ZEIT Online: Vor ein paar Wochen haben Sie Ihren Ökonomenkollegen Alan Blinder in einem Zeitungsartikel beschimpft. Er hatte das Outsourcing von Dienstleistungen über das Internet kritisiert, es vernichte Millionen von Arbeitsplätzen. Und Sie sagten, er solle umgehend "in die Gemeinschaft" zurückkehren. Ist die Nützlichkeit des Welthandels zum Dogma geworden?

Jagdish Bhagwati: Blinder behauptete wirklich, dass wir 40 Millionen Jobs verlieren werden! Was stimmt ist: 40 Millionen Jobs aus dem Bereich der Dienstleistungen stehen jetzt dem Welthandel offen.

ZEIT Online: Das sind Tätigkeiten wie technische Wartungsarbeiten oder Buchhaltung, die wegen des technischen Fortschritts jetzt nicht mehr von Leuten vor Ort erledigt werden müssen.

Bhagwati: Genau. Aber dass es für diese Tätigkeiten jetzt Konkurrenz gibt, heißt nicht, dass sie auch alle verlagert werden. Ich glaube das nicht. Für einen Ökonomen ist Outsourcing nur eine neue Art des Handels, an unseren Handelsmodellen ändert sich im Grundsatz nichts. Auch Blinders Verschreibungen waren nichts Neues: Kompensationen für die Verlierer in diesem Spiel und bessere Bildung fordern wir alle. Ich glaube, dass die Konkurrenz uns unterm Strich sogar nützt.

ZEIT Online: Ist das noch Wissenschaft oder schon Religion?

Bhagwati: Sie können rechnen, wie Sie wollen: Die volkswirtschaftlichen Gewinne aus dem Handel sind gewaltig. Wir müssen am Wirtschaftsaustausch teilnehmen, um diese Vorteile zu nutzen.

ZEIT Online: Auch wenn wir unsere Arbeitsplätze an Billiglohnländer verlieren?

Bhagwati: Das tun wir ja nicht. Arbeitskosten sind im Wettbewerb viel weniger entscheidend, als die Leute immer glauben. Nachrangig sogar, mit der Ausnahme äußerst arbeitsintensiver Branchen. Andere Faktoren sind die Infrastruktur, Steuern, die Verfügbarkeit von Rohmaterialien, die Lage von Zulieferfirmen ... das ist zusammen genommen viel wichtiger. Die Befürchtungen sind äußerst übertrieben.

ZEIT Online: Aber der Wettbewerb wird immer härter.

Bhagwati: Das stimmt, aber das geht mal zugunsten des einen Landes aus und mal zugunsten des anderen. Wer den Vorteil hat, ändert sich manchmal über Nacht. Mal liegt Boeing vorn im Wettbewerb der Flugzeugfirmen, mal Airbus. Ich habe das den kaleidoskopischen relativen Kostenvorteil getauft. Und ja: Jeder steckt im Wettbewerb, niemand kann sich mehr hinsetzen und ausruhen. Damit müssen wir umgehen lernen.

ZEIT Online: Wie denn?