Puerto de la Cruz

So haben sich die jungen Männer den gelobten Erdteil Europa, von dem sie in Afrika träumten, gewiss nicht vorgestellt: ein Bergnest über der Nordküste von Teneriffa, mitten in der rußschwarzen Landschaft, die die verheerenden Waldbrände des Sommers hinterlassen haben. Die Dächer über den menschenleeren Gassen versinken in grauen Nebelschwaden, viele Häuser sind unbewohnt. Dazu der modrige Brandgeruch, der in alle Stuben und Kleider und Seelen gekrochen ist. Wer dieses Dorf betritt, möchte gleich wieder davonlaufen. La Montañeta heißt das Dorf, und die jungen Afrikaner, die hier zwischengelagert wurden, können eigentlich froh sein, dass sie nicht lange geduldet wurden. Denn kaum hatte sich die Nachricht herumgesprochen, dass das leer stehende Rotkreuzheim gleich hinter der Bar Gavilanes zu einem Auffanglager für illegale Einwanderer umfunktioniert werden soll, kam es zum kollektiven Aufruhr. "Da war hier die Hölle los", erzählt der Schankkellner. Alte Männer traten mit den Füßen nach den verstörten Ankömmlingen, Omas schrien rassistische Parolen. "Wir wollen sie hier nicht haben, die negros sollen bleiben, wo sie sind!"

Jetzt ist es im Dorf wieder friedlich und grabesstill. "Die Afrikaner wurden auf die Halbinsel transportiert", berichtet der Kellner. Die Halbinsel, das ist Spanien, 1500 Kilometer von den Kanaren entfernt. Den Innenhof des Auffanglagers ziert ein Wandbild: Fröhliche Kinder in allen Hautfarben, die sich auf einer Blumenwiese tummeln, darunter der Appell, niemanden zu diskrimieren. Es sind keine Fremden mehr da, an denen die alten Leute von La Montañeta ihre Mitmenschlichkeit üben könnten, aber ihr Argwohn ist geblieben und die Angst vor der nächsten "Invasion" aus Afrika. Die bisher einzige bestand aus 32 Jugendlichen.

"Die Neger vermehren sich wie wild, und dann fallen sie über uns her"

La Montañeta ist kein Sonderfall im Ferienparadies Teneriffa. Allerorten spürt man die Angst, dass sich das Annus horribilis 2006 wiederholen könnte. Die Leute schimpfen auf die unzähligen Cayucos, die Boote, die im Vorjahr 30000 illegale Immigranten auf den Kanarischen Inseln abluden. Sie reden wie ihre Lokalpolitiker, die gern zum Wörterbuch der Naturkatastrophen greifen und vor Lawinen, Flutwellen, ja, vor einem menschlichen Tsunami warnen. Noch größer ist die Angst vor denen, die noch kommen könnten. "Zwei bis drei Millionen Afrikaner sind startbereit, und langfristig könnten es noch viel mehr werden, 50 Millionen vielleicht", schätzt ein begüterter Rechtsanwalt, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, schon allein wegen der Äußerungen seiner Frau, einer zugewanderten Schweizerin. "Die Neger vermehren sich wie wild, und dann fallen sie über uns her. Hier werden sie gefüttert, eingekleidet, medizinisch versorgt und in Fünf-Sterne-Hotels untergebracht. Und obendrein erhalten sie auch noch einen kostenlosen Spanischkurs."

Beim Reizwort "Menschenrechte" wird die Dame richtig wütend. "Flüchtlinge, Asylschwindler, Migranten, ist doch alles das Gleiche. Sie schleppen nur die Negerkrankheiten ein, Aids, Kriminalität…" Wieder möchte man davonlaufen, aber man sitzt leider als Gast am Abendbrottisch. Anderntags, beim Baden an der Playa de las Teresitas, erzählt die Gastgeberin die Geschichte von den giftigen Skorpioneiern, die angeblich im Sand verborgen sind. Teresitas ist der einzige weiße Strand auf der Vulkaninsel Teneriffa. Der Sand wurde aus der Sahara herübergeschifft, und seit immer mehr Menschen aus dem Nachbarkontinent anklopfen, treibt die Angst absurde Blüten. Aber ist das Unbehagen der Tinerfeños nicht verständlich? Sie sitzen auf ihrem kleinen Wohlstandsarchipel und schauen hinüber auf einen riesigen Armutskontinent.