Zuerst ein Tipp: Schämen Sie sich nie, ein Buch nicht gelesen zu haben! Die Menge des Ungelesenen wird immer überwiegen. Das könnte mutlos machen – oder befreien zu lustvollerem Reden über Literatur. Kurz gefasst, ist das die Meinung des Literaturwissenschaftlers und Psychoanalytikers Pierre Bayard, der denn auch in Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat den kategorischen Unterschied zwischen gelesen und ungelesen kritisiert. An welches Werk erinnert man sich denn genau? Stattdessen entstehen "Deckbücher", wie Bayard sie nennt. Unsere Vorstellungen, Erinnerungen, Urteile treten an die Stelle des Buchs. Bayard versteigt sich nun zu der These, man solle sich mit der Lektüre nicht aufhalten, sondern Werke gleich selbst entwerfen aus dem, was man über Bücher wisse oder meine. Damit macht sich Bayard überflüssig. Nur der Kritiker muss von hier an weiterlesen und trifft auf umständliche Argumentation, häufige, lange Zitate, Halbwahrheiten, undeutliche Definitionen. Als Trost-Essay für überforderte Leser hätte das vergnügen können, als Buch ist es Zeitdiebstahl und ein Intellektuellenscherz.

Wie klug hat dagegen vor über 200 Jahren Karl Philipp Moritz alles Wichtige über das Lesen erzählt, in Anton Reiser. Ein psychologischer Roman. Hier schließt Lektüre dem jungen Helden die Welt auf, sie ermöglicht ihm Fluchten aus bedrückender Wirklichkeit. Erst liest er intensiv seine wenigen Bücher, dann folgt das extensive Lesen, die Lesesucht und Lesekrankheit. Er verliert sich phasenweise an die Welt der Fiktion, beginnt selbst zu schreiben. Mit viel Glück befreit er sich, entwickelt ein systematisches Lesen und genießt jetzt ganz neue "Wonnen des Denkens".

Anton Reiser hätte Mortimer J. Adlers und Charles van Dorens Wie man ein Buch liest viel Zeit erspart, denn es widmet sich dem immergrünen Problem, dass man zwar lesen, aber nicht vernünftig zu lesen lernt. Das Ergebnis ist nicht selten eine Lektüre ohne Spuren. Obwohl der Ratgeber erstmals vor fast siebzig Jahren erschien, sind die sehr pädagogischen und umsichtigen Vorschläge der Autoren immer noch anregend. Fett gedruckte Regeln weisen den Weg vom elementaren zum prüfenden, zum analytischen und schließlich zum synoptischen Lesen. Der letzte Punkt betrifft die vergleichende Lektüre von mehreren Büchern zu einem Thema. Wichtig ist allein schon der Hinweis, dass es nicht um schnelleres Lesen geht, sondern um jeweils angemessenes Lesetempo. Altmodisch, doch schlagend wirken Sätze wie: "Der Leser, der sich beim Lesen mehr bemüht, sowohl sich als auch dem Text mehr abverlangt, ist der bessere Leser." Oder: "Bevor Sie ein Buch kritisch beurteilen, müssen Sie es verstanden haben."

Hauptsächlich konzentrieren sich Adler/van Doren auf die Lektüre von Sachbüchern, aber man kann ihre Ratschläge auf fast alles Geschriebene anwenden. Ihr Vorgehen gleicht in Bedächtigkeit und Genauigkeit einem logischen Exerzitium, die Empfehlungsliste mit Schwerpunkten in Antike, Mittelalter und Naturwissenschaft könnte abschrecken, hie und da wird es gar zu freudlos, dann aber wieder ermuntern treffende Beispiele und offensichtliche Liebe zum Gegenstand. Am besten, man hängt sich die am Ende stehende Liste der Regeln über den Schreibtisch, um das Lesen neu zu lernen.

Etwa vier Millionen Deutsche wären damit allerdings überfordert, denn sie sind Analphabeten. Die Schande für unsere Gesellschaft und Schulen könnte kaum größer sein. Ausgesetzt sind diese Leute einer Dauerfremdheit, fast chancenlos, sich selbst einen Weg aus der Misere zu bahnen, ausgeschlossen von den "Ideenparadiesen" und ohne unser wohlfeiles Fluchtmedium. Literaturverführer sehen darin sogar – ganz positiv – den Hauptreiz der Lektüre: Eskapismus! Elias Canetti schreibt denn auch, die Dichter seien die "Hüter der Verwandlung", weil sie Texte über Verwandlungen tradierten, weil sie sich beim Schreiben verwandelten, weil sie dem Leser Verwandlungen ermöglichten und weil sie den Gedanken an die Möglichkeit zur Verwandlung bewahrten.

Das klingt ganz unverächtlich nach Lebenshilfe. Tatsächlich spricht schon die Antike von der therapeutischen Wirkung der Literatur, und noch heute verschenken Millionen Bücher als Arznei, zum Beispiel Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke: "Enthält alte und neue Gedichte des Verfassers für den Hausbedarf der Leser. Nebst einem Vorwort und einer nutzbringenden Gebrauchsanweisung samt Register". In dieser schönen Gedichtsammlung findet man Lyrik für alle Lagen: "wenn das Alter traurig stimmt", "wenn es Herbst geworden ist", "wenn die Liebe entzweiging" oder "wenn mal das Selbstvertrauen wackelt". An dem Büchlein orientierte sich noch Rainer Moritz mit seiner Überlebensbibliothek, die Rubriken hat wie "Wer sich selbst unterschätzt, der lese: Hans Christian Andersen, Das hässliche Entlein " oder "Wer unter Eifersucht leidet, lese Marcel Proust, Eine Liebe Swanns ".