Enttäuschend letztlich. Wer die Maske kennt, die berühmte Totenmaske des Pharaos Tutanchamun, wird es schwerlich begreifen. Auch hierzulande gab es sie ja zu sehen, 1980 in Köln zum Beispiel, Abertausende waren herbeigeströmt, um das Wunder zu erleben. All dieses Gold! Diese geheimnisvollen Augen! Diese vollendete Gestalt, grandiose Form und Proportion, und das alles geschaffen in Ägypten, also praktisch Afrika, zu einer Zeit – vor dreieinhalbtausend Jahren –, als der Deutsche noch nicht einmal Farbfernsehen hatte!

Vor allem aber: das Geheimnis. Das rätselhafte Leben des Pharaos. Das lässt niemanden kalt, da spürt jeder einen Schauer, den Hauch des Schicksals und der Ewigkeit. Mit 18 schon gestorben! War es Liebeskummer? War es ein Unglück? Ein Fluch der Leidenschaft?

Ein Fluch gewiss. Jeden erfasste er, der dem tragischen Körper des jugendlichen Gottkönigs zu nahe kam. Die britischen Archäologen, die ihn vor 85 Jahren entdeckten im Tal der Könige bei Luxor am ewigen Nil, die seinen Sarkophag öffneten – sie alle sind seither gestorben. Viele, sehr viele, die ihn nur betrachtet haben, als Forscher, als bloße Touristen – sie mussten sterben. In alten Schriften ist davon die Rede, dass alle, die je in seiner Nähe waren, dass alle, die je von ihm gesprochen haben, dass auch sie sterben müssen! Auch alle, die über ihn schreiben, die nur seinen Namen niederschreiben – ja, aber Leser!, freue Dich nicht zu früh: Auch alle, die seinen Namen lesen, gelesen haben, müssen eines Tages Abschied vom Leben nehmen.

Grausig. Doch das schreckte die Ägypter nicht. Sie haben den Leichnam gehoben. Sie haben ihn aus den heiligen Lappen gewickelt, haben ihn präpariert und jetzt der Öffentlichkeit präsentiert. Niemals mehr soll Tutanchamun in seine geheimnisvolle Hülle zurückkehren, sondern, wie so manch anderer Pharao auch, in einer Vitrine, einem gläsernen Schrein der schaulustigen Menge dargeboten werden. Angeblich sei er so, klimatisiert unter Glas, in seiner Grabkammer besser geschützt vor Pilzbefall und Mikroorganismen aller Art …

Und was sehen wir? Der geheimnisvolle, funkelnde, schimmernde Pharao in seiner göttlichen Jugend, in seinem majestätischen Schweigen: ein klappernder Leichnam. Einen traurigen Gottmenschenrest sehen wir, schwärzlich verschrumpelt, die Haut zu Leder erstarrt, zwo mickrige Beinchen und an den zwo Füßen die zehn Zehen.

Wie sie sich in die Luft recken, die kleinen schwarzen Gottmenschenzehlein, wie verlassen sie sich spreizen! So enttäuschend der Anblick der ganzen, ihres goldenen Zaubers entkleideten Gestalt, so rührend sind die zwo schwarzen Füße mit den zehn einsamen, frierenden Zehen.

Das ist er, der Fluch des Pharaos. Kein Gold der Welt, keine Kunst wird uns bewahren. Ach, wie novemberlich die Archäologie sein kann!