Die Sache, sagt Rory, ist ganz einfach. Alle auf der Straße sind Kelten. Wir sind Wikinger. Die auf der Straße mögen wir nicht. Deshalb üben wir jetzt den viking roar. Ich zähle bis drei. Dann hebt ihr die Fäuste und schreit, so laut ihr könnt. Noch Fragen? Eins, zwei, drei.

Uuuuaaaaahhh!

Das Grinsen der Kinder ist so breit wie ein Wikingermaul, in dem ein Fass Met verschwindet. Wenn das eine Stadtrundfahrt ist – warum machen wir so was nicht öfter?, fragen Johann und Mathilda. Jetzt wirft Rory ein grob gewirktes Leibchen über, schnallt einen Gürtel um und schwingt sich auf den Fahrersitz seiner Duck. Diese Ente ist fast zehn Meter lang, wiegt knapp sieben Tonnen und heißt mit richtigem Namen DUKW-353, ein Amphibienfahrzeug, gebaut von General Motors in den Jahren 1942 bis 1945.

Papa, was ist ein Amphibienfahrzeug?

Rory startet den Sechszylinder und prügelt den ersten Gang rein. Eine Dreiviertelstunde lang schaukeln wir jetzt durch Dublins Zentrum, ehe wir an den Grand Canal Docks Schwimmwesten anlegen und uns mit Rory und der Ente Schnauze voran über eine steile Rampe in das Hafenbecken stürzen werden. Die Viking Splash Tour ist eine Mischung aus Stadtrundfahrt, Bötchentour, Eroberung und Karnevalsumzug. Alles Militärische ist dem sechsrädrigen Fahrgetüm glücklich ausgetrieben, regenbogenbunt gestrichen, juckelt es an den bekannten Sehenswürdigkeiten der irischen Hauptstadt vorbei: Christ Church, Ha’penny Bridge, Trinity College. Mit einem Wikingerhelm aus Plastik auf dem Kopf gucken sich die Kinder sogar diesen Erwachsenenkram bereitwillig an. Rory mit seinem seeräuberwilden Bärtchen und den dazu passenden Sprüchen mag der Albtraum aller bildungsbürgerlichen Städtetouristen sein – meine Kinder lieben ihn. Er brüllt, hupt, singt, schaukelt im Takt auf seinem Sitz und erzählt seine Anekdoten, als fielen sie ihm wirklich erst in dieser Sekunde ein. One, two, three .

Uuuuaaaaahhh!

Wie von einer Keule getroffen, zuckt das über den Stadtplan gebeugte Pärchen am Straßenrand zusammen. Jubel in der Ente: Wir spinnen, wir Wikinger! Wusstet ihr eigentlich, sweeties , dass der heilige Patrick als 16-Jähriger wie ein Sklave aus Wales nach Irland verschleppt wurde, um hier Schafe und Ziegen zu hüten? Da, sagt Rory und zeigt nach rechts in den Garten vor der Sankt-Patricks-Kathedrale, wo ein Brunnen steht, da hat er dann die ersten Iren getauft. Eine weitere Viertelstunde verstopfen wir mit unserer rollenden Antiquität die Innenstadt, dann schaltet Rory um auf Bootsbetrieb.

Mit sechs Knoten tuckern wir durch das Hafenbecken, in dem sich die Wasser der Liffey, des Grand Canal und des Meeres mischen. Am Ufer führen eine ganze Batterie Baukräne sowie unzählige neue Wohn- und Geschäftshäuser die Symphonie der boomenden Metropole auf. Das neue Viertel Docklands, in weniger als zehn Jahren entstanden, ist für Dublin, was die Hafencity für Hamburg ist: die Rückkehr der Stadt ans Wasser, zugleich ihr Aufbruch ins 21. Jahrhundert.