Er besaß schon immer eine tiefe und echte Neigung zu Musikern, die mit ihrem Instrument schier verwachsen und auf vier Saiten zum Paradies vordringen. Nun hat sich – nach seinem feinen, ausführlichen Buch über große Geiger – der Münchner Musikjournalist Harald Eggebrecht den Cellisten zugewandt. Diese Berufsgruppe wurde in der ferneren Vergangenheit von schier mythischen Meistern wie Pablo Casals, Gregor Piatigorksy und Emanuel Feuermann angeführt; verjüngt wird sie seit geraumer Zeit von Hochbegabungen wie Daniel Müller-Schott, Alban Gerhardt, der gefeierten Sol Gabetta und anderen. Zu Hochzeiten des Cellospiels gab es ein hinreißend-vielköpfiges Ensemble von Künstlern mit gänzlich unterschiedlichem Naturell, nennen wir nur Janos Starker, Pierre Fournier, Jacqueline du Pré, Enrico Mainardi, Paul Tortelier. Noch heute sind in Heinrich Schiff, Natalia Gutman, Mischa Maisky, Pieter Wispelwey, Yo-Yo Ma oder David Geringas beeindruckend vitale Persönlichkeiten des Fachs Dauergäste auf den internationalen Konzertpodien. Kürzlich fiel in Mstislaw Rostropowitsch die russische Birke der Zunft um.

Mag das Cello mit der Wirkungsmacht der Geige nicht ganz konkurrieren können, so kommt es doch zu Eggebrechts und unserer Freude als Soloinstrument nicht aus der Mode. Das Violoncello gilt als Resonanzraum des Expressiven, als Feuerstelle der Authentizität; selten sind Cellisten Blender. Im Gegensatz zur Violine hat das Cello das Erdgeschoss des Streicherklangs gemietet, doch besitzt es einen Fahrstuhl in die Höhe und eine Durchreiche zum Himmel.

Um Musiker, die wie Nachtalben nur im Dunkeln gründeln, handelt es sich bei Cellisten kaum je. Auch diese Musiker sind Sänger und Redner, Marktschreier und natürlich Melancholiker, sie können kreischen und flöten, lispeln und brüllen. Das Cello ist die menschliche Stimme in Baritonlage. Trotzdem hängt, wenn dieses Instrument erklingt, alles vom Wesen des Musikus ab, was er aus seinem Gerät macht.

Das Buch bietet aufschlussreiche, feinsinnige Protokolle von Karrieren, Stilen und Temperamenten. Pablo Casals war über seine cellistische Bravour hinaus eine "moralische Instanz"; Emanuel Feuermann erwies sich als furiose Persönlichkeit, die ihre Virtuosität einzig als Schlüssel zur künstlerischen Freiheit verstanden wissen wollte; der unvergessliche Gregor Piatigorsky besaß einen "federnden, muskulösen Celloton von jugendlicher Kraft", wenn er etwa Tschaikowskys Rokoko-Variationen spielte.

Eggebrecht hat nicht alle der großen Cellisten live gehört, aber sein Schallarchiv ist bestens bestückt und erlaubt ihm Schilderungen von hohem Einfühlungsvermögen und barocker Formulierlust. Bei Eggebrecht kann sich der Leser oft vorstellen, wie es klingt – das ist fraglos die schönste Eigenschaft, die ein Musikjournalist besitzen kann. Ein weiterer Pluspunkt ist in der liebenswürdigen Integration der Bratsche zu sehen, die es als Soloinstrument allenfalls verschämt zu Ehren bringt und die im modernen Musikbetrieb oft in derben Witzen verfeuert wird.

Dass es auf der Viola Künstler von Erlauchtheit und Grandezza gab und gibt, daran erinnert Eggebrecht ohne jede Bemühtheit in zwei Interludien seines Buchs. In der Tat, was wäre unsere Musikwelt ohne Tabea Zimmermann? Widersprechen möchte man Eggebrecht allerdings in einigen Details. In seinem Einleitungsessay schreibt er vom "zunehmend älter" werdenden Publikum, eine Fehlprognose, die der statistischen Realität kurioserweise nicht entspricht, obwohl sich die höhere Lebenserwartung der Neuzeit auch in Konzertsälen herumgesprochen hat.