Moskau – Nowosibirsk – Khabarowsk – Frankfurt/Hahn, das sind die wichtigsten Plätze, von denen aus Aeroflot, Russlands größte Luftfahrtgesellschaft, ihre Frachten über die ganze Welt verteilt. Hahn, den lange Zeit unbekannten Regionalflughafen im Hunsrück, adelten die Russen erst vor einem Jahr zum westlichen "Europa-Standort". Sie bauten eine neue Rampe mit zusätzlichen Rollwegen und Abstellflächen und weihten ein eigenes Verkaufsbüro in der Landeshauptstadt Mainz ein. Die rheinland-pfälzische Politprominenz begleitete das Engagement der russischen Geschäftsfreunde auf der einstigen Militärbasis stets mit viel Wohlwollen. Staatssekretär Carsten Kühl erschien persönlich, um die Aeroflot-Cargo-Verkaufsräume in der Mainzer Römerpassage zu eröffnen.

Mittlerweile hängt Hahn am russischen Geschäft wie an einem Tropf. Aeroflot bestreitet mehr als die Hälfte des Frachtverkehrs, beschäftigt achtzehn eigene Arbeitnehmer, zahlreiche Speditionen der Region – und hat weitere Investitionen in Aussicht gestellt. Der unbedeutende Regionalflughafen, dem ein Billigflieger einst durch Hinzufügung des Wörtchens Frankfurt im Namen Akzeptanz bei Kunden verschaffen wollten (in Wirklichkeit liegt Hahn 122 Kilometer entfernt von der hessischen Metropole), schien auf dem bestem Wege zu sein, sich zum regionalen Wirtschaftsmotor mit internationalem Ambiente zu mausern.

Bis zum 27. Oktober 2007. An jenem Samstag hielten die Sozialdemokraten in Hamburg ihren Bundesparteitag ab. Und an jenem Samstag wies Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee sein Luftfahrtbundesamt an, den mehr als dreißig Aeroflot-Transportern, die bis dahin jede Woche in Hahn aufsetzten, die Landeerlaubnis zu entziehen. Schließlich, so der Gedanke des Ministers, verweigere Russland dem Frachtflieger Lufthansa Cargo auch gerade die Überflugrechte nach Asien. Das bundesdeutsche Muskelspiel, heißt es offen in Berlin, sollte bei den anberaumten Gesprächen mit dem russischen Transportminister Igor Lewitin für "gleiche Ausgangspositionen" sorgen.

Einem anderen Genossen kam Tiefensees Vorstoß allerdings sehr ungelegen: SPD-Chef Kurt Beck. Der für den Flughafen Hahn zuständige Ministerpräsident des Landes Rheinland-Pfalz musste nämlich fürchten, dass das vom Bundesminister verhängte Landeverbot das regionale Wirtschaftswunder beenden könnte, sollte Aeroflot Cargo sein Geschäft einfach auf einen anderen Flughafen verlagern. Schließlich umwerben Köln/Bonn und Leipzig die Russen bereits seit Längerem.

Und so zog der Pfälzer seinen sächsischen Kollegen noch in Hamburg auf die Seite, um ihn zur Rücknahme des Verbots zu bewegen. Das berichten Delegierte. Im Berliner Verkehrsministerium heißt es, es sei "nicht ausgeschlossen", dass die "Mainzer Landesregierung" zur Sicherung des Flughafenstandorts Hahn interveniert habe. Gleichwie, das Ergebnis dürfte ganz im Sinne der Rheinland-Pfälzer sein: Schon am Montag, 29. Oktober, also am ersten Werktag nach dem Parteitag, zog Tiefensee das Landeverbot zurück.

Damit geht der Verkehrsminister nicht nur geschwächt in die deutsch-russischen Gespräche. Das Gezerre um die Frachtflüge zeigt auch, wie wenig Rückhalt er in den eigenen Reihen hat. Mit seinen eratischen und zuweilen verbissen anmutenden Entscheidungen hat er es geschafft, die Betreiber sämtlicher Verkehrsmittel gegen sich aufzubringen – und gleichzeitig mit allen seinen Plänen zu scheitern. Mit dem Börsengang der Bahn, den nun der Widerstand der SPD zu verhindern droht; mit der Privatisierung der Deutschen Flugsicherung; und auch der Parteitag entschied sich gegen den Willen Tiefensees für ein Tempolimit auf den Autobahnen – selten einmal dürfte ein Minister für seine politischen Vorstellungen in der eigenen Partei so wenig Unterstützung gefunden haben. Im Streit um die Landerechte der Aeroflot hat der Bundespolitiker Tiefensee nun sogar in der Regionalliga verloren.

Aus der Sicht eines Provinzflughafens lässt sich das Problem auch anders beschreiben: Wohl dem Unternehmen, das unter dem Schutz eines Parteivorsitzenden und möglichen Kanzlerkandidaten steht. Und wehe dem, könnte man aus Sicht der Lufthansa hinzufügen, der nur einen Bundesverkehrsminister auf seiner Seite hat.