Penthesilea reist ab. Sie hat die Koffer gepackt und sorgfältig auf einen Karren gestapelt. Lachend winkt sie zu ihren Schwestern hinüber, denn sie reist nicht allein. Ihre große Liebe hat sie dabei, den Griechenhelden Achilles. Zerstückelt liegt er im Reisegepäck. Man kann es daran erkennen, dass die Koffer Blut ausschwitzen, in dicken Schlieren quillt es aus dem Leder hervor. Die Amazonenkönigin ließ Achilles von ihren Hunden zerfleischen und schlug selbst die Zähne in seine Brust, so hat es die Botin Meroe atemlos berichtet. Aber jetzt wirkt Penthesilea ganz entspannt in der makabren Zweisamkeit mit ihrem Liebsten. Von Hass und rasender Wut ist nichts zu spüren. Zärtlich, als sei es honigsüß, leckt sie das Blut von dem Pfeil, der Achilles getötet hat, und liebkost die nassen Koffer – ein Moment von großer Innigkeit.

Hier ist eine Liebesbeziehung an ihrem rotsprudelnden Endpunkt angekommen. Und wer vermag schon genau zu sagen, ob das zähnefletschende Hyänenduell der beiden Liebenden eine tragische Verirrung der Gefühle war oder doch die einzig mögliche Erfüllung rasender Leidenschaft? Achilles jedenfalls hatte sich auf das Rendezvous gefreut und seinen letzten Weg tänzelnd angetreten. Er trug den gleichen weißen Sommeranzug, den Strohhut, das Halstuch, das Dandystöckchen wie der psychopathische Menschenverspeiser Hannibal Lector in der Schlussszene von Das Schweigen der Lämmer. Den Kuss als Biss wusste offenbar auch er zu schätzen, Herzensfresser war er wie Penthesilea. Es muss ein hingebungsvolles Festmahl gewesen sein, ein lustvolles Schmatzen in inniger Zuneigung.

Der Schweizer Komponist Othmar Schoeck hat in Heinrich von Kleists Penthesilea- Drama, das er Mitte der zwanziger Jahre zu einer Oper verarbeitete, andere Töne vernommen: das kalte Klirren eines Geschlechterkampfs, kehliges Kriegsgeschrei, dunkles Schicksalsgrollen, obsessive Unruhe. An die Elektra von Richard Strauss und Igor Strawinsky anknüpfend, schrieb er eine Partitur, in der das Orchester mit nur vier Geigen, aber einer massiven Cello- und Kontrabass-Sektion besetzt ist, in der neben zwei Klavieren, Bühnentrompeten und einem Stierhorn zehn (!) Klarinetten erklingen. Der Grundcharakter der Musik ist dementsprechend gellend, metallisch, abweisend. Die Kleistverse hat Schoeck stark gekürzt, aber wortgetreu erhalten. Die Oper wirkt in ihrer Dramatik zerklüftet und komprimiert zugleich.

Der Dirigent Mario Venzago, der Schoecks selten gespielte Penthesilea jetzt in einer eigenen Fassung auf die Bühne des Basler Theaters gebracht hat, vergleicht die Musik mit der Landschaft der Innerschweiz: Sie dränge nach Expansion und Weite, sei aber in dem Kleist-Stoff eingezwängt wie ein schmaler See zwischen hohen Bergen. Jede musikalische Welle breche sich, kaum dass sie entstanden sei, am nächsten aufragenden Felsen. In Basel hat Venzago versucht, Schoecks Musik in flacheres und lieblicheres Terrain zu überführen. Er nimmt den Fortissimo-Ausbrüchen die schroffen Spitzen, lässt das Waffenstarrende des Klangs zurücktreten, überantwortet die gesprochenen Passagen einer hinzugefügten Schauspieler-Rolle – und das Stück klingt freier, flüssiger und beweglicher.