Die Nacht verblasst, der Morgen schimmert schon ins Zelt herein. Etwas raschelt im Gras, hält inne und wandert langsam weiter. Durchs Gazenetz des Fensters ist nichts zu sehen. Sind es die letzten Flusspferde, die von ihren Weiden heimkehren wie Trunkenbolde nach einer durchzechten Nacht? Oder schon die ersten Helfer unseres Camps, die das heiße Wasser für die Waschschüssel bringen und ein Tablett mit Keksen und Kaffee? Oder haben sich unsere Pferde selbstständig gemacht und streunen jetzt ums Lager? Ein Flüstern weht herüber, es sind Menschen. Die Nilpferde habe ich vorerst verpasst.

Man hört genauer hin, wenn man draußen im Busch schläft, nur durch eine Zeltmembran von Afrika getrennt. Einmal den Reißverschluss hochgezogen, und schon stehe ich mitten in einer Urlandschaft, mit Blick auf die lang gestreckte, seichte Lagune von St. Lucia. Eine Pfütze, halb so groß wie der Bodensee, mit der angeblich höchsten Nilpferddichte der Welt. Dieser Strandsee, den bewaldete Dünenzüge vom Indischen Ozean trennen, bildet den Kern des Greater Saint Lucia Wetland Parks , einer der ungewöhnlichsten Naturlandschaften des südlichen Afrikas. Eine amphibische Welt, ein vielgestaltiges Sowohl-als-auch von Land und Meer, Salz- und Süßwasser, Sumpf und Savanne. Anders als der Krüger- oder der Addo Elephant Park, die mittlerweile wie eine Mischung aus Zoo und Verkehrskindergarten anmuten, ist dieser 220 Kilometer lange Küstenstreifen südlich von Mosambik nahezu unerschlossen. Es gibt am Südeingang den kleinen Touristenort St. Lucia, nach dem der Park benannt ist, und die Straße nach Cape Vidal. Die Menschen dürfen die Autos nicht verlassen, die Autos nicht die Straße. Ein paar Stichstraßen führen zu kleinen Bootshäfen und Tauchbasen.

Auch deswegen geht man hier auf Reitsafari, weil das Gelände anders kaum zu durchdringen ist. Zwei Tage lang wird Richard Daugherty mit uns ausreiten, werden seine Frau Sarah und die sechs übrigen Mitarbeiter der Bhangazi Horse Safaris das Zeltlager am Laufen halten, die Pferde versorgen, werden kochen und putzen und bügeln, nur damit wir uns im Busch wie zu Hause fühlen. Fertig gesattelt und aufgezäumt führen sie uns die Tiere zu. Ein Strohballen dient als Aufstiegshilfe. Für mich hat Richard eine kleine, mahagonibraune Stute namens Demi auserkoren, weil sie fügsam und erfahren sei. Erst später wird er mir verraten, dass sie ein rasantes Vorleben hatte und lange als Polopferd im Einsatz war.

Es ist buchstäblich ein erhebendes Gefühl, an einem kühlen Morgen auf einem warmen Pferderücken zu sitzen. Demi hat sich an vorletzter Stelle eingereiht. Im Gänsemarsch trotten die Pferde dahin, wie Bergwerkskumpel auf dem Weg zur Frühschicht. Sie scheinen unempfänglich für den Glanz der aufgehenden Sonne, für das Rudel Buschböcke dort drüben, für das vom Tau befeuchtete Spinnennetz, das funkelt wie ein Diadem. Stattdessen tragen sie fortwährend ihre Rangordnung aus, die sich in vielen kleinen Drohgesten und gelegentlichen Überholmanövern äußert. Doch hier, in unübersichtlicher Baumsavanne, wird dieses Verhalten verständlich: Den Letzten beißen die Löwen. Dass es in St. Lucia derzeit keine gibt, das können die Pferde nicht wissen.

Die meisten anderen charismatischen Großtierarten aber gehören wieder zum Inventar des Parks. Obwohl St. Lucia zu den ältesten Naturschutzgebieten des Landes zählt, war sein Status bis Mitte der neunziger Jahre reichlich unklar. Staatliche Pinienplantagen bedeckten große Teile des Gebiets, und in den Dünen wurde Titanium abgebaut. Doch eine der größten Umweltkampagnen in der Geschichte Südafrikas brachte den Umschwung. Seither läuft hier das gewaltige Experiment, eine etwas verwahrloste Nutzlandschaft wieder in Wildnis zu verwandeln. Mehrere Millionen Pinien wurden bereits gefällt. Ihre Stümpfe sind hier und da noch zu sehen, meist jedoch hat das Gras sie bereits überwuchert. Zugleich wurden Scharen von Wildtieren ausgesetzt, von der Schleichkatze bis zum Elefanten. Wohl auch deswegen hat der Park nun, wie dies hier derzeit üblich ist, einen neuen, einen afrikanischen Namen erhalten: Isimangaliso. Was in der Sprache der Zulu so viel wie "das Wunder" bedeutet.

Abgesehen von gelegentlichem Glucksen und Trillern in den Büschen, bleibt es zunächst ruhig. Richard scheint etwas zu suchen, reitet von Nordost nach Nordwest und wieder zurück. Auf einem Sandweg finden sich allerhand Spuren – doch die meisten stammen von Hufeisen. Etwas später passieren wir einen eisernen Pferch, eine martialische Konstruktion wie aus Jurassic Park, in der Großtiere auf ihre Auswilderung vorbereitet werden. "Als vor ein paar Jahren die ersten Elefanten freigelassen wurden", erzählt Richard, "marschierten sie schnurstracks durch die Lagune ans Westufer. Seither leben sie genau dort, wo vor hundert Jahren die letzten Elefanten erlegt worden sind."