In diesen dunklen Zeiten, da jeder Mensch ersetzbar ist und im Moment des Todes (wenn nicht schon früher) dem Vergessen anheimfällt, sollten wir innehalten und des braven Amerikaners George Bailey gedenken. George Bailey steht am Weihnachtsabend auf einer Brücke und blickt in die Tiefe. Er will sich zu Tode stürzen. Sein Leben ist gründlich schiefgegangen. Da sieht er, dass unten im Fluss schon ein anderer Mensch hilflos treibt. George springt hinab und rettet ihn. Der andere entpuppt sich aber als sein Schutzengel Clarence, welcher den göttlichen Auftrag hat, George ins Leben zurückzulocken. Das ist kein leichter Auftrag, denn George hat es sich in den Kopf gesetzt zu sterben. Er möchte nie geboren sein, nie geliebt haben, nie Kinder gezeugt haben.

Was tut der Schutzengel? Er erfüllt Georges finstere Wünsche. Er zeigt ihm die Welt, wie sie wäre, wenn George nie gelebt hätte; er führt George durch eine Welt ohne George. Menschen, die George einst im »ersten Leben« gerettet hat, sind längst tot, da George in seinem zweiten Leben nicht zur Stelle war, sie zu retten. Ein Stadtviertel für arme Menschen existiert nicht mehr, weil George, der es gebaut hat, alle seine Taten für ungültig erklärt hat. Georges Frau, eigentlich eine blühende Schönheit und warmherzige Mutter, ist eine verhärmte Jungfer, weil kein George gekommen war, sie zu heiraten. George sieht, was aus der Welt ohne ihn geworden ist. Aufgewühlt und geläutert, springt er zurück in die sinnlose Welt – und gibt ihr ihren Zusammenhang zurück. George ist das missing link , das Bindeglied zwischen den Menschen. Auf ihn kommt es an.

Frank Capra erzählt Georges Geschichte in seinem Weihnachtsfilm Ist das Leben nicht schön?, und James Stewart spielt die Hauptrolle. Es ist die große Erzählung von der Unersetzlichkeit des Einzelnen, der Appell an die Menschen, den Begriff »überflüssig« nie zu dulden unter ihresgleichen.

Capras Film stammt von 1946. Das Problem von uns Heutigen ist, dass die Engel nicht mehr fliegen. Es fehlen Wesen von Clarences Schlag, die uns zeigen könnten, dass die Welt ohne uns ein Sauhaufen, ein totes Fest wäre. Es fehlt das Gefühl, dass ohne »mich« die Welt auseinanderfiele. Heute gilt der Spruch: Jeder Mensch wird vollständig ersetzt durch die Lücke, die er hinterlässt. Vom Wiedergeborenenglanz eines James Stewart ist in der Kunst nur noch wenig zu finden, schon gar nicht in der Bühnenkunst. Es ist vielmehr so, dass sich die Menschen auf den Bühnen manierlich abfinden mit ihrem Erlöschen und ihrer Nutzlosigkeit.

Ab ins Meer. Nehmen wir Peter Vischer, Hauptfigur in einem Stück mit dem Titel Die Beißfrequenz der Kettenhunde , welches kürzlich am Hamburger Thalia Theater uraufgeführt worden ist. Vischer gerät an die Spitze eines Unternehmens und scheitert. Also schafft er sich, mit dem Blick ins Publikum, aus der Welt. »Worauf’s ankommt ist: dass es in keiner Weise eklig abläuft. Für niemand. Und nicht die große Vorwurfsnummer wird.«

Vischer ist ein Mann von Grundsätzen. Er kann sich nur zwei Arten des Sterbens vorstellen, den großen Tod des Helden und den diskreten Tod des Versagers. In seinen Worten: »Wenn man’s gepackt hat, dann will man auch: im Tode unvergessen sein. Wenn man… wenn man die Latte gerissen hat… oder ganz drunter gesprungen ist, dann: muss man eben die Erinnerung an sich beizeiten gezielt auslöschen. Die anderen müssen vergessen haben, dass man noch lebt. Dann ist gut.«