Es ist leider wahr, dass das Hessische kein großes Ansehen genießt – ungerechtfertigterweise, wie gleich gesagt werden muss. Das Hessische ist nicht irgendein Dialekt wie etwa das Bairische, sondern eine Sprache eigener Distinktion und Qualität, ohne deren Kenntnis die deutsche Literatur nicht verständlich ist. Es genügt, auf den Frankfurter Goethe hinzuweisen, dessen Gretchen bekanntlich sagt »Ach, neige, / du Schmerzensreiche, / Dein Anlitz gnädig meiner Not!« Was in der Druckfassung einen reichlich unreinen Reim ergibt, lautet in Wahrheit »Ach, neiche, du Schmerzensreiche«, wobei der Kenner weiß, dass der »ch«-Laut stimmhaft auszusprechen ist. Wenn wir weiterhin an Georg Büchner denken, an den großen Ernst Elias Niebergall und seinen Datterich, schließlich an den nicht minder großen Dichter Friedrich Stoltze, dann wird klar, dass das Hessische im Zentrum der deutschen Kulturnation steht.

Diese Selbstverständlichkeit muss deshalb erwähnt werden, weil sich zwei nichtswürdige Akteure anschicken, die Axt an die hessische Kultur zu legen. Bei dem einen handelt es sich um die EU-Kommission, bei dem anderen um einen Pilz. Die Kommission, deren Regulierungswut sie noch ins verdiente Grab bringen wird, hat angedroht, die Bezeichnung Wein nur noch für solche Getränke zu erlauben, die aus Trauben gekeltert sind. Und das Stöffche, der Ebbelwoi? Ohne ihn wäre Frankfurt nicht Frankfurt und Goethe nicht Goethe. Wer nur ein bisschen Ahnung von Kulturgeschichte hat, der weiß, dass der aus Äpfeln gepresste Wein immer Apfelwein heißen wird.

Was aber, wenn es keine Äpfel mehr gibt? Hier kommt der mörderische Pilz, den niemand anderes als die Kommission nach Hessen gebracht haben kann, ins böse Spiel. Ihm sind schon Tausende hessischer Apfelbäume zum Opfer gefallen. Der Apfelbaum ist, wie die taz in diesem Zusammenhang treffend bemerkt, »Sinnbild der Liebe, der Fruchtbarkeit und der Hoffnung«. Wir Hessen wissen: Die Hoffnung stirbt zuletzt und erst dann, wenn Kommission und Pilz längst vergangen sind. Wir erinnern uns an die unsterblichen Zeilen des unsterblichen Dichters Heinz Hergenhahn aus Flörsheim: »De Adam sacht zum Evche: / Ich glaab, du hast en Rappel, / ich brauch’ en Schoppe Ebbelwoi! / Was soll ich mit em Abbel?« Das heißt: Die Hessen stammen von Adam ab. Das wird auch Brüssel nicht ändern können. Finis

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