Als das Kind kam, war die Schwangere ganz allein in der Wohnung. Keiner da, sie zu stützen, keiner, die Qual der Austreibung zu lindern, den in einem Blutstrom durchbrechenden Kopf des Kindes zu halten, das schlierige Neugeborene zu trocknen, die Wunden der Mutter zu säubern und schließlich die Nabelschnur zu durchtrennen. Das hat sie selbst mit einem Messer getan. Für die Einsamkeit der Susan K. am Tag ihrer Entbindung gibt es kein heutiges Wort, nur altmodische Metaphern: gottverlassen, weltverloren, mutterseelenallein. Man möchte meinen, dass solche Begriffe in einer Zeit flächendeckender Ultraschalluntersuchungen nicht mehr vorkommen. Doch da liegt eine junge Frau in den Wehen und wagt nicht, eine Hebamme zu holen. Sie hat Angst, dass man ihr das Kind wegnimmt, sobald es auf der Welt ist, dass man sie wieder vor Gericht zerrt, dass die Presse über sie herfällt, die Nachbarn sie beschimpfen und der Kindsvater, ihr Bruder, für unabsehbare Zeit im Gefängnis verschwindet. Deshalb hält sie den Schmerz allein aus, der sich anfühlt, als müsse sie sterben. Vorm Sterben scheint sie sich nicht besonders zu fürchten.

Susan K. ist ein Mensch im Ausnahmezustand, den wir aus finsteren Mythen kennen, auf dem aber auch die demokratische Rechtsordnung gründet. Homo sacer nennt der Philosoph Giorgio Agamben das rechtmäßig entrechtete, von einer Gemeinschaft ausgeschlossene Individuum, die sich durch diesen Akt der Ächtung erst zusammenschließt. Wer Agambens These vom "einschließenden Ausschluss" nicht verstanden hat, dem wird sie nun anschaulich durch einen tragischen Fall von Geschwisterliebe, der in diesen Wochen das Bundesverfassungsgericht beschäftigt. Susan K. liebt ihren Bruder Patrick S. auf eine Weise, die in Deutschland noch immer verboten ist. Das archaische Wort dafür lautet Blutschande, das modernere aus dem 19. Jahrhundert Inzest, unser Strafgesetzbuch spricht von Beischlaf zwischen Verwandten, und der kann, selbst wenn er aus Hingabe geschieht, mit Freiheitsentzug geahndet werden.

Warum? Das ist nicht leicht zu beantworten in einer Republik mündiger Bürger, wo Homosexualität und Ehebruch legalisiert sind und wo die sexuelle Selbstbestimmung, sofern sie niemandes Rechte verletzt, als Teil der Handlungsfreiheit gesetzlich garantiert ist. Denn der Paragraf 173 StGB bestraft nicht in erster Linie inzestuösen Missbrauch Abhängiger, der als Missbrauch ohnehin unter Strafe steht. Er bestraft auch nicht die Zeugung erbkranker Kinder oder Sex unter Brüdern. Er bestraft einvernehmlichen Vaginalverkehr mit "leiblichen Abkömmlingen" oder "leiblichen Verwandten aufsteigender Linie" oder "leiblichen Geschwistern" – ausdrücklich auch zwischen Erwachsenen. Eine innige Herzensbindung der Delinquenten erwirkt keine mildernden Umstände. Wo aber Liebe ein Verbrechen ist, wird Schwangerschaft zur Tragödie und der sonst von allen Instanzen gepriesene Nachwuchs zum Verhängnis.

Aus Angst wagt Susan K. ihrem Kind nicht einmal einen Namen zu geben

Am 14. April 2005 gegen elf Uhr vormittags klingelt in einer Anwaltskanzlei in der sächsischen Kleinstadt Zwenkau das Telefon. Susan K. ist dran und fleht den damaligen Anwalt ihres Bruders an, sofort zu ihr zu kommen. Joachim Frömlings Büro liegt nur wenige Minuten von ihrer Wohnung entfernt. Er wirkt heute noch nervös, wenn er von der zitternden, blassen, verschwitzten Frau und ihrem namenlosen, in eine Decke gewickelten Säugling berichtet. Was mache ich denn jetzt?, habe sie gefragt. Wie ein verängstigtes Tier habe sie im Zimmer gekauert und gewimmert: Die nehmen es mir doch sofort weg! Der Anwalt, selbst überfordert von der Situation, telefoniert seinen Kollegen Sven Kuhne aus Leipzig herbei, der Susan K. eigentlich vertritt. Mühsam überreden sie die erschöpfte Frau, sich in ein Leipziger Krankenhaus bringen zu lassen, wo niemand sie kennt. Ein seltsames Gespann, das da an die Pforte der Entbindungsstation klopft: ein gesetzter Herr von knapp 50, ein junger Mann Anfang 30 und die 21-jährige frisch niedergekommene Mutter mit Kind, aber ohne Kindsvater.

Patrick S. sitzt damals schon seit sechs Monaten in der Justizvollzugsanstalt Plauen, verurteilt zu knapp zwei Jahren Gefängnis wegen "einvernehmlichen Geschlechtsverkehrs" mit seiner Schwester. Die Beweismittel: drei gemeinsame Kinder. Alle drei sind zu diesem Zeitpunkt allerdings längst weg, von Jugendämtern in Obhut genommen, in Pflege gegeben – um des Kindswohls willen, wie man auf Amtsdeutsch sagt. Das erste Kind wird den Eltern im Januar 2003 im Alter von gut einem Jahr entzogen, nachdem diese "Hilfe zur Erziehung in einer anhaltenden Überforderungssituation" beantragt hatten, die anderen beiden kommen gleich nach der Entbindung im März 2003 und im April 2004 in Pflege. Dass Susan K. das vierte Kind behalten darf, hofft sie an jenem Frühlingstag 2005 verzweifelt.

Monatelang verheimlichte sie ihre Schwangerschaft, offenbarte sich keiner Freundin und keinem Verwandten, schwieg, wie sonst nur ungewollt Schwangere schweigen. Nicht einmal einen Namen wagte sie auszuwählen. Am Nachmittag jenes 14. April nimmt sie in einem Leipziger Klinikzimmer den Vorschlag ihres Anwalts an: Sofia. Es ist das griechische Wort für Tugend. Susan K. weint, als Kuhne und Frömling das Krankenhaus verlassen. Sie fürchtet zwar nicht, inhaftiert zu werden, denn bisher wurde sie nur nach Jugendstrafrecht angeklagt, weil sie beim ersten Kind 17 war und wegen leichter geistiger "Retardierung" weiter als minderjährig gilt. Trotzdem misstraut sie den Ärzten, sieht schon die Gesetzeshüter vor ihrem Wochenbett aufmarschieren, um die hochnotpeinliche Frage zu stellen, warum sie nicht wenigstens verhütet habe.

Dass Inzest den Genpool schädige, ist verbreitete Meinung

Da kommen doch behinderte Kinder raus! Den Vorwurf kennt sie, auch den Abscheu, als setze sie Wechselbälger in die Welt. Das monströse Kind, das nicht natürlich gezeugt, sondern von Hexen untergeschoben wird, der elternverschlingende Krüppel, Dickkopf, Kielkropf: Daran glaubt heute natürlich keiner mehr. Trotzdem ist das erste Argument gegen Inzest stets die Missgeburt. Wer Einwände wagt, dem werden ganze Alpendörfer volksgesundheitsgefährdender und krankenkassenbelastender Inzestkinder vor Augen gehalten. Seit der Radikaleugenik der NS-Zeit, als durch Zwangssterilisation, Euthanasie und schließlich Holocaust die Rassenhygiene ins Wahnhafte gesteigert wurde, sprechen die Deutschen zwar nicht mehr laut von "lebensunwertem Leben". Aber dass Behinderte die Gemeinschaft belasten, Inzest den Genpool schädige, ist verbreitete Meinung.

Deshalb hat der renommierte Strafrechtsanwalt Endrik Wilhelm seiner Verfassungsbeschwerde für Patrick S. eine lange Passage zur Volksgesundheit beigefügt. Tatsächlich führt inzestuöse Fortpflanzung nicht zur Degeneration von Erbgut. Durch deckungsgleiche Erbanlagen erhöht sich nur die Wahrscheinlichkeit, dass vorhandene "defekte" Gene, die bei den Eltern rezessiv waren, beim Kind dominant werden. Dieses Risiko besteht bei allen Menschen. Humangenetiker nennen eine Wahrscheinlichkeit von 1,5 bis 3 Prozent bei "normalen" Paaren, bei Geschwisterpaaren 25 bis 40 Prozent. Diese Zahlen sind jedoch anfechtbar, da sie auf schmalen empirischen Studien aus den sechziger und siebziger Jahren beruhen. Entscheidend ist heute, dass Menschen mit erhöhtem Risiko, behinderte Kinder zu zeugen, sich nach deutschem Recht nicht strafbar machen, wenn sie dieses Risiko eingehen – Behinderte ebenso wenig wie Spätgebärende. Denn das Grundgesetz weist allem menschlichen Leben einen absoluten Achtungsanspruch zu. Und wäre Sofia durch künstliche Befruchtung gezeugt worden, der Paragraf 173 hätte nicht zur Anwendung kommen dürfen. Trotzdem schwingen bei der Strafverfolgung von Patrick S. und Susan K. eugenische Argumente mit. Sind sie der geheime Strafgrund? Der Entzug der Kinder indirektes Strafinstrument?

Susan K. hat es wohl so empfunden. Als wir sie im Frühjahr 2007 in Leipzig zum ersten Mal treffen, schweigt sie geschlagene zwei Stunden. Ihr Schweigen ist nicht aggressiv, doch sie hat die Erfahrung gemacht, dass Worte alles verschlimmern und man sich am besten in sich selbst verkriecht. Susan K. ist zierlich, langhaarig, mädchenhaft trotz der Schminke, zu der man ihr geraten hat. Zur modischen Tarnfleckenhose trägt sie eine rosa Strickjacke. Sie sitzt dicht, aber nicht zu dicht neben ihrem Bruder, der für beide spricht. Zur Jeans trägt er eine rostrote Strickjacke. Patrick S. wirkt mit 30 immer noch jungenhaft, trotz Gefängnis, trotz zermürbender Strafverfolgung und dauernder Umzüge.

Die Vorgänge füllen mittlerweile mehrere Aktenordner. Patrick S. kann sie nur schwer zu einer chronologischen Erzählung ordnen, es ist ein Wirrwarr aus Namen, Wohnorten, Anklagen. Glück kommt nicht vor. Fragt man die Geschwister danach, blicken beide zu Boden. Vielleicht haben sie alles Schöne vergessen, vielleicht nur Angst, etwas Falsches zu sagen. In den Akten kann man nachlesen, dass sie anfangs sogar auf die Vernehmerfrage antworteten, warum sie "den Beischlaf vollzogen". Sie sagten Sätze wie: Es hat sich so ergeben. Oder: Wir wollten es beide. Später wurde daraus: Ich weiß nicht, was ich antworten soll. Irgendwann verstummten sie.

Euphoriker der romantischen Liebe würden sich natürlich mehr Selbstvertrauen wünschen. Mehr Mut zum Konventionsbruch, heroischeren Widerstand gegen die herrschende Moral, den Triumph des Gefühls über das althergebrachte Gesetz. Haben nicht die Franzosen das Inzestverbot bereits 1810 aufgehoben und mit Napoleons Code pénal die Freiheit des Individuums gegenüber dem Staat verbürgt? Hat nicht deutsche Rechtsprechung sich an den napoleonischen Reformen orientiert?

Nachdem im Februar 2007 die Verfassungsklage von Patrick S. angenommen wurde, entscheiden die Karlsruher Richter jetzt, ob sie öffentlich verhandeln und damit einen deprimierenden Fall von Kriminalisierung ins Schaufenster der Rechtsgeschichte stellen. Er zeigt, was geschieht, wenn der Paragraf 173 praktisch angewendet wird: Dann geraten zwei Menschen in eine Verurteilungsmaschinerie, und kein Richter fragt sich, welches Rechtsgut hier überhaupt bedroht ist, ob hier nicht im Namen des Familienschutzes Familie zerstört wird, ob die persönliche Vorgeschichte der Angeklagten eine Anklage rechtfertigt, ob es nicht auch Blutsverwandtschaft ohne sittliches Bewusstsein von Verwandtschaft gibt und schon deshalb unschuldigen Inzest.

Die Geschwister sind nämlich getrennt voneinander aufgewachsen, Susan K. bei der Mutter auf einem Dorf nahe Leipzig, Patrick S. bei einer Adoptivfamilie auf einem Dorf bei Potsdam. Als sie sich im Jahr 2000 kennenlernen, ist sie 16 und er 23. Sie waren beide als Vorschulkinder bereits im Heim, weil der alkoholkranke Vater sie schlug und die überforderte Mutter sie vernachlässigte. Sie haben beide eine Förderschule besucht. Zu DDR-Zeiten war es üblich, dass die Jugendämter den leiblichen Eltern adoptierter Kinder deren Aufenthaltsort verheimlichten. Als Patrick S. nach fast 20 Jahren zu Hause in Groß Dalzig auftaucht, ist es die Heimkehr eines verlorenen Sohnes. Die Mutter hat einen neuen Lebensgefährten, es gibt einen Großvater, mehrere Onkel, eine Tante. Patrick möchte ein paar Wochen bleiben, aus Wochen werden Monate, auch weil Susan dem Bruder von Anfang an "am Rockzipfel hängt", wie der Großvater später zu Protokoll gibt. Der Fehler der Geschwister ist aber nicht, dass sie sich ineinander verlieben, sondern dass sie es in der zutiefst kleinbürgerlichen deutschen Provinz offen zeigen.

Manche Behavioristen behaupten, es gebe eine angeborene Inzestscheu

Man muss sich einen niedrigen Plattenbau vorstellen und eine Erdgeschosswohnung mit bunten Fensterbildchen. Drinnen die gemusterte Couch, die Schrankwand aus Holzimitat, die praktische Küche. Wenn man vorn aus dem Fenster schaut, sieht man eine Wiese, Wäscheleinen, parkende Autos; hinten raus Bäume. Groß Dalzig ist ein typisches Nachwendedorf zwischen abgewickelter LPG und ausgekohltem Tagebau, sehr still, sehr grün, sehr in der Vergangenheit gefangen. Das waren noch Zeiten, sagen die Alten, als wir Arbeit hatten; sie schimpfen auf die Jungen, weil die unter dem Müßiggang weniger leiden.

Im Sommer 2000 arbeitet Mutter Annemarie K. als Reinemachefrau, Stiefvater Bernd G. ist arbeitslos, Susan beginnt ihr letztes Schuljahr und will danach eine Berufsvorbereitung im Altersheim machen, der geistig behinderte Stiefbruder Jan ist zwölf. In diese Flaute hinein platzt also Patrick: weit gereist (aus Potsdam), welterfahren (er war als Kinderferienlager-Betreuer in Bonn), souverän (mit Handy in der Hosentasche). Er ist zwar auch arbeitslos und hat die theoretische Abschlussprüfung seiner Schlosserlehre nicht bestanden, aber schon verschiedene Gelegenheitsjobs gemacht. Jetzt hilft er Susan bei den Hausaufgaben.

Manche Behavioristen behaupten, dass es sexuelle Anziehung zwischen Geschwistern nicht gibt. Weil die Entstehung des Inzesttabus als eines der ältesten und eines der wenigen universalen Tabus nie schlüssig erklärt werden konnte, versuchten Naturwissenschaftler seit dem 19. Jahrhundert es immer wieder vom Tisch zu wischen. Sie behaupteten, es gebe eine angeborene Inzestscheu, sozusagen ein im Blut liegendes "Blutschutzgesetz". Inzest als Krankheit, nicht als Entscheidung! Der finnische Ethnologe Edvard Westermarck glaubte, enger Kontakt seit frühester Kindheit verhindere sexuelles Interesse. Liebesmüde ältere Ehepaare werden dieser "Gleichgültigkeit durch Nähe"-Theorie vielleicht etwas abgewinnen. Doch sie leugnet den gesellschaftlichen Sprengstoff, der in dem Thema steckt: Wenn das Tabu ein begründungsloses, vorreligiöses, vormoralisches Verbot aus tiefster Menschheitsgeschichte ist, das von Theologen oder Staaten erst nachträglich zum Gesetz erhoben wird, warum sollten wir uns nicht davon emanzipieren dürfen? Anders gefragt: Wenn unser aufgeklärter Sittenkodex auf primitive Tabus zurückgeht, was ist er dann wert?

Solche gesellschaftlichen Paradoxien interessieren in Zeiten der Gentechnik leider kaum jemanden, stattdessen werden rein biologische Inzesttheorien wieder populär. Aus Amerika kommt das Schlagwort genetic sexual attraction (GSA), das besagt, sexuelle Anziehung zwischen Blutsverwandten, die lange getrennt waren, sei "genetisch" zwingend. Wenn das stimmte, müsste man Patrick S. und Susan K. sofort freisprechen als zwei Triebgesteuerte, die nicht Herr ihres Willens sind. Dann dürften wir erleichtert die großen Fragen ad acta legen, die das Inzestverbot aufwirft: was Liebe als Fundament der Familie, was Familie als Teil des Staates, was Sexualität als Gegenstand von Gesetzen sei und wie die auf Liebe gegründete Wahlfamilie sich zur Herkunftsfamilie verhalte.

Patrick S. lebte von seinem dritten bis zum siebten Lebensjahr im Heim. Dann kam er zu einem kinderlosen Ehepaar, erfuhr dort jene Liebe und Zuwendung, die Mutter Annemarie seiner Schwester nicht geben kann. Was sucht er nun in Groß Dalzig? Den fehlenden Teil seiner Kindheit. Was findet Susan in ihm? Vielleicht einen Retter. Man muss sich nur den betontristen Bahnhof des Dorfes anschauen mit diesem kaputten Wartehäuschen und diesen bröckelnden DDR-Laternen, um das Schicksalhafte ihrer ersten Begegnung zu erahnen. Die zarte, hübsche Schwester mit den grünen Augen ist für den Heimkehrer eine Überraschung, er wusste nicht, dass es sie gibt. Bei seiner Ankunft steht sie auf dem Dorfbahnhof und lächelt ihr hell aufblitzendes, freches und schamhaftes Groupielächeln.

Vielleicht ist Susan das Einzige, was ihn hier nicht enttäuscht, denn sein lange vermisster älterer Bruder Sven ist tot. Gestorben sind mindestens noch zwei weitere Kinder. Und die Mutter ist nun mal wenig mütterlich. Patrick, von dem die Initiative des Wiedersehens ausging, sagt, sie habe sich sehr gefreut, ihn wiederzuhaben, und ihn gebeten, länger zu bleiben. Doch bald gibt es Streit, und Annemarie K. will den Sohn wieder rauswerfen. Ihr Lebensgefährte Bernd G. mag ihn jedenfalls nicht. Und Susan? Sie hat sonst, wenn sie von der Schule kam, oft stundenlang allein in ihrem Zimmer gesessen. Jetzt ist jemand da, die leeren Nachmittage zu füllen. Er wirkt auf eine ungezwungene Weise cool, er hat freundliche Augen und lange Wimpern. Die beiden ähneln sich in der Art zweier attraktiver Teenager, von denen man sagen würde, dass sie zueinander passen.

Sie zu trennen und Exogamie per Gesetz zu verordnen erscheint auch aus der Geschichte des Inzests heraus nicht zwingend. Zwar verfemen ihn viele Kulturen: Im alten Indien gehört er zu den geistlichen Verbrechen, im christlichen Mittelalter symbolisiert er den Abfall von Gott, der Koran verbietet ihn ebenso wie das mosaische Recht. Andererseits gilt er auch als Privileg. Griechische, ägyptische, indische, japanische, nordische Mythen nennen die mächtigen Götterpaare Zeus und Hera, Isis und Osiris, Yama und Yami, Izanagi und Izanami, Freyr und Freyja. Geschwisterehe als Vorrecht der Herrschenden gab es in Persien, bei den Pharaonen und den Inkas; der europäische Hochadel favorisierte Eheschließung unter Verwandten als Mittel des Machterhalts.

Sigmund Freud hat als Erster die Ambivalenz des Tabus in einer Theorie aufgehoben. Für ihn ist inzestuöses Begehren die natürlichste, früheste Neigung des Menschen, die der Heranwachsende jedoch überwinden muss. Menschwerdung als Inzestentsagung und Kultur als Triebunterdrückung. Dass Freud den Inzest entdämonisierte, ohne das Tabu anzugreifen, wirkt heute vielleicht verklemmt. Doch seine sozialpsychologische Schrift Totem und Tabu lieferte das entscheidende, noch immer aktuelle Argument gegen die Leugnung inzestuösen Begehrens: Es gibt nur dort Verbote, wo auch der Wunsch zur Übertretung existiert.

"Dieses Glück ist eine Schande", titelt die Boulevardpresse

Sie hätten sich geküsst, wie sich eben nur ein Liebespaar küsst, teilt der Großvater von Susan und Patrick ein Jahr nach dessen Auftauchen in Groß Dalzig der Kriminalpolizei mit. Er habe den beiden gesagt, sie sollten das lassen, weil es sich zwischen Geschwistern nicht gehöre. "Da haben sie es gelassen und rückten ein bisschen auseinander." Trotzdem gehen sie jetzt immer Hand in Hand. Bei den ersten Beweisaufnahmen im Sommer 2001 tritt die ganze Harmlosigkeit des sogenannten Tatbestandes zutage. Zeuge Bernd G. beschreibt, dass "sie macht, was er sagt, und er macht, was sie sagt. Macht der eine nicht, was der andere sagt, dann tun sie eine Weile miteinander dumm, vertragen sich aber wieder." Auf Nachfrage ergänzt Bernd G.: "Ich denke, dass der Patrick einen ziemlichen Einfluss auf die Susan hat. Andersherum ist es auch so, dass Susan ziemlichen Einfluss auf Patrick hat. Sie machen alles zusammen."

Ja, schließlich auch Sex. Na und? Erst die Gerichte und die Bild- Zeitung bauschen es zu dem schändlichen Verbrechen auf, das es im Athen des Gesetzgebers Solon, im vorchristlichen Rom, im Alten Testament, im germanischen Stammesrecht und zu Zeiten nationalsozialistischer Rassenhygiene war. "Dieses Glück ist eine Schande", titelt die Boulevardpresse und hetzt gegen die "Inzest-Mutter" und ihren "Inzest-Bruder". Lateinisch incestus bedeutet unkeusch und ist verwandt mit castigare für zurechtweisen, züchtigen, strafen.

Schon Monate vor der Geburt des ersten Kindes Eric am 14. Oktober 2001 beginnen die Behörden mit eifriger Beweisaufnahme gegen die Geschwister. Im Juni zeigt das Jugendamt die Geschwister an. Im August verpflichtet die Kripo die Frauenärztin und den Amtsvormund der schwangeren Susan K., im Falle einer Fehlgeburt Alarm zu schlagen, damit der Fötus sichergestellt werden könne. Es soll auf jeden Fall ein Abstammungsnachweis erfolgen. Auch wenn die junge Frau das Kind verliert, will man nicht darauf verzichten, ihren Bruder anzuklagen.

Susan hat mittlerweile einen Vormund, weil die herzkranke Mutter Annemarie kurz vor Weihnachten 2000 überraschend gestorben ist. Der leibliche Vater lebt als Obdachloser irgendwo in Leipzig. Susan schließt sich noch enger an den Bruder an, die Liebe wird zur Rettungsringbeziehung. In dieser Situation soll der Vormund für das Mädchen ein Elternersatz sein. Doch Frau Müller* vom Jugendamt Leipziger Land hat nichts Besseres zu tun, als im Juni 2001, da ist Susan erst im fünften Monat schwanger, ihr Mündel zu verraten: Überkorrekt teilt sie der Staatsanwaltschaft Leipzig ihren "Verdacht einer Inzest-Beziehung gemäß Paragraf 173 Abs. 2, Satz 3, StGB" mit, vergisst auch nicht, die Vermutung zu äußern, dass Susan K. ihrem Bruder sexuell hörig sei. Woraus sie das schließt, behält sie für sich. Im Verlauf dieses Falles wird immer wieder das Bedürfnis braver Ankläger spürbar, den zweifellos einvernehmlichen Inzest in die Nähe eines Missbrauchs zu rücken. Patrick S. habe die Gutmütigkeit Susan K.s ausgenutzt, heißt es in einer Urteilsbegründung. Er sei nur auf seinen Vorteil bedacht gewesen. Welchen Vorteil? Da wird eine böse Absicht konstruiert, um die gesetzestextgemäße Bestrafung moralisch zu rechtfertigen.

Susan K. wird von ihrem Amtsvormund bei der Staatsanwaltschaft verraten

Im August 2001, als Susan K. im siebten Monat schwanger ist, verrät ihr Amtsvormund sie erneut: Sie hat während des Ermittlungsverfahrens gegen den Bruder die Aussage verweigert, doch Frau Müller teilt der Kripo brieflich mit, Susan habe ihr "unter vier Augen" bestätigt, dass der Vater des zu erwartenden Kindes Patrick S. sei. Im Übrigen bitte sie um "vertrauliche Behandlung" ihrer Denunziation, "um meine Betreuungstätigkeit nicht zu gefährden". Nur zwei Tage nach der Geburt des Kindes Eric am 14. Oktober 2001 mahnt die Betreuerin die Staatsanwaltschaft, "nun zu Beweiszwecken ein Blutgruppengutachten anzuordnen".

Solcher Stasimentalität kann man in Deutschland nicht leicht entkommen, wie sich eineinhalb Jahre später zeigt, als die verwaisten Geschwister schon in die Nähe von Patricks Adoptivmutter ins Bundesland Brandenburg geflüchtet sind. Im Januar 2003 ist es eine Frau Jäger* vom Jugendamt Potsdam, die der Staatsanwaltschaft Leipzig hinterbringt, dass Susan K. eine "erneute Schwangerschaft bekannt gegeben" und Patrick S. beim gemeinsamen Gespräch im Familienhaus der Arbeiterwohlfahrt den "Beischlaf mit seiner leiblichen Schwester eingeräumt" habe. Frau Jäger nimmt ihre Aufgaben ähnlich ernst wie die Kollegin in Sachsen und weist darauf hin, dass die "vermutlich neue Inzest-Sache des Herrn S." voll in seine Bewährungszeit fällt.

Es sind dieselben Ämter, die später darüber befinden, ob das Kindswohl von Eric, Sarah, Nancy und Sofia gefährdet sei. Deren leibliche Eltern hätten, so versichern die Jugendämter, jeder Inobhutnahme zugestimmt. Aber unter welchen Bedingungen? Trotz Hilfe oder aus Angst vor Sanktionen? Und welche Gefahr bestand? Susan K., hören wir, habe abends zu lange ferngesehen und sei morgens zu spät aufgestanden, Eric habe unregelmäßig zu essen bekommen. Tatsache ist, dass Susan K. und Patrick S. keine wohlsituierten Mustereltern sind. Tatsache ist auch, dass sie sich gegen Behörden nicht zu wehren wissen und fast allem zustimmen, was man ihnen einredet.

Susan K. hat eine leichte geistige Behinderung, die man nicht gleich bemerkt, weil ihre soziale Kompetenz ihre sehr viel niedrigere "Verbalintelligenz" ausgleicht. Doch sie kann kaum lesen und nur mühsam ihren Namen schreiben. Trotzdem lässt eine Leipziger Richterin sie eine Revisionsrücknahme als "selbst gelesen und genehmigt" unterzeichnen. Über mehrere Jahre hinweg fühlt keine Polizeistelle, kein Bewährungshelfer, kein Gericht sich zuständig, den Geschwistern einen Pflichtverteidiger zu besorgen. Dabei ist von Anfang an klar, diese beiden können sich nicht selbst verteidigen.

Als die 17-jährige Susan K. im August 2001 entscheiden muss, ob sie von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht gegenüber dem Bruder Gebrauch machen will, ist sie zunächst so überfordert, dass sie zu weinen beginnt. Als Patrick S. im September 2001 erstmals als Beschuldigter vernommen wird, gibt er zu, mehrfach mit seiner Schwester geschlafen zu haben, obwohl das erste Kind noch nicht geboren ist und demzufolge kein Beweis existiert. Er erzählt dem vernehmenden Beamten auch, dass das Jugendamt Borna für Susan einen Platz im Mutter-Kind-Heim besorgt habe.

Da wird im Hintergrund schon die Trennung organisiert – mit welcher juristischen Handhabe? Danach zu fragen, sind die Geschwister zu naiv, sie verhalten sich wie brave Kinder, denen man erklärt, dass sie etwas sehr Böses getan haben. Jahre später werden Psychologen in verschiedenen Gutachten herauspräparieren, welch ein Glück das Auftauchen des Bruders in Groß Dalzig für die Schwester war. Ein emotional schwer vernachlässigtes Mädchen wird aus seiner Isolation befreit. Sie lebt auf, weil sich endlich jemand um sie kümmert. Patrick kann im Gegensatz zu ihr kochen, selbstständig einkaufen und Bahn fahren. Er will, dass sie das auch lernt.

Für seine Mithäftlinge ist Patrick S. ein Perverser, sie verprügeln ihn

"Der Vorwurf besteht zu Recht", sagt Patrick S. in seinem ersten Prozess am 23. April 2002, "ich habe damit kein Problem." Das soll heißen, dass er die Anschuldigung akzeptiert, weil er zu seiner Schwester steht. Auf die Frage, ob er verstanden habe, warum einvernehmlicher Beischlaf zwischen Verwandten strafbar sei, antwortet er schlicht: "Nein." Die Erläuterung des Richters ist leider nicht überliefert, aber das Gericht verhängt eine unverhältnismäßig hohe Bewährungsstrafe. Sie wird der Grundstein für eine harte Gefängnisstrafe. Im März 2003 gibt Patrick S. zu Protokoll: "Warum ich erneut mit ihr den Beischlaf vollzog, kann ich nicht sagen. Ich habe sie aber lieb." Dass Naivität bestraft werden kann und die Strafe bei gewissen Delikten desto höher ausfällt, je ehrlicher der Beschuldigte aussagt, darüber ist dieser sich keineswegs im Klaren.

Wie viele Gerichtstermine sind nötig, bis einer begreift, dass er auch bestraft werden kann, wenn er niemandem etwas zuleide getan hat? Es gibt Filmaufnahmen aus dem Jahr 2005, da sitzt Patrick S. mit leerem Blick an einem Tisch in einer Gefängniszelle der JVA Plauen. Zwei Stühle, zwei Spinde, zwei Stockbetten, die gelblich verwaschenen Ornamente des Linoleums. Die JVA hat einen üblen Ruf. Sie rangiert in der Hierarchie sächsischer Gefängnisse weit unten, und ganz unten in der Plauener Gefängnishierarchie rangiert Patrick. Für die anderen Häftlinge ist er ein Perverser, nicht besser als ein Kinderschänder, also vogelfrei. Sie beschimpfen ihn, lassen die tätowierten Muskeln spielen, wenn er bei der Essensausgabe auftaucht. Seit sie ihn verprügelt haben, verzichtet er auf den Hofgang. Jetzt sitzt er reglos am Tisch. Seine Augen umschattet, die Haut fahl. Er hat zehn Kilo abgenommen. Nicht lange nach diesen Filmaufnahmen wird er als suizidgefährdet ins Leipziger Haftkrankenhaus verlegt.

Seine Peiniger brüsten sich derweil als Exekutoren des Volkswillens. Wirklich befürworten 76 Prozent der Deutschen (78 im Westen und 68 im Osten) laut einer aktuellen Umfrage des Spiegels das Inzestverbot. Spontan leuchtet dieser Vorbehalt allerdings nicht ein. Denn einvernehmlicher Inzest entspricht unserem modernen Ideal von der Liebe als einer Revolution zu zweit, als exklusiver Nähe und maximaler Vertrautheit. Von Wahlverwandtschaft spricht Goethe, von Seelenverwandtschaft Platon.

Die Romantisierung der Geschwisterliebe beginnt in Deutschland mit Goethes Wilhelm Meister, wo Naturrecht sich gegen Familie und Kirche behauptet, fortgesetzt wird sie von unterschiedlichsten Autoren wie Schiller, Brentano, Tieck, Byron, Shelley, Storm, Trakl, Camus… Sie alle sehen den Inzest als außerordentliche Tat gegen Vernunftheirat, Anpassungszwang und die Trivialität eines leidenschaftslosen Daseins. Die berühmteste Variante des Motivs ist wohl Thomas Manns Novelle Wälsungenblut über ein nibelungentreues Paar, das in dekadentem Narzissmus versinkt. Neuerdings bekommt die Geschwisterliebe jedoch einen harten sozialpsychologischen Akzent: In Ian McEwans Zementgarten ist sie trügerische Zuflucht für die Kinder einer zerrütteten britischen Vorstadtfamilie. In Cormac McCarthys Roman Draußen im Dunkel und Jeffrey Eugenides’ Middlesex scheitern die Liebenden an sich selbst, weil sie das Tabu, gegen das sie verstoßen, verinnerlicht haben.

Bei Patrick S. geschieht diese Verinnerlichung als brutale Selbstentäußerung. Vor Haftantritt im Herbst 2004, da ist er 27 Jahre alt, lässt er sich sterilisieren. Haben seine Vernehmer ihm nicht dauernd mangelnde Verhütung vorgeworfen? Hat nicht sein Richter Bernd Jähkel ihm in der Bild- Zeitung die Sterilisation empfohlen? "Ich sagte ihm, dass er wenigstens Kondome benutzen soll. Und wenn er kein Geld hat, solle er sie sich vom Sozialamt bezahlen lassen." Das klingt noch harmlos, doch Jähkel wird deutlicher: "Die Sache zwischen den beiden hätte nie jemanden interessiert, gäbe es die Kinder nicht. Sie sind die Opfer."

Der Richter findet offenbar, es wäre besser für die Kinder gewesen, nicht gezeugt zu werden. Das ist eine eugenische Argumentation gegen den Sinn des Grundgesetzes, auch darf laut BGB bei Sterilisationen das Wohl des ungezeugten Kindes keine Rolle spielen. Doch das scheint sich in Leipzig noch nicht herumgesprochen zu haben. Auf die Nachfrage von Bild, warum Jähkel bisher so milde geurteilt habe, antwortet dieser: "Für die Höchststrafe müsste der Fall schwerwiegender sein, beispielsweise wenn die Kinder schwerstbehindert sind." Zum Glück für Patrick S. sehen sie hübsch normal aus. Eric und Sarah sind zwar mehrfach behindert, in ihrer geistigen Entwicklung zurückgeblieben und in ihrer Motorik eingeschränkt, sodass sie mit sechs beziehungsweise viereinhalb Jahren noch an der Hand eines Erwachsenen laufen. Nancy dagegen ist, trotz einer Herzoperation nach der Geburt, heute vollkommen gesund. Ebenso die Kleinste, Sofia, die damals noch nicht auf der Welt war. Und was antwortet Jähkel auf die Frage, ob das Gericht eine Zwangssterilisation anordnen dürfe? Dass das ein massiver Verstoß gegen die Menschenrechte wäre? "Nein. Aber es würde sicherlich positiv bewertet, wenn Patrick sich von einem Urologen beraten lassen und den richtigen Schritt tun würde…"

Patrick S. tut ihn. Der Bild- Artikel ist am 21. August 2004 erschienen, am 3. September erhält das Gericht einen Brief von Patricks Anwalt Frömling, sein Mandant habe sich "zwischenzeitlich intensiv mit der Frage einer Sterilisation auseinandergesetzt" und bereits zwei Urologen sowie einen Psychologen konsultiert. Nun sei er fest entschlossen zur Sterilisation, woran man sehe, dass er seine Taten bedaure. Das Gericht möge deshalb den Antrag der Staatsanwaltschaft auf "Widerruf der Bewährungszeit" (also Gefängnisstrafe) abweisen.

Da legt sich ein gesunder Mann auf den OP-Tisch und lässt sich von Medizinern verstümmeln. Patricks Selbstopfer ist doppelt sinnlos wegen der Mitleidlosigkeit der urteilenden Instanzen und des Geltungsbereichs von Paragraf 173. Das hat Frömling leider verkannt. Er ist ein kleiner Anwalt aus der Kleinstadt Zwenkau, der mit derart heiklen Strafrechtsproblemen noch nie betraut war. Sein Mandant kam durch Zufall zu ihm, weil er beim Schwarzfahren erwischt wurde. Frömling legt im April 2004 sofort Berufung ein gegen das eben ergangene Inzesturteil von zehn Monaten, das in weiteren Prozessen noch aufgestockt wird. Warum jedoch nimmt er diese Berufung im August zurück? Ihm sei erst nach und nach aufgegangen, was die Geschwister schon alles zugegeben hätten, auch habe die nächste Instanz, das Landgericht Leipzig, ihm signalisiert, es bestehe keinerlei Chance auf Erfolg oder Prozesskostenhilfe. Zusammen mit Patrick S., der etwa 200 Euro Sozialhilfe bezieht und schon massenhaft Verfahrenskosten aufgebrummt bekommen hat, beschließt der Anwalt zu kapitulieren.

Auf der Straße werden Patrick S. und Susan K. beschimpft, auch verprügelt

Als endlich Frömlings Leipziger Kollege Kuhne eine Grundgesetzwidrigkeit des Paragrafen vermutet und im November 2004 beim Amtsgericht Leipzig eine "konkrete Normenkontrolle" des Paragrafen durch das Bundesverfassungsgericht anregt, ist es für den Verurteilten zu spät. Er sitzt bereits in der JVA Plauen. Außerdem sieht sein Richter keinen Anlass, beim Verfassungsgericht zu intervenieren. Kuhne und Frömling müssen nun den Instanzenweg einhalten und ziehen vors Oberlandesgericht Dresden. Patrick S. hat seine reichlich zwei Jahre Haft längst abgesessen, als das OLG am 30. Januar 2007 seine Revision ablehnt und findet, es sei "kein Rechtsfehler zum Nachteil des Angeklagten" begangen worden. Es räumt zwar ein, der "Schutzzweck" des Paragrafen sei zweifelhaft und der Tatbestand womöglich ungerechtfertigt, aber viele Zweifel ergeben zusammen dann doch keinen. Erst nach dieser Pointe ist der Weg frei für eine direkte Verfassungsbeschwerde.

Darf das Schicksal des Patrick S. und seiner Schwester die Karlsruher Richter beeindrucken? Wenn sie Wächter nicht nur über das Recht, sondern auch über die Gerechtigkeit in diesem Lande sind, müsste der konkrete Fall sie zu einer äußerst kritischen Befassung mit Paragraf 173 als rechtsphilosophischem Problem zwingen. Denn seine Anwendung bestätigt Agambens Verdacht, dass die Verrechtlichung der Gesellschaft eine Zurichtung des Individuums bedeutet, und bestätigt Hegels These, dass unsere universalen Rechtsnormen niemals neutral sind. Hegel, der selber die Ehe unter Blutsverwandten als unsittlich ablehnte, befürchtete ja, dass eine Rechtsordnung, sofern sie durch Weltanschauung geprägt sei, zur "Tragödie im Sittlichen" führe. Die Tragödie des Patrick S. besteht darin, dass er der Strafverfolgung nur durch Preisgabe seines Rechts auf sexuelle Selbstbestimmung entkommen kann. Egal, was er tut, er muss Freiheit mit Freiheit bezahlen. Entweder bleibt er seiner Liebe treu und geht ins Gefängnis, oder er entsagt der Liebe (leugnet zumindest den Beischlaf) und bleibt draußen. Ein Drittes gibt es nicht, es sei denn die Abschaffung des Paragrafen 173.

Es ist ein grauer Morgen im November 2006, als der Häftling Patrick S. in die Freiheit entlassen wird, die keine ist. Vorm Tor warten ein Fernsehteam und seine Schwester. Dass er so gebeugt geht, liegt nicht nur an den Taschen, die er mit sich schleppt. Auf dem öden Platz vorm Gefängnis, unter Bäumen ohne Laub versucht er ein Lächeln, eine Umarmung, ein paar optimistische Worte. Die unausgesprochene Angst lautet: Was jetzt?

Sein Leben ist entgleist. Er hat ja nur die Strafen für die Zeugung der ersten beiden Kinder Eric und Sarah abgesessen sowie eine Strafe wegen Körperverletzung gegen Susan, obwohl beide die Tat bestreiten. Damals hatten Verwandte aus Zwenkau gegen ihn ausgesagt, in deren Nähe Susan während seiner Haft trotzdem wohnte, weil niemand anderes da war. In Zwenkau, nur ein paar Kilometer von Groß Dalzig entfernt, lernte sie auch den Gartennachbarn Herrn B. kennen, von dem sie im Sommer 2006 das Kind Safira bekam. Herr B. ist fast 30 Jahre älter als sie. Susan K. sagt, er habe sich um sie gekümmert. Unterdessen ist Patrick S. in der Haft für die Zeugung von Nancy und Sofia angeklagt worden. Doch jetzt, vorm Gefängnistor, fliehen die Geschwister wieder zueinander.

Die Wirklichkeit ist nicht romantisch. Immerhin durfte Susan K. die gemeinsame Tochter Sofia behalten, was sie ausgerechnet der Bild- Zeitung verdankt. Nach der einsamen Hausgeburt im April 2005 hatte das Jugendamt dem Anwalt Kuhne eine Ausstattungsliste überreicht, da standen Punkt für Punkt die Bedingungen für Sofias Verbleib bei der Mutter. Normalerweise müssen die Eltern nicht nachweisen, dass sie sich um ein Kind kümmern können, aber bei Inzest gilt der Grundsatz in dubio contra reum. Jedenfalls ging Bild mit Susan einkaufen und bekam im Gegenzug eine "Geschichte", die diesmal nett ausfiel. Die zwiespältige Rolle der Medien in diesem Fall ist ein eigenes Kapitel.

Anfangs hatte Susan K. noch Spaß daran, schön frisiert und mit neuer Jacke vor Kameras zu posieren, damals entstanden Hochglanzfotos, auf denen die Geschwister nicht so verloren wirken wie jetzt. Aber dann wurden sie auf der Straße beschimpft, einmal sogar verprügelt, Susan K. färbte sich die Haare, um nicht mehr erkannt zu werden. Irgendwann hieß es, Frömling und Kuhne verkauften die beiden an die Medien. Tatsächlich gab es Verträge mit Privatsendern. Doch die Version der Anwälte, sie hätten die Öffentlichkeit im Sinne ihrer Mandanten nutzen wollen, scheint nicht völlig abwegig. Denn auf einige Zeitungsberichte hin schickten Leser kartonweise Spenden. Eine alte Dame schrieb dem Häftling regelmäßig Durchhaltebriefe. Der Filmproduzent, der die Geschwister jetzt betreut und auch einen Buchautor engagierte, hat ihnen nach der Haftentlassung von Patrick S. eine Wohnung nebst neuem Anwalt besorgt. Und in den Kurzbeiträgen für ProSieben und RTL sind Vorgänge dokumentiert, die an Amtsmissbrauch, wenn nicht an Rechtsbeugung grenzen und die sonst verborgen geblieben wären.

Zum Beispiel das Desaster, das die Kleinfamilie eine Woche nach der Haftentlassung ereilte. Die Kamera hat den Moment festgehalten, als Patrick S. und Susan K. mit ihrer anderthalb Jahre alten Sofia im Büro des Anwalts Frömling sitzen, der mitteilt, das Jugendamt Borna beabsichtige, unter Androhung eines richterlichen Beschlusses, ihnen ihre Tochter zu entziehen. Nach einer Schrecksekunde beginnt Susan K. kopfschüttelnd zu weinen. Während das fröhliche, wohlgenährte, gesunde Kind auf ihren Schoß zu klettern versucht, krümmt sie sich jammervoll. Patrick S. hingegen ist blass vor Zorn, vielleicht zum ersten Mal bricht das verletzte Gerechtigkeitsempfinden aus ihm heraus, er blickt nicht zu Boden, sondern dem Anwalt ins Gesicht und sagt: "Nein!" Und dass er jetzt bis zum Äußersten gehe. Natürlich hat er keine Ahnung, wie man äußerstenfalls die Familie rettet, die man als Kind nicht hatte und nun zu schützen versucht.

Sind die harten Urteile Zufall in einer Zeit, da Ehe und Familie erodieren?

Das jüngste Verbrechen der Geschwister besteht darin, dass sie wieder zusammen sind und Susan K. nicht mehr bei Herrn B. wohnt. Sofia sei akut gefährdet gewesen, lautet die offizielle behördliche Begründung, weil sie mit ihren Eltern mehrere Tage lang bei verschiedenen Freunden übernachtete, man hatte noch keine gemeinsame Wohnung. Bestimmt hat eine derartige Lappalie zuvor noch nie zur Androhung eines richterlichen Beschlusses geführt. Es gibt bei Paragraf 173 keine "Gefahr im Verzug", die eine gewaltsame Trennung potenzieller Delinquenten rechtfertigte. Immerhin macht der Jugendamtsleiter das Angebot, wenn Susan K. auf Safira verzichte, dürfe sie Sofia unter bestimmten Auflagen behalten, etwa dass sie ins Frauenhaus gehe. Was bleibt ihr übrig? Es ist an diesem Abend im November 2006, als sich die verweinte Susan K. mit Sofia auf dem Arm von Patrick S. verabschiedet, nur nicht ersichtlich, wem diese Trennung auf Zeit hilft. Während Mutter und Kind im Dunkeln verschwinden, winkt der Vater ihnen lange hinterher.

Ist es Zufall, dass die Gerichte eine unkonventionelle Liebe in einer Zeit hart verurteilen, da die traditionelle Institution Familie erodiert? Was Ehe, Elternschaft, Freundschaft, Sexualität ist, wird in unserer Epoche rasanter Individualisierung ja täglich neu erfunden. "Liebe ist Teil einer großen historischen Bewegung zur Freiheit", schreibt der Soziologe Karl Otto Hondrich, "die auf Liebe gegründete Wahlfamilie befreit von Fremdbestimmung durch Herkunftsfamilie und Herren. Liebe zieht auch eine Grenze gegenüber Politik, Wirtschaft, Religion, Wissenschaft und befreit, so gut es geht, von deren Zwängen." Bei einvernehmlichem Inzest führt Liebe jedoch mitten in gesellschaftliche Zwänge hinein.

Kommt man da wieder heraus? An manchen Tagen scheint es ganz leicht. Als wir Patrick S., Susan K. und Sofia an einem Sommernachmittag 2007 in einem Leipziger Vergnügungspark treffen, wirken sie beinahe wie eine glückliche Familie. Der Himmel ist blau, das Märchenschloss thront inmitten verwilderter Felder. Gleich am Eingang kaufen sie bunte Eisgetränke, für jeden eine andere Farbe. Dann gehen sie die Attraktionen inspizieren, die Wasserrutsche, die Miniachterbahn, die Riesenschiffschaukel. Gemacht wird aber, was das Kind will. Und weil es noch zu klein ist für fast alle Fahrgeschäfte, schaut die Familie eben nur zu.

Abwechselnd schieben die Eltern den Buggy. Sofia singt Mama-Mama-Mama. Mittags in der Freiluft-Bodega füttern Mutter und Kind sich gegenseitig mit Pizza. Am Ende fahren Vater und Kind mit einer lächerlich kleinen Eisenbahn in den Feierabend. Eine Zukunftsvision? Man möchte es glauben, wenn man nicht wüsste, wie verloren diese Kleinstfamilie ist. Sie haben zwar jetzt verlässliche Familienhilfe. Doch bei Onkel und Tante in Zwenkau können sie sich nicht blicken lassen, seit sie dort ihre Möbel abholen wollten und mit einem Gewehr bedroht wurden. Den kleinen Stiefbruder Jan und den Stiefvater Bernd G. in Groß Dalzig besucht Susan nicht mehr, weil Patrick S. nicht in die Wohnung darf. Das Positivste, was Bernd G. über Susan sagen kann: Sie habe keine Probleme gemacht, bevor Patrick kam. Großvater Gerhardt M. sagt: Susan habe noch nie viel getaugt.

Es ist eine düstere Geschichte von einsamen Menschen. Manchmal klingelt der leibliche Vater der beiden an ihrer Tür in Leipzig, wo sie jetzt wohnen, fünfter Stock im anonymen Plattenbau. Sie geben dem obdachlosen Alkoholiker ein paar Euro für Bier, damit er sie in Ruhe lässt. Zu dem Glück von früher, das es auch gab, ist der Kontakt abgerissen. Früher, das waren die Adoptiveltern von Patrick S. in Potsdam. Früher, das waren Susan K.s Ferieneltern in der Schweiz. Acht Jahre lang fuhr sie jeden Sommer fünf Wochen nach Appenzell auf die Alm. Das Mädchen sei damals, erzählt die Ferienmutter, übergesprudelt vor Mitteilungsbedürfnis. Im letzten Ferienjahr kamen dann Liebesbriefe von Patrick, die man Susan vorlesen musste. Leider sei es nicht gelungen, ihr Lesen und Rechnen beizubringen. "Aber ihr offenes Wesen hat uns allen gutgetan."

Zu diesem Zustand der Freiheit und Geborgenheit zurückzukehren wäre ein Traum. Doch noch stehen ein Jahr und fünf Monate Haft für Patrick aus. Ob die Geschwister gemeinsam aus dem Gefängnis des Inzesttabus herauskommen oder nur jeder einzeln? Susan K. hat sich bei dem Besuch im Vergnügungspark, als ihr Bruder in aller Öffentlichkeit den Arm um sie legen wollte, schnell weggedreht.

* Namen von der Redaktion geändert