Ihre Stärke ist auch ihre größte Schwäche. Dank ihrer Zahl und ihrer Sozialstruktur können Ameisen-, Termiten- oder Bienenvölker nahezu jeden Lebensraum erobern. Doch das enge Zusammenleben von Tausenden oder gar Millionen Tieren birgt auch eine enorme Gefahr. Ähnlich wie in einer dicht besiedelten Großstadt können sich Krankheitserreger rasant verbreiten und in kürzester Zeit zu einer Epidemie auswachsen. Das erklärt zum Beispiel die verheerende Wirkung der Varroa-Milbe, die derzeit Bienenvölker vor allem in den USA bedroht. Wie schützen sich die Insekten vor solchen Gefahren?

Ihre stärkste Abwehrwaffe ist wiederum die Gemeinschaft. »Soziale Immunität« nennt die Regensburger Ameisenforscherin Sylvia Cremer die Fähigkeit der staatenbildenden Insekten, sich kollektiv gegen Parasiten und Krankheitserreger zu wehren. In der Arbeitsgruppe »Evolutionäre Immunologie« am Wissenschaftskolleg Berlin beschäftigte sie sich mit der ganzen Palette der verschiedenen Abwehrmechanismen; angesichts der erstaunlichen sozialen Strategien der Insektenvölker, die Cremer in der Fachzeitschrift Current Biology beschrieben hat, drängt sich der Vergleich mit einem Immunsystem geradezu auf.

Das Eindringen eines Parasiten löst in einem Insektenstaat meist mehrere Notfallprogramme aus: Die Bevölkerung wird mit Katastrophenmeldungen gewarnt, Krankenpfleger und Bestatter eilen herbei, zur Sicherheit wird das Hilfspersonal geimpft, befallene Tiere werden in Quarantäne gesteckt und versorgt – und wenn nichts anderes hilft, bricht ein »soziales Fieber« aus.

Die radikalste Schutzmaßnahme ist natürlich die Abschiebung von kranken, unerwünschten Tieren. Da ein Parasitenbefall potenziell den Untergang des ganzen Volkes bedeuten kann, geht von infizierten Nestgenossen ein hohes Risiko aus. Und tatsächlich lässt sich vereinzelt beobachten, dass etwa kranke Bienen aus der Kolonie verstoßen werden. »In der Regel werden infizierte Tiere aber intensiv gepflegt, obwohl dies die Krankenpfleger gefährden kann«, berichtet Sylvia Cremer. Ameisen und Termiten betreiben beispielsweise sogenanntes Allogrooming, das sich entfernt mit dem Lausen der Affen vergleichen lässt. Bei den Insekten putzt ein Tier ein anderes und knabbert dabei auch infektiöse Pilzsporen von dessen Körperoberfläche. Diese werden dann in den Backentaschen durch Speichel getötet. »Dennoch bleibt ein Ansteckungsrisiko«, sagt Cremer.

Wie klug die Insekten mit diesem Risiko umgehen, hat die Biologin in verschiedenen Experimenten mit Ameisen nachgewiesen. Dazu stellte Cremer Gruppen aus je drei Larven und sechs erwachsenen Ameisen zusammen und klebte einer der Arbeiterinnen Sporen des Pilzes Metarhizium anisopliae auf den Rücken. Der Pilz infiziert normalerweise die Ameisen – allerdings erst, wenn er in ihr Körperinneres eingedrungen ist. Das dauert mindestens 24 Stunden. Erst dann wird auch das Immunsystem des Tieres aktiv. Umso erstaunlicher war, dass alle Tiere in Cremers Experiment sofort ihr Verhalten änderten.

Die befallene Ameise blieb den Larven fern, während ihre gesunden Schwestern die Brutpflege verstärkten. Offenbar wurde also die Gefahr einer Ansteckung von allen Tieren noch vor Ausbruch der eigentlichen Krankheit wahrgenommen. Dennoch wurde das befallene Tiere von seinen gesunden Nestgenossinnen weiterhin geputzt – und die wiederum erhielten dadurch eine Art Impfschutz, wie Cremer zeigen konnte.

Als sie nämlich nach fünf Tagen auch die gesunden Arbeiterinnen den Pilzsporen aussetzte, erkrankten sehr viel weniger Tiere als in einer Vergleichsgruppe, deren Tiere vorher keinen Kontakt zu infizierten Ameisen gehabt hatten. »Die Krankenpflege muss irgendwie eine Immunisierung ausgelöst haben«, konstatiert Cremer. »Offensichtlich genügt ein einziges erkranktes Tier, um mehrere Arbeiterinnen zu immunisieren. Das wiederum sollte genügen, um einen Parasiten wenigstens lokal im Nest einzudämmen.« © Birgit Lautenschläger & Simon Tragust, Universität Regensburg BILD Ameise mit Pilzbefall (Klicken Sie auf das Bild, sehen Sie die Aufnahmen einer befallenen und einer gesunden Ameise im Riesenformat!)