Sein Leben, gebündelt in einem Satz? Vielleicht so: Er war ein fantastischer Geschäftsmann und schaffte es dabei, sich bis ins Alter den neugierig staunenden Blick eines Kindes auf die Welt zu bewahren. Oder: Schon mit dreißig war er unglaublich reich, berühmt und erfolgreich.

Sein Vater war ein Zimmermann, er konnte die siebenköpfige Familie nur schlecht ernähren. Später erinnerte sich der erwachsene Junge: "Meine Mutter ging mit hinaus und hämmerte dort und sägte Bretter für die Männer." Er selbst fing als Neunjähriger an, im Morgengrauen Zeitungen auszutragen: "Im Winter war der Schnee bis zu drei Fuß hoch. Ich war ein kleiner Junge und stand bis zu meiner Nase im Schnee. Ich habe immer noch Alpträume davon." Von dem verdienten Geld durfte er kein Taschengeld behalten, der Vater nahm ihm und den Geschwistern alles gleich ab. Während Gleichaltrige also spielten und geregelt zur Schule gingen, bestanden seine Kindertage auch schon aus Arbeit. Und hätte er nicht einen älteren Bruder gehabt, der sich liebevoll um ihn kümmerte – wer weiß, was aus ihm geworden wäre. Aber zum Glück waren da auch noch die bunten Welten in seinem Kopf, in denen er sich jederzeit hinwegträumen konnte. Sie müssen ihn getragen haben – und dazu die Vision, dass er später vielleicht einen Beruf daraus machen würde.

Diesen unbeirrten Willen hat er, scheint’s, früh entwickelt; so schaffte er es im Teenageralter, dem strengen Vater das Geld für den Unterricht an der Kunstakademie abzuschwatzen, manchmal auch noch für eine Kinokarte. Nur wenige Jahre darauf gelang es dem Mittellosen dann gegen alle äußeren Widerstände, das Budget für ein erstes Projekt zusammenzukriegen. In dieser Zeit heiratete er auch: eine junge Kollegin, die an sein Talent glaubte und in seiner jungen Firma mitarbeitete. Später scherzte er, er habe ihr derart viel Lohn geschuldet, dass ihm keine andere Wahl geblieben sei, als sie zu heiraten. Die Ehe verlief beständig und anscheinend auch recht glücklich. Ob er freilich Zeit fand, seinen zwei Töchtern neben der Arbeit ein präsenter Vater zu sein – darüber kann an dieser Stelle nur spekuliert werden. Bekanntlich war er wie besessen davon, jedes noch so winzige Detail möglichst selbst zu kontrollieren und alles perfekt zu gestalten; da wird das Familienleben schon mal zugunsten der Firma gelitten haben. Eine seiner Töchter schrieb übrigens eine Biografie über ihn, in der sie seinen bescheidenen Lebensstil hervorhob, er habe Kleider von der Stange getragen und am liebsten Pommes oder Pasta gegessen.

Familienbande als Thema: Das beschäftigte ihn zeitlebens. Leitmotivisch spielte er es immer wieder durch, noch in seinem letzten Werk war es ein Plot: das Verhältnis Eltern/Kinder, wie es gelingt oder schiefgeht – und wie Kinder es schaffen können, mit oder ohne Eltern stark zu werden und mutig ihre Träume zu verwirklichen.

Ihm selbst gelang das auf unnachahmliche Weise. Politisch im erzkonservativen Lager angesiedelt, schuf er in seinem Genre dennoch ein nahezu revolutionäres und wegweisendes Werk, das mit seinem Namen verbunden bleibt. Dass das alles vor Jahrzehnten in einer Garage im Hinterhof begann, in der Mäuse und Katzen herumstromerten, wird aber eher zu all den Mythen und Märchen zählen, die sich um ihn ranken.

Wer war’s?

Frauke Döhring

Lösung aus Nr. 45:
In Odense auf Fünen 1805 geboren, ging Hans Christian Andersen 1819 nach Kopenhagen. Ohne Erfolg beim geliebten Theater reüssierte er mit Erzählungen und Reiseberichten. 1835 erschien das erste Heft seiner international überaus erfolgreichen Kunstmärchen, bis 1872 folgten weitere Hefte. Auf seinen ausgedehnten Reisen durch Europa gewann er Bewunderer, Dichterfreunde und Förderer, darunter Adelbert von Chamisso, Ludwig Tieck und den Großherzog Karl Alexander von Sachsen-Weimar. Er starb 1875 in Kopenhagen. Seine Autobiografie trägt den bezeichnenden Titel "Das Märchen meines Lebens ohne Dichtung"