernige Gemüter, die junge Generation hat längst Besitz ergriffen von Bachs Suiten, den großen romantischen Konzerten und den virtuosen Zugabestücken. Jan Vogler, Daniel Müller-Schott, Christian Poltéra, Jean-Guihen Queyras, Jens Peter Maintz, Truls Mrk, Alban Gerhardt und all die anderen spielen sich in eine Liga mit David Geringas, Heinrich Schiff, Yo-Yo Ma oder Pieter Wispelwey. Sol Gabetta spielt mit. Immer noch ist sie das Nesthäkchen der Zunft, doch greift sie hochbefugt zu den Sternen des Repertoires. Wenn sie den Bogen führt, erlebt man kein Sägewerk, sondern eine Raubkatze, die etwa in Tschaikowskys Rokoko-Variationen mit Flageoletts spielt, bei Doppelgriffen schnurrt, über Glissandi hechtet und erhaben durch Melodien schreitet. Den berühmten Credit Suisse Award hat sie nicht grundlos bekommen, beim Tschaikowsky- und beim ARD-Wettbewerb Preise gewonnnen - die "Echo"-Krone war das volkstümliche Häubchen der Ehrungen.

Die Meisterschülerin von David Geringas und Ivan Monighetti ist das Wunschschwiegertöchterlein, wie sie da so patent, adrett, fast niedlich das Podium betritt. Sobald sie indes spielt, treibt sie ein unruhiger Geist. Es ist nervöse Musikalität, die sie beseelt, eine authentische Leidenschaft, die den Hörer für sie einnimmt. Nur selten wirkt ihre Hingabe angelernt. Unter dem Lack, der zur Show dazugehört, gibt es eine tiefere Schicht, die Sol Gabetta preisgibt, wenn sie das Orchester hinter und neben sich vergisst. In der Düsseldorfer Tonhalle, zum Abschluss der Tournee mit den Wienern, spielte sie eine Zugabe, mit der sie dem Publikum die Luft zum Husten nahm. Der zweite Satz von Gramatam cellam (Das Buch) des lettischen Komponisten Peteris Vasks ist ein Abschiedsgesang an jede Äußerlichkeit, ein fast betendes Schweigestück mit Liegetönen, Trillervibrationen, ziehenden Linien auf dem Griffbrett, und einmal muss der Interpret eine melancholische Oberstimme singen. In der Partitur steht: Männer sollen sie leise pfeifen, Frauen leise singen. Der Sopran von Sol Gabetta war so lerchenrein, dass man sie gleich einem professionellen Chor empfehlen mochte. Als der letzte Ton verklungen war, wollte sich der Saal nicht regen, dann aber rappelte er vor Jubel.

Neben diesen Vermählungen von Bekanntem und Unbekanntem gibt es noch weitere Dinge, die ihr am Herzen liegen. Dazu zählt unbedingt die Erforschung unbekannter Welten. Eine solche ist auf Darmsaiten aufgezogen. Ihre jüngste Platte gilt Konzerten von Antonio Vivaldi, auf der sie ihr kostbares Guadagnini-Cello mit einem Barockbogen spielt. Der macht ihr Freude, weil er so leicht ist und weil mit ihm Dinge gelingen, die mit einem modernen Bogen unmöglich sind. Die Kollegen von Sonatori de la Gioiosa Marca spielen hellwach mit, es geht behände und mit differenziertem Vibrato durch melodiöse Räume - der Zuhörer, stilistisch überzeugt, kann gratulieren.

Neulich machte ihr jemand den Vorschlag, sie möge in ihrem Olsberger Festival mal J. S. Bachs Suiten im Wechsel mit dem Kollegen Wispelwey spielen er in alter, sie in moderner Manier. 16 Takte er, dann 16 Takte sie, 16 Takte wieder er, 16 Takte wieder sie. Gleich holte sie den Kalender heraus und murmelte etwas von 2010. Musikalisch könnte das prächtig funktionieren.

Tschaikowsky: Rokoko-Variationen, Saint-Saëns: Cellokonzert Nr. 1