Die Jüdische Kultusgemeinde Hameln-Pyrmont ist klein, 150 Mitglieder, man kennt sich. Und nun dies: Ein privater Sicherheitsdienst kontrolliert den Zugang zur jährlichen Mitgliederversammlung der Gemeinde, Einlass nur mit Einladung. Und geladen waren keineswegs alle Mitglieder der Jüdischen Gemeinde. Alla Samarina etwa hatte keine Einladung bekommen, die jahrelang für die überwiegend russischstämmigen Gemeindemitglieder gedolmetscht hatte, ebenso wenig die Leiterin des Frauenclubs und rund ein Dutzend weitere Gemeindemitglieder. Ein Jahr ist das jetzt her.

Die jährliche Gemeindeversammlung ist die Gelegenheit zur offenen Aussprache. Sie sei unerwünscht gewesen, vermutet Samarina, weil ihr in der eigenen Gemeinde vieles nicht passe. Wer ihr zuhört, der muss den Eindruck gewinnen, die Jüdische Kultusgemeinde Hameln sei unter die Räuber gefallen. Eine einzige Familie führe die Gemeinde wie ein Familienunternehmen, um sich selbst die Taschen zu füllen, sagt Samarina, um alleine zu herrschen und die anderen mundtot zu machen. »Ich dulde keine Kritik«, habe Jakov Bondar sie angebrüllt, der frühere Gemeindevorsitzende, »ich dulde keine Demokratie in meiner Gemeinde.« Bondar sei ein »Stalinist«, ein »Apparatschik«. Er lebe und denke immer noch so wie früher in Moskau, sagen seine Kritiker. Von Bondar ist dazu keine Stellungnahme zu bekommen.

Dieser Tage jähren sich wieder die »Reichskristallnacht« geheißenen Novemberpogrome des Jahres 1938. Wer aus diesem Anlass nach dem Zustand des Judentums in Deutschland fragt, der findet in den Hamelner Verhältnissen eine überzeichnete, aber nicht völlig falsche Antwort. Durch die Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion sind die jüdischen Gemeinden in Deutschland auf 120000 Mitglieder angewachsen. Doch die Kultur, die die Nazis zerstörten, lässt sich nicht in wenigen Jahrzehnten wieder aufbauen. Fast überall kämpfen Alteingesessene gegen die Zugewanderten und diese untereinander.

In Hameln wird der Streit um Macht und staatliche Zuschüsse besonders verbissen geführt, die Methoden reichen vom Ausschluss aus der Gemeinde bis hin zu Verleumdungen, Anzeigen bei der Polizei und anonymen Morddrohungen. Es ist ein Konflikt, der in einer Parallelgesellschaft spielt, in einem Milieu akademischer Hilfsempfänger, von denen kaum jemand die deutsche Sprache beherrscht. Vor den Nazis waren die Hamelner Juden wohlhabende Kaufleute und angesehene Bürger. Nach dem Krieg kam keiner von ihnen zurück. Erst Mitte der neunziger Jahre siedelten sich wieder Juden an. Sie kamen aus Moskau und Odessa, aus Kiew und Minsk. Sie sind Chemiker, Ingenieure oder Lehrer, deren akademische Abschlüsse in Deutschland nichts wert sind; sie leben von Hartz IV, die meisten sind Mitte 60.

Der Vorsitzende darf sich aus der Gemeindekasse bedienen

Alla Samarina ist 62 Jahre alt. Sie kam vor zwölf Jahren aus Riga nach Deutschland. Das Sofa in ihrer kleinen Zweizimmerwohnung in Hameln ist durchgesessen, im engen Bad hängt ein einziges, zerschlissenes Handtuch. Samarina ist Pianistin. Für das Klavier in der Wohnzimmerecke hat sie über zehn Jahre lang gespart. In ihrer Wohnung trifft sich seit einem Jahr die »Oppositionsgruppe«, diejenigen, die bei der Familie Bondar in Ungnade gefallen sind. Samarina ist die Einzige, die gut Deutsch spricht. Sie hat die Hilferufe an den jüdischen Landesverband Niedersachsen aufgesetzt, sie hat die Anzeige bei der Polizei formuliert und mit der Staatsanwaltschaft Hannover korrespondiert. Dabei geht es immer wieder um den Vorwurf, dass die Bondars Gemeindegeld veruntreuten und eine Willkürherrschaft aufgebaut hätten.

Jakov Bondar kam ebenfalls Mitte der neunziger Jahre nach Deutschland, er stammt aus Moskau. Zunächst gründete er einen russischen Kulturverein. Dann erkannte er, dass es nicht für Kultur, wohl aber für die jüdische Religion staatliche Zuschüsse in Deutschland gibt, und so gründete er 1998 die Jüdische Kultusgemeinde Hameln-Pyrmont. Seitdem wechseln er und seine Tochter sich im Vorsitz ab, der Vorstand besteht bis auf einen einsamen Oppositionellen aus Freunden der Familie.