Zurzeit bin ich dabei, ein Sommerhaus zu kaufen. Jeder Berliner Autor hat ein Sommerhaus. Früher hatten wir schon mal eines, aber es befand sich auf Pachtland, das Land wurde verkauft, und wir wurden mit dem Flammenschwert des Kapitalismus aus dem Garten Eden vertrieben. Das neue Sommerhaus soll in schöner Landschaft liegen und über einen schönen Garten verfügen, so viel Schönheit, hoffe ich, wird auf meine Texte abfärben.

Am letzten warmen Wochenende besichtigten wir Häuser in der Uckermark. Es heißt immer: Uckermark, die deutsche Toskana. Ich dachte, deutsche Toskana, da lebe ich wild und frei wie Joschka Fischer und gehe allen auf die Nerven wie Otto Schily. Ich habe, nur so zum Spaß, "deutsche Toskana" im Computer eingegeben. Sofort stieß auf den Vortrag eines Bamberger Professors, Wilfried Krings. Professor Krings hat wissenschaftlich herausgefunden, dass sich mindestens zehn deutsche Landschaften, in Ost und West, offiziell als "deutsche Toskana" bezeichnen, und zwar eine Gegend bei Bamberg, das Markgräflerland in Baden, das Saaletal südlich von Halle, der Ahrkreis, Moselfranken, der Hegau, der Kraichgau, die Pfalz, ein Teil Rheinhessens sowie die Uckermark, welche sich also bestenfalls mit dem Ehrentitel "östlichste Toskana Deutschlands" schmücken dürfte.

Während in der Vergangenheit deutsche Gegenden mit Bergen automatisch als "Schweiz" bezeichnet wurden (Sächsische Schweiz, Holsteinische Schweiz, Märkische Schweiz und so weiter), gibt es in der Gegenwart offenbar den Trend, alles Hügelige zur Toskana zu ernennen. Wenn man auf einer Deutschlandkarte gewissenhaft alle Schweizen und sämtliche Toskanen einzeichnet, stellt man fest, dass ganz Deutschland von Schweizen und Toskanen bedeckt ist.

Das heißt, die Frage, ob jemand von ostdeutscher oder westdeutscher Identität ist, verliert an Bedeutung zugunsten der Frage, ob man zu den deutschen Schweizern oder den deutschen Toskanern gehört. Anders gesagt, die geistige Teilung Deutschlands steht vor einer Wende. Einige Gegenden verfügen sogar auf engstem Raum über beides, eine Toskana und eine Schweiz. Irre – die fränkische Toskana gehört teilweise zum Naturpark Fränkische Schweiz! Während es in Berlin auf engstem Raum ein Ost- und ein Westdeutschland gibt, kann die Stadt Bamberg in unmittelbarer Nachbarschaft eine Toskana und eine Schweiz aufweisen. Bamberg ist das Berlin der Zukunft.

Ein Kollege, der in der Uckermark ein Haus besitzt, sagte: "Das Wichtigste in der deutschen Toskana sind die Nachbarn." Bei seinen Nachbarn sei es so, dass sie alle hart trinken und dabei tierischen Lärm veranstalten würden. Es seien auch alle im Dorf pro DDR, bis auf einen ehemaligen Dissidenten, auf dem alle als angeblichem Verräter herumhacken und der deshalb besonders viel trinkt. Das zu besichtigende, extrem schöne Haus gehörte einer Dame aus dem Westen. Sie sagte stolz: "Wir sind im Dorf jetzt schon sieben Westler plus ein Dissident."

Dissidenten sind Halbwestler. In jedem Dorf der Uckermark wohnt genau ein Dissident. Die Dissidenten sind aber menschlich schwierig, heißt es oft. Der Unterschied zwischen den Westlern und den Ostlern bestehe darin, dass die Westler ihre Häuser mit Holz restaurieren, Vorbild Bullerbü, während die Ostler immer Plastik nehmen, Vorbild Palast der Republik. Plastiktüren, Plastikfensterläden, Plastikblumen, nein, Plaste, sie nennen es ja Plaste. Plaste ist das Terrakotta der deutschen Toskana.

Zu hören unter www.zeit.de/audio